14. Eigene Recherchen

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Ms. Crow erteilte mir für einen Monat Hausarrest und meine Mutter schien nicht vorzuhaben, sie von ihrem Vorhaben abzubringen. Sie war tatsächlich auch etwas verärgert über mein und Joelines unbefugtes Betreten.

„Wir haben dir gesagt, dass du das Zimmer deiner Großmutter nicht betreten sollst.", wies sie mich zurecht.

Ms. Crow betonte: „In diesem Haus gibt es Regeln. Wie in jedem anderen."

Am Wochenende langweilte ich mich ganz fürchterlich, weil nicht einmal Joeline mich in meinem Gefängnis besuchen durfte. Ms. Crow und Mama nahmen sie als Anstifterin wahr und gewährten ihr keinen Einlass. Wir würden uns für eine Weile nur an den Schultagen zu Gesicht bekommen.

Quälend war die lange Zeit am Wochenende, weil ich mich lediglich mit Hausaufgaben und meinen Gedanken beschäftigen konnte. Und in denen herrschte ganz schönes Chaos.

Was hatte es mit Oma Rosaline's gigantischem, unangetastetem Raum auf sich? Warum gab es Kessel und unzählig viele Bücher, die alle wie frisch geputzt aussahen? Und wie stand es um diesen Spiegel, durch den nur ich nicht schauen konnte?

Selbstverständlich versuchte ich nochmal, mich in das geheimnisvolle Zimmer zu schleichen. Aber Ms. Crow hatte gleich am nächsten Tag ein dickes Schloss an der Tür angebracht, sodass sich mir keine Möglichkeit bot. Ich versuchte, meine Fragen an meine Mutter zu richten, aber die blieb sehr wage, nachdem ich ihr erzählt hatte, dass ich von Omas Schulbesuch der anderen Schule Bescheid wusste.

„Sie haben in Rosaline ein Talent entdeckt, welches sich bei uns nicht entwickelt hat.", erklärte sie mir ungenau. „Sie durfte auf die Schule gehen, um dieses Talent zu fördern. Die restlichen Newslands -also du und ich- haben diese Art der Förderung nicht gebraucht."

„Was für ein Talent?", fragte ich. Darauf wollte meine Mutter mir nicht mehr antworten und strich sich abwesend das dunkle Haar aus dem Gesicht.

Stattdessen sagte sie: „Ich glaube, dass ich es dir besser erklären werde, wenn du mal selbst Kinder bekommst."

Ich rollte mit den Augen. Diese Antwort hatte mich nur noch verwirrter gemacht. Ich wollte aber auch keine Teeny- Schwangerschaft, nur um dieses Rätsel schnellstens zu lösen. Mama hatte mich bekommen, als sie gerade erst aus dem College raus war. Sie predigte mir andauernd, dass ich mir mit dem Kinderkriegen Zeit lassen sollte, aber in dem Moment schien sie zu beschäftigt zu sein, um die eventuellen Verlockungen ihrer Worte zu begreifen. Anstelle mich mit der verfrühten Planung einer Familie zu beschäftigen, stellte ich mich auf den Balkon um einen Blick auf die eigenartige Schule zu werfen. Welche Geheimnisse barg das Steingebäude?

Was auch immer meine Mutter, Ms. Crow und ganz Stonegrave an dieser Schule so wortkarg werden ließ, ich würde es herausfinden.

Da bemerkte ich, dass sich auf dem Sportplatz erneut einige Leute ansammelten. Ich blies voller Vorfreude die Wangen auf. Da ich sowieso nichts zu tun hatte, konnte ich doch sofort meine Erkundigungen selber einziehen. Ich trippelte nach unten und streifte Turnschuhe über. Auf der Stelle erschien Ms. Crow neben mir, ein Hackbeil in der Hand schwingend. Ich zuckte zusammen und unterdrückte einen leisen Aufschrei. Mit einem verlegenen Lachen richtete ich mich auf.

„Ms.Crow! Ich habe Sie gar nicht gesehen..."

Wissend funkelte sie mich an.

„Du willst doch nicht etwa das Haus verlassen, Callie? Nachdem Luise und ich dir Hausarrest gegeben haben?"

„Nein, das kommt nicht in Frage!", beteuerte ich überschwänglich. „Ich wollte in den Garten gehen und jäten. So wie Sie es mir letztens gezeigt haben, Ms.Crow."

Mit der Antwort gab sie sich wohl zufrieden. „Ein bisschen frische Luft kann einer jungen Dame nicht schaden.", murmelte sie vor sich hin und besorgte mir ein Rechen und eine Schaufel.

„Sei nur rechtzeitig zum Abendessen fertig und halte deine Kleidung sauber."

Ich nickte dankbar. „Daran werde ich bestimmt denken, Ms. Crow."

Beschwingten Schrittes öffnete ich die Gartentür und beugte mich über die Kräuterbeete, bis ich mir sicher war, dass Ms. Crow außer Sichtweite war. Dann legte ich meine Gartenausrüstung an Ort und Stelle ab und schlich ich mich zu der Hecke mit dem Holzzaun, die unser Grundstück von dem der Schule trennte. Durch ein Loch im Gebüsch konnte ich perfekt auf den Schulhof gucken. Ich sah, wie die Schüler den Platz entlangliefen und sich aufwärmten. Einige gingen nur eilig, während andere müßig joggten. Plötzlich kehrten Rücken auf der Bank ein, die direkt vor meinem Versteck platziert war. Ich fluchte still, als die weißen Sporthemden sich in mein Blickfeld schoben. Aber was soll's? Vielleicht würden die Schüler ein wichtiges Gespräch führen, das ich belauschen konnte. Ich fühlte mich ein bisschen schlecht, dass ich sie so ausspionierte. Doch ich konnte mich in meinem Wissensdurst über die 'talentierten' Schüler einfach nicht zurückhalten.

Ein Mädchen seufzte und trank gluckernd aus einer Wasserflasche.

„Ich hasse die Spieltage.", sagte ein Junge mit mürrischer Stimme. Der Tonfall kam mir bekannt vor. „Warum müssen wir gegen diese reichen Blagen antreten, wenn wir doch eh verlieren?"

Sie schnaubte nur, als hätte sie zu viel Energie in die Aufwärmphase investiert. „Das ist die Regel Nummer Eins an der Stonegrave High. Engel müssen gewinnen, es steht ihnen frei."

Ich legte die Stirn in Falten. Was sagte sie da über Engel? Und warum sprach das Mädchen im Singsang, damit sich ihre Worte reimten? Ich lehnte mich weiter nach vorne und eine kühle Brise wehte über mich hinweg. Vielleicht war es einer dieser seltsamen Sprüche, die es nur in Stonegrave gab. So wie-

„Bei Joelines Beinen!", rief das Mädchen aus. „Riechst du das, Varulv?"

Sie drehte sich um. Eine fremde Hand mit schwarz lackierten Nägeln packte den Lattenzaun.

„Was denn, Medea?"

Ich hörte, wie das Mädchen übertrieben gründlich die Luft beschnupperte. „Es könnte mir glatt den Anschein erwecken -"

Dann tauchte ein sommersprossiges Gesicht mit hellbraunen, weit aufgerissenen Augen direkt vor mir auf und lächelte durchtrieben.

„...als würde sich jemand im Gebüsch verstecken."



Stonegrave: Schule der Engel und HexenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt