Der Geruch wurde immer stärker und erinnerte mich nun mehr an frisches Putzmittel, oder den sterilen Geruch von Desinfektionsmitteln in Krankenhäusern. Aber je näher wir unserem Ziel kamen, desto weniger konnte der saubere Geruch die darunterliegende Note vertreiben, die er versuchte auszuradieren. Was ich zuvor für leicht abgestandenes Essen gehalten hatte, roch nun schlichtweg verdorben. „Seid ihr sicher, dass wir in die richtige Richtung laufen?", fragte ich mit dumpfer Stimme, weil ich gleichzeitig versuchte die Luft anzuhalten. Bevor sie mir antworten konnten, kam uns der Junge mit dem rundlichen, freundlichen Gesicht entgegen. Er war einen Kopf kleiner als ich und schaute mit einem schüchternen Lächeln zu mir hinüber.
„Da seid ihr ja." Seine Stimme war sehr leise und heller, als ich erwartet hätte. „Dr.Calderwood hat mich gebeten euch zu suchen."
„Hat der Unterricht schon begonnen?", fragte ich verlegen.
„Dr.Calderwood wartet, bis du da bist." Der Junge senkte den Blick auf den Boden. „Unsere Schule muss ganz schön verwirrend aufgebaut sein, wenn man zum ersten Mal hier ist. Deswegen habe ich mich angeboten, dir zu helfen."
„Danke", antwortete ich und schenkte ihm ein Lächeln. Er errötete ein bisschen und Medeas Kichern hinter meinem Rücken machte seine Gesichtsfarbe nicht besser. „Billy ist so nett und adrett", stellte sie mit einem koketten Augenaufschlag fest.
„Um einiges hilfsbereiter, als du", bemerkte ich doch an. Billy schenkte mir erneut sein schüchternes Lächeln, in welches ich eine Art Kameradschaft oder Beileidsbekundungen über Medeas dauernde Reimbemerkungen interpretierte. „Hier lang. Wir sind gleich da", beeilte er sich zu sagen. Wir folgten ihm durch den Gang, dessen Geruchsstärke immer weiter zunahm.
„Welches Fach unterrichtet Mr.Calderwood?", fragte ich mit angehaltenem Atem. In meinem Stundenplan waren nur die Kürzel der Lernveranstaltungen eingetragen, die für mich manchmal weniger aufschlussreich waren. Wir kamen vor einer großen Holztür an, die Billy öffnete, während er antwortete: „Es ist Dr.Calderwood und sein Spezialgebiet ist natürlich: Anatomie."
Das Klassenzimmer war um einiges kleiner als die vorherigen Räume. Es lag daran, dass die Schüler zum größten Teil eng beieinander an Stehtischen unterrichtet wurden und der Platz durch bis zur Decke ragende Regale in viele kleine Mosaikstücke abgetrennt war. Das Licht kam von schwachen, grünlichen Neonröhren anstelle der Kronleuchter und verbreitete kränkliche Schatten. Allerdings war dies eher eine meiner späteren Bemerkungen. Zuerst sah ich nur, was in den Regalen stand. Haufenweise Konservierungsgläser, in denen die seltsamsten Objekte schwammen: siamesische Lämmer mit mehrfachen Köpfen und Beinen, diverse, teilweise unerkennbare Organe und andere eingelegte Kreaturen, die ich nicht identifizieren konnte. Daneben gab es Schädel- und Knochensammlungen, alles akribisch mit kleinen Erkennungsplatten markiert und nur manche zu groß, zu klein oder zu unförmlich, um menschlich zu sein. Ausgestopfte Tiere, die ebenfalls an den Wänden hingen mit all ihrem erhaltenen Fell und eingesetzten Knopfaugen, Tiere, die nur auf den ersten Blick wie Tiere aus der Wildnis oder dem Zoo wirkten und beim genaueren Hinsehen exotische Wesen waren, bei denen ich mir nicht sicher sein konnte, ob sie sich auf dem Land bewegten, oder im Wasser schwammen, ob sie fleischfressende Jäger waren oder Vegetation bevorzugten. Ich schloss meine Augen, da es anders nicht möglich war, den Blick von all den skurrilen und ekligen Objekten im Raum abzuwenden. Die Bilder hatten sich in meiner Netzhaut eingebrannt und mein Gehirn spielte automatisch weiter das Zuordnen-Spiel, wie ein unaufhörliches Memory, ein Versuch die Eindrücke zu archivieren, obwohl ich nichts lieber wollte als sie aus meinen Gedanken zu verbannen.
„Da sind Sie ja!" Ich öffnete meine Augen und fokussierte mich ganz auf den alten Mann, der mich angesprochen hatte, während ich versuchte die Übelkeit zu verdrängen. Sein Haar war schlohweiß, genauso wie sein Laborkittel, der an den Rändern hin allerdings schmutzig wurde und seine blauen Augen hinter den Brillengläsern hatten einen freundlichen, leicht verträumten Ausdruck. Er stand an dem vordersten Pult im Raum, bei dem es sich genau wie bei den anderen Stehtischen um metallische Seziertische handelte, auf denen ich in Krimifilmen ansonsten Leichen aufgebahrt gesehen hatte. Der Mann – offenbar mein neuer Lehrer Dr.Calderwood – trat um das Lehrerpult herum und erwischte dabei vor lauter Unaufmerksamkeit beinahe einige kleinere Apparaturen und ein Mikroskop mit seinem Ellenbogen, bevor er mir die Hand hinhielt.
„Callie Newsland." Er zwinkerte verschwörerisch. „Es freut mich, Sie endlich kennenlernen zu dürfen. Ich war ein guter Freund Ihrer Großmutter."
„Die Freude ist ganz meinerseits?", wagte ich mich vor, da hatte Dr.Calderwood schon meine Hand ergriffen, schüttelte die kräftig und führte meinen Arm näher an sein Gesicht. Sein Mund formte ein großes 'Oh' und die Augen hinter den Brillengläsern schienen größer zu werden.
„Daemonium infestatio. Ein Dämonenbefall!", freute er sich in einer Stimmlage, die ins Ekstatische überschritt. „Sie wissen ja gar nicht, was für ein Glück Sie mir heute beschert haben. Zuletzt habe ich dies in den Neunzigern gesehen."
Sanft, aber bestimmt führte er mich zu seinem Lehrerpult und schaltete eine zweite Lichtquelle ein, um die ledrige Haut besser beleuchten zu können. „Die Hautübernahme ist bis zum regio cubitalis fortgeschritten. Damit meine ich Ihren Ellenbogen. Ihre Nägel haben sich zu Krallen verhärtet und der Form und Musterung nach zu urteilen könnte es ein recht starker, alter Dämon sein."
„Es erzählte etwas davon, der Großherzog der Hölle zu sein", murmelte ich. Dass er meinen von ihm selbst auserkorenen "Feinden" endloses Leid bringen wollte, ließ ich lieber außen vor.
„Ihre Knochenstruktur ist ebenfalls stärker und dicker geworden." Dr.Calderwoods Daumen zwickte in meinen Unterarm, aber es tat nicht weh und traf zu meiner Verwunderung den darunterliegenden Knochen früher als erwartet. „Sehen Sie diese rhombischen Formen in der Dämonenhaut? Sie deuten darauf hin, dass bei einem weiteren Verlauf des Befalls Sie vermutlich Schuppen gebildet hätten, ähnlich einer Ganoidschuppe von Knochenfischen. Sehr faszinierend, das könnte ich Jahrzehnte lang untersuchen. Ein ausgezeichnetes Exemplar einer Dämonenkralle haben Sie da." Unter Dr.Calderwoods riesiger Lupe, die an der Untersuchungsleuchte an dem Pult befestigt war, fielen mir die eigenartigen Rautenmusterungen in der ledrigen, verkohlten Dämonenhaut auf. Mit einem Mal fühlte ich mich bei der Betrachtung dieser kleinen Details nicht mehr ganz so abstoßend, sondern spürte eine leichte Neigung meiner üblichen Neugierde in mir aufwallen. „Wissen Sie... wie lange es so bleiben wird?", wagte ich mich zaghaft vor.
Aufrichtig nachdenklich schob Dr.Calderwood seine Unterlippe nach vorne und betrachtete meinen Unterarm von allen Seiten. „Ein junger Mann, der versehentlich in ein Pentagramm gestolpert ist 1991 musste ein ganzes Jahr lang warten bis sich seine gewöhnliche körperliche Erscheinung zurückgebildet hat, der Arme. Er konnte nicht einmal sprechen. Sein kompletter Kopf und Torso hatten sich verwandelt." Ermutigend klopfte er mir auf den Rücken. „Da haben Sie viel Glück gehabt, meine Liebe. Bei Ihnen wird es vermutlich schneller gehen."
Das mitfühlende „vermutlich" traf mich tief in meinem Inneren. Mit schwerem Herzen richtete ich mich an dem Labortisch ein, an dem Medea und Valruv mir einen Platz freigelassen hatten. Leicht betäubt und definitiv nur auf halbem Ohr den Ausführungen des Lehrers lauschend klappte ich meinen Notizblock auf und griff nach meinem Stift, hielt ihn mechanisch in den Händen ohne zu schreiben. Ich versuchte zu ignorieren, dass ich als einzige mein Schreibzeug ausgepackt hatte und alle anderen Schüler an meinem Tisch kleine Scheren und Skalpelle desinfizierten und einsatzbereit machten.
„Heute untersuchen wir Frösche und Kröten. Jede Gruppe wird eine unterschiedliche Art bekommen, die sie zuerst kategorisieren müssen", drangen Dr.Calderwoods Worte dumpf zu mir durch.
Ein Jahr?
„Eine Gemeinsamkeit werden Ihre Amphibien allerdings haben und welche Gruppe zuerst auf die Antwort stößt, wird von mir einen Preis erhalten", redete der verrückte Doktor munter weiter. Ich starrte mutlos auf meinen Notizblock. „Einen Tipp gebe ich Ihnen: es könnte die Todesursache sein."
Medea streckte einen spitzen Zeigefinger aus und gab dem giftgrünen Frosch vor uns einen Stupser, auf welchen das tote Tier selbstverständlich nicht reagierte.
Ein Jahr? So lange würde ich es hier niemals aushalten
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Stonegrave: Schule der Engel und Hexen
FantasyCallie Newsland zieht mit ihrer Mutter aus dem schönen London zurück in das alte Haus ihrer Großmutter in einer schottischen Kleinstadt. Doch ihre Großmutter scheint mehr Geheimnisse gehütet zu haben, als es Callie lieb ist. Was hat es mit dem selts...
