Ich kehrte am frühen Abend in ein wenig verbesserter Stimmung in meinen Schlaftrakt ein. Die unterirdische Treppe fand ich ohne Probleme und nicht einmal die lichterloh aufflammenden Kerzen brachten mich zum Zusammenzucken. In Rys Begleitung hatte ich meinen Nachmittagsunterricht geschwänzt und stattdessen Zeit mit den Engeln aus dem Senior Jahrgang verbracht. Das bereute ich kein bisschen. Sie akzeptierten mich wie einen gewöhnlichen Menschen in ihrer Mitte, ohne mysteriöse Kommentare über Großmutter Rosaline oder meine Dämonenklaue abzugeben. Nur manche wackelten ihre Augenbrauen in Rys Richtung und machten anzügliche Bemerkungen, die ihm ein romantisches Interesse an mir unterstellten. Er witzelte jedes Mal charmant zurück mit einem seiner charakteristischen Lächeln, ohne dies zu konkret zu verneinen. Wie könnte er schließlich auch, wenn er mir sagte, dass Engel niemals lügen würden. Bei dem Gedanken daran schlich sich ein warmes Gefühl in meinen Magen, das auch nicht verflog als ich unten angekommen war und bemerkte, dass die Hälfte meiner Klasse im Aufenthaltsraum saß. Die Hexen schauten bei meiner Ankunft auf und betrachteten mich unverblümt. Sie saßen auf den abgenutzten Möbeln ausgebreitet um einen Tisch, auf den - nach einem schnellen Blick von mir zu urteilen - Tarotkarten lagen. Luzifer – der Junge mit dem blond gebleichten Engelslocken und flattriger Bluse, erhob sich um mich ausladend zu begrüßen und auf sein Sofa als Sitzgelegenheit zu verweisen. „Willkommen zurück, Callie!" Ich blieb am Treppenabsatz stehen, wo ich war, aber das schien ihn nicht zu pikieren und er grinste mich als einziger aus der Runde an.
„Hattest du einen schönen Tag mit den Engeln?", fragte Valruv bissig mit verschränkten Armen und Medea klopfte ihm aufmunternd auf die Schultern.
„Ja, tatsächlich war es sehr schön", erwiderte ich. „Sie haben mich sofort herzlich aufgenommen." Das brachte mir ein Schnaufen von Valruv ein. „Das bringt dir sicher noch Ärger ein", murmelte er. „Besonders wenn du Ry zu nahe bist. Das wird Liah gar nicht auf sich sitzen lassen."
„Ach, wie erfreulich. Tja, Engel sind für ihre Gastfreundschaft bekannt", ignorierte Luzifer Valruvs schlecht gelaunten Einwand fröhlich, sodass mir auch die Gelegenheit verbaut würde, wegen seiner rätselhaften Worte nachzufragen. „Nicht unbedingt Hexen gegenüber! Aber auch da machen sie manchmal Ausnahmen, besonders wenn sie es mit einem Darling wie dir zu tun haben." Er zwinkerte. „Auch ich werde gerne auf ihre Partys eingeladen. Zu den Seniors im sechsten Schuljahr habe ich aber leider keine guten Verbindungen. Du Glückliche. Mit Ry abzuhängen ist sicher jede Strafe wert."
„Strafe?", fragte ich mit ungutem Gefühl.
Medea lehnte sich vor und grinste ihr spitzeckiges Lächeln. „Hattest du mit keiner Strafe zu rechnen durchs Regel brechen, von Mrs. Raven vollzogen fürs Schwänzen, beim Austesten der Grenzen?"
Ich schüttelte den Kopf und durchquerte den Raum, um zu meinem Zimmer zu gehen. „Mrs. Raven zwingt mich dazu, hier zur Schule zu gehen. Was könnte sie mir sonst antun, das schlimmer wäre?"
Ich wartete nicht ab, welche Reaktionen auf meine Worte folgten, aber ich hörte getuschelte Proteste. „Du willst nicht mitspielen?", rief mir Luzifer nach. Nachdem ich nichts erwiderte und erhobenen Hauptes von ihnen weg schritt, plumpste er laut auf das Sofa zurück. „Gut, du bist sicher müde. Dann bis beim nächsten Mal, Callie!"
Zufrieden schloss ich meine Zimmertür hinter mir, nachdem ich das Schloss mithilfe des iftah ya simsim- Spruches aufknackte, was es mit einem Ächzen hinnahm. Warum sollte ich mir die Mühe machen, den Türzauberspruch zu lernen? Ich würde an der Stonegrave High mit Ry und seinen erstaunlich normalen Freunden abhängen und versuchen, möglichst wenig mit Magie zu tun zu haben. Außerdem hatte ich mir die perfekte Methode überlegt, um möglichst wenig mit den Hexen interagieren zu müssen. Ich würde einfach genauso kühl wie die Engel mit ihnen umgehen, so konnte ich es auf jeden Fall verhindern, Freundschaften zu schließen. Niemand würde mir auf der Nase herumtanzen, wenn ich ihnen klipp und klar vermittelte, dass ich nichts von ihnen hielt und nichts mit ihnen zu tun haben wollte. Ich wollte ja den Rat meiner Mutter befolgen, aber komplett unbeteiligt konnte ich die Sticheleien und seltsamen Verhaltensweisen meiner Mitschüler nicht über mich ergehen lassen. Deswegen würde ich das tun, was dem 'keine Freunde finden' am nächsten kam. Mir durch meine komplette Ehrlichkeit Feinde verschaffen.
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Stonegrave: Schule der Engel und Hexen
FantasyCallie Newsland zieht mit ihrer Mutter aus dem schönen London zurück in das alte Haus ihrer Großmutter in einer schottischen Kleinstadt. Doch ihre Großmutter scheint mehr Geheimnisse gehütet zu haben, als es Callie lieb ist. Was hat es mit dem selts...
