Nach meinem heimlichen Besuch an der Stonegrave High wurde ich aus der Sache zwar nicht schlauer, wusste dafür aber definitiv, dass etwas mit dieser Schule nicht stimmte.
Die Rivalität mit meiner Denso High, verstorbener Schüler und die seltsamen Kinder, die dort lebten... Ms. Crow hatte zu Beginn gesagt, dass nur Außergewöhnliche auf diese Schule kämen. Meine Mutter hatte von einem Talent gesprochen. Und es gab einen Test, dessen Nicht-Bestanden sie mir verschwiegen hatte.
Meine Großmutter Rosaline war auf diese Schule gegangen und jetzt gab es dort nur komische Menschen, die einem das Mitspielen verweigerten oder in Reimversen sprachen. Ich fragte mich, was die Schule anders machte als die Denso High. Warum sie so ungewöhnlich war.
Ich nahm mir vor, mehr über diese Aufnahmeprüfung zu erfahren. Und über Omas Werdegang und den gestorbenen Schüler, zu dem mit Joeline auch nicht mehr sagen wollte. Je mehr die Anwohner Stonegraves vor mir zurückhielten, desto größer wurde mein Verlangen, tiefer zu graben.
In der Nacht träumte ich von dem Stalker. Mama hatte ich nie von diesen Träumen erzählt, die ich gelegentlich im Schlaf ausbadete. Seit wir nach Stonegrave gezogen waren, wurden die Träume schlimmer. Wir waren so weit weg und trotzdem fand ich mich immer wieder in unserem Londoner Apartment ein und versuchte, mich vor Alfonso Ward zu verstecken. Alfonso Ward war ein breitschultriger Mann im Sakko mit glatt gegeltem Haar und bescheidenem Dauerlächeln. Ein typischer Versicherungsberater, der nicht einsehen wollte, dass er trotz des Bleaching und Haartransplantationen nicht jünger und attraktiver wurde. An diesem Vormittag stand er nicht vor unserer Wohnungstür mit Pralinen, Blumen oder Liebesbriefen. Er stand im Schlafzimmer meiner Mutter und die Scherben des eingeschlagenen Fensters knirschten unter seinen Sohlen. Er hielt ein T- Shirt von Mama vor sein Gesicht und inhalierte den Duft. Ich muss einen Laut von mir gegeben haben, ein erschrockenes Ausatmen. Überrascht öffnete er die sehnsüchtig geschlossenen Augen.
„Callie? Bist du Zuhause?"
Ich stolperte zurück, lief in den Flur.
„Bleib stehen!", brüllte er hinterher und sprintete mir nach.
Mein Atem ging hastig, als ich durch die Wohnung rannte. Ein Schluchzen drang aus meiner Kehle.
„Callie.", bettelte er hinter mir. „Warte, Callie. Ich will dir nichts tun."
Ich wusste, wie der Traum enden würde. Oft genug hatte ich ihn durchlebt und war durchschwitzt in meinem Bett aufgewacht. Ich würde ins Badezimmer laufen und die Tür zuschlagen. Nach dem Schloss tasten, welches ich an dem schicksalshaften Vormittag vorgeschoben hatte. Aber es wäre nicht da. Und Alfonso Ward würde die Türklinke runterdrücken, auch wenn ich es zu verhindern versuchte. Ganz langsam würde er sich dagegen lehnen und die Tür stückchenweise aufschieben, bis ich ihm keinen Widerstand mehr geben konnte. Ich würde kraftlos auf den Boden fallen.
Und er würde in das Bad eindringen.
Ich rannte den Flur entlang und scheuerte meinen Arm an der rauen Wandtapete auf. Der Stalker war mir dicht auf den Fersen. Ich konnte seinen warmen Atem in meinem Nacken spüren. Auf einmal wurden meine Bewegungen langsamer, zähflüssiger. Selbst mein Verfolger hielt inne.
Etwas war anders an der normalen Abfolge meines Traumes.
Jemand näherte sich aus der anderen Richtung im gemütlichen Tempo.
Zuerst sah ich nackte Füße mit schwarz lackierten Zehnnägeln. Medea trat aus dem Schatten, in einen schwarzen Umhang gehüllt. Der unter der Kapuze hervorstehende Kopf war mit seltsamen, blutroten Zeichen bemalt, genauso wie ihre Handrücken. In ihren Fingern steckten halb abgebrannte, süßlich duftende Räucherstäbchen. Sie umrundete mich und ich folgte ihrem Vorankommen aus den Augenwinkeln. Ihre hellrot lodernden Haare streiften über meine Schulter.
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Stonegrave: Schule der Engel und Hexen
FantasiaCallie Newsland zieht mit ihrer Mutter aus dem schönen London zurück in das alte Haus ihrer Großmutter in einer schottischen Kleinstadt. Doch ihre Großmutter scheint mehr Geheimnisse gehütet zu haben, als es Callie lieb ist. Was hat es mit dem selts...
