Am nächsten Tag entschuldigte sich Joeline bei mir in der Mittagspause. Sie verschaffte mir Platz neben sich an ihrem Stammtisch in der Mensa und wir stocherten verschwiegen in unseren Essen.
„Das mit Gestern tut mir leid.", seufzte sie nach einer Schweigeminute. Trotz der fröhlichen bunten Haarsträhnen und der glitzernden Textilsticker sah ihr Gesicht gar nicht gut gelaunt, sondern bedrückt aus. Sie hatte dunkle Ringe unter den Augen, als hätte sie schlecht geschlafen.
„Ich fand es nur einfach so unglaublich, was du mir gestern erzählt hast. Meine Mutter öffnet niemals die Tür. Wirklich, Niemals. Ich habe dir bisher nicht viel über sie gesagt, aber sie ist krank."
Ich schluckte Kartoffelbrei herunter und lege meine Gabel beiseite.
„Sie ist krank? Was hat sie denn?"
Joeline verzog grimassenhaft das Gesicht. „Nicht ihr Körper, aber ja, im Kopf ist sie durcheinander. Die Ärzte wissen nicht genau, was mit ihr nicht stimmt. Sie glaubt an allerhand unnatürliches Zeug wie Engel, Hexen und Feen. Sie denkt, dass jemand sie holen will, um sie für einen Zauberspruch zu opfern. Das geht schon so, seit ich ein kleines Kind war. Dad versucht, auf sie aufzupassen, aber er muss halt arbeiten und kann nicht ständig bei ihr sein. Deswegen liegt sie in meiner Verantwortung und ich werde manchmal schnell ungemütlich, wenn ich sehe, dass sie sich Gefahren aussetzt. Sie hat seit Jahren mit keinem außerhalb der Familie gesprochen, oder die Tür geöffnet. Ich habe Angst bekommen."
Ich griff nach Joelines Hand und drückte sie fest. Dass, was sie mir gerade anvertraut hatte, klang schrecklich. Joeline musste ständig damit rechnen, dass ihre Mutter den Verstand verlor und neben der Schule ein argwöhnisches Auge auf ihre Machenschaften haben. Eine große Verantwortung lastete auf ihren Schultern, viel schwerer, als man es dem fröhlichen, farbenfrohen Mädchen zugetraut hätte.
„Mach dir keine Sorgen. Ich hab dir schon längst verziehen. Und ich möchte, dass du mir Bescheid sagst, falls du mal Hilfe brauchst."
Sie lächelte dankbar und erwiderte den Händedruck.
„Ist bei dir noch etwas wichtiges vorgefallen?", wechselte sie munter das Thema.
Mir drehte sich der Magen um und ich erinnerte mich an Omas Zimmertür. Wie ich am Morgen an dem großen, dunklen Holzungetüm vorbei geschlichen war, ohne auf Geräusche zu lauschen, blitzschnell, wie ein Sprungseil.
„Nee.", flunkerte ich und wandte den Blick ab. „Nichts besonderes."
Jetzt hatte ich Joelines komplette Aufmerksamkeit. Ihre blaue Augen funkelten mich neugierig an.
„Callie? Was verschweigst du?"
Ich biss mir auf die Unterlippe und sortierte meinen Pony.
„Es ist wirklich nichts...ich glaube nur, dass ich gestern etwas im Raum meiner Großmutter gehört habe."
„Und?"
„Sie ist tot. Gestorben nachdem ich Sechs wurde."
Überlegend knabberte Joeline an ihren Nägeln. „Das ist aber seltsam. Also lebt niemand in diesem Zimmer, aber du hast eindeutig mitbekommen, dass sich eine Person darin herumgetrieben hat."
Ich beugte mich dichter an sie heran und flüsterte die nächsten Worte. „Da war sogar eine Art von... Klopfen."
Sie machte große Augen.
„Ein Klopfen? Als ob jemand eingesperrt wäre?"
Ein mulmiges Gefühl überkam mich. „So weit habe ich noch gar nicht gedacht. Aber Ms. Crow lässt mich nicht den Raum betreten, weil er ein Andenken an Oma ist. Ms.Crow hat schon seltsame Verhaltenskodexe."
„Was wenn-", wisperte Joeline über ihre Kartoffelmasse hinweg. „- du den Raum nicht deshalb nicht betreten darfst, weil es eine Denkstätte ist, sondern..."
„Sondern, weil heimlich jemand darin lebt?", beendete ich Joelines Satz mit einer unguten Vorahnung.
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Stonegrave: Schule der Engel und Hexen
FantasyCallie Newsland zieht mit ihrer Mutter aus dem schönen London zurück in das alte Haus ihrer Großmutter in einer schottischen Kleinstadt. Doch ihre Großmutter scheint mehr Geheimnisse gehütet zu haben, als es Callie lieb ist. Was hat es mit dem selts...
