18. Mrs. Balder

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An diesem Tag kam Joeline nicht zur Schule. Es war vielleicht besser so, weil ich mir nicht sicher war, wie viel von den Geschehnissen am Wochenende ich ihr anvertrauen konnte. Wäre Joeline da gewesen, dann hätte sie vermutlich alles aus mir herausgequetscht. Sie würde mich noch für verrückt halten, wenn ich ihr von der Stimme in meinem Kopf berichtete.

Sie schrieb mir eine Nachricht, dass sie sich erkältet hatte. Ich beschloss, ihr Pastillen aus dem Supermarkt mitzubringen. Ms. Crow würde es schon nicht allzu suspekt empfinden, wenn ich einige Minuten später nach Hause kam. Und meine Mutter war mir inzwischen wieder wohl gestimmt, weshalb ich nichts zu befürchten brauchte.

Mit einer winzigen Einkaufstasche als Anhängsel klingelte ich an Joelines Haustür. Beim Drücken des Knopfes fragte ich mich unweigerlich, ob ich einen Fehler beging. Letztes Mal, als ich unerwartet Joeline besuchen wollte, war das recht unschön verlaufen.

Tatsächlich war es erneut ihre Mutter, die mir öffnete.

Bei meinem Anblick verharrte sie länger auf der Schwelle, streckte den Kopf nach draußen und schob die Tür weiter auf. Erst jetzt bemerkte ich, dass Joelines Mutter große Ähnlichkeiten mit ihrer Tochter hatte. Sie trugen dieselben weichen Gesichtszüge, nur waren die Haare der Mutter länger und ausgebleicht und ihre Augen schimmerten wässrig.

Sie hatte diesen leicht panischen Ausdruck im Gesicht und winkte mich schnell hinein, nachdem sie sich nach allen Seiten umgesehen hatte. Sie verschwand im Hausinneren und ich folgte ihr nach einem kurzen Zeitabstand. Entgegen meinen Erwartungen blieb sie im Flur stehen. Sie trug nichts weiter bis auf Socken und ein knielanges, ausgeleiertes Shirt. Ihr Finger zeigte nach oben.

„Joeline liegt in ihrem Zimmer.", röchelte sie mit kratziger Stimme.

Sie klang, als hätte sie seit Jahren nicht mehr gesprochen und ihr Kehlkopf wäre eingerostet.

„Danke, Mrs. Balder."

Ich ging zaghaft an ihr vorbei zur Treppe.

Mrs.Balders Blick folgte mir wachsam. Ich war schon an ihr vorbei, da schoss ihre Hand hervor und packte meinen Arm.

„Ich sehe dich.", zischte sie plötzlich. „Ich sehe dich. Sehe dich."

Ich griff nach ihrem Arm, doch ihre Finger bohrten sich unlösbar in meine Haut.

„Was sehen Sie, Mrs. Balder?", fragte ich leise. Joeline hatte mir von der Geisteskrankheit ihrer Mutter berichtet, von den übernatürlichen Wesen, an die sie glaubte. Es bestand die Chance, dass an ihren Geschichten mehr stimmte, als sich in ihrem mentalen Zustand vermuten ließ.

„Sehen Sie Hexen?"

In das Gesicht von Joelines Mutter schlich sich kindliche Überraschung.

„Hexen?" Ihre hellen Augen klärten sich auf. „Hexen.", summte sie sanft.

„Ja, manchmal kommen sie uns besuchen. Dann schließe ich alle Türen ab und bete. Aber du-"

Ihr Griff verstärkte sich und mein Arm begann schmerzhaft zu pochen.

„Du bist keine Hexe. Ich kann dich sehen. Du bist anders."

Sie legte die ausgezehrte Hand gegen meinen Brustkorb.

„Die Stadt hat auf jemanden wie dich gewartet. Du wirst uns beschützen und ein Blutbad verhindern. Du bist eine strahlende Heldin im unschuldigen Mantel."

Sie zerrte mich so nahe heran, dass unsere Köpfe sich beinahe berührten. Tief schaute sie mir in die Augen und ich versank in ihren geweiteten, pechschwarzen Pupillen.

Stonegrave: Schule der Engel und HexenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt