Zuerst brachte mich Mrs.Raven auf mein neues Zimmer, damit ich meine Sachen abstellen und mich zuhause fühlen konnte. Nicht, dass ich das wollte. Ich wollte schnellstmöglich wieder fort von hier. Eigentlich müsste es in dem steinernen Gebäude kalt sein, doch in jedem Zimmer, an dem wir vorbeiliefen, brannte ein Feuer im Kamin und es war wohlig warm.
Ich hätte mich schon längst verlaufen, hätte ich mich nicht an Mrs.Ravens eilige Schritte angepasst und sie stattdessen in einem der vielen Gänge verloren. Schließlich kamen wir vor dem Schlaftrakt an. Es gab nur Einzelräume für Stufensprecher, die restlichen Schüler teilten sich Zweier- bis zu Vierer-Schlafräume. Außerdem verlief eine klare, wenn auch nicht beschilderte Grenze zwischen den unteren Räumen und den oberen Räumen des Schlaftraktes. Oben in der Mitte war ein riesiger Gemeinschaftsraum mit Sofalandschaften und Tischen, Licht fiel aus einem Fenster darüber, welches ein Dach ersetzte, und an dessen Rahmen sich Pflanzen rankten. Eine kleine, schaurige Treppe führte aus den oberen Bereich nach unten. Es war dieselbe Art von knarzender Treppe, die ansonsten in den Keller eines Horrorhauses führen würde, so eine die ich alleine niemals betreten würde.
„Könnte ich nicht ein Zimmer oben bekommen?", fragte ich, als sich beim Anblick der dunklen, nur von Kerzen beleuchteten Treppe ein beklemmendes Gefühl in meiner Brust breit machte.
Mrs.Raven lächelte und schnippte mit den Fingern. Sofort schossen die Flammen der Kerzen in die Höhe und es wurde heller, als eine Flamme ebenfalls um ihre Hand spielte. Ich machte einen kleinen, überraschten Laut.
„Die unteren Räume im Pandemonium werden dir noch mehr zusagen, das verspreche ich dir. Es liegt dir im Blut, Callie." Sie drehte sich um und leuchtete mir den Weg. „Und solch einen kleinen Trick wirst du schnell lernen.", hallte ihre Stimme durch das Treppengehäuse.
Die hellen Stichflammen der Kerzen hätten lodernd heiß sein müssen, aber trotzdem überkam mich ein Kälteschauer, als ich Mut fasste und an ihnen vorbeilief. Im unterirdischen Stockwerk gab es ebenfalls einen Aufenthaltsraum, der im Kerzenschein sehr viel dunkler und ungemütlicher erschien. Das Pandemonium. Die Ausrüstung war weniger luxuriös, die Möbel löchrig von Motten und abgesessen, Spinnenweben zogen sich über die Decke und in ihnen hingen glitzernde Steine, als würden sie Kronleuchter ersetzen. Nachtfalter flogen um die Kerzen und loderten gelegentlich im Feuer auf, wenn sie zu dicht heranflogen, aber das Feuer schien nicht auf sie überzugreifen und sie auch nicht zu stören. Unauffällig versuchte ich eine neutrale Miene aufrecht zu erhalten und gleichzeitig nach Ratten oder Kakerlaken Ausschau zu halten. Auf dem Boden lag eine dicke Staubschicht, als wäre er lange nicht mehr geputzt worden.
Wir liefen weiter quer durch den Raum und dann an den vielen Zimmernummern vorbei, bis wir vor Raum 1ZB ankamen. Mrs.Raven beugte sich in die Höhe des dicken Vorhängeschlosses und murmelte leise darauf ein. Das Schloss öffnete sich mit einem Klacken und spuckte gleichzeitig einen Schlüssel aus dem Schlüsselloch, den Mrs.Raven mir überreichte. „Wir können ja nicht gleich von dir erwarten, dass du den Türöffnungsspruch anwenden kannst."
Da ich mich als kompetenter erweisen wollte, als man mir es zutraute, machte ich das Schloss wieder mit meiner Dämonenkralle zu. Es juckte mir in der Hand, genau diese Geste zu benutzen, als läge es gar nicht so richtig in meiner Kontrolle. „Lassen Sie mich es versuchen."
Ich beugte mich zu dem Schloss herunter, mit dem Gefühl, als würde es besonders spöttisch und kühl in meiner Hand liegen. Ich flüsterte: „iftah ya simsim. Tür, tu dich auf." Wie von der Tarantel gestochen wackelte das Schloss kurz in meiner Hand, um dann mit so viel roher Gewalt aufzuspringen, dass es auf den Boden prallte.
„Sehr beeindruckend", lobte Mrs.Raven mich, die das Schloss wieder aufhob. „Allerdings ist das ein Spruch, den man meistens bei schwer zugänglichen Orten anwendet, nicht an seiner eigenen Haustüre. Jedes Zimmer hat sein eigenes Passwort, auf welches das Schloss reagiert und sich öffnet, ich werde es dir später aufschreiben. Du kannst es auch ändern, wenn du magst." Das klang, als wäre dieses Schloss wie ein personalisierbarer Account. Wenn es leicht war das Schloss zu öffnen, warum habe ich das nicht mit Oma Rosalines Tür so gemacht?, fragte ich mich mürrisch und dachte zurück an meine Schlamm- und Blutrituale. Rosalines Tür wäre um einiges schwieriger zu knacken gewesen, zwitscherte der Dämon in meinem Kopf.
Mrs.Raven öffnete die Zimmertür und dahinter lag ein überraschend normaler Raum mit elektrischer Deckenbeleuchtung, zwei gegenüberliegenden Betten und Schreibtischen dahinter, von denen aus man durch das Fenster auf einen Garten gucken konnte. Ich stellte meine Habseligkeiten auf dem ordentlich hergerichteten Bett ab, von dem ich vermutete, dass es meins sein würde, da die Seite einen leeren Schreibtisch und keine zerwühlte Bettdecke hatte, und stellte mich ans Fenster, um in den Garten zu blicken, der mich erstaunte.
„Ein unterirdischer Garten?", fragte ich Mrs.Raven. Sie stellte sich mich verschränkten Armen neben mich. „Wir haben viele ungewöhnliche Pflanzen, die nur unter bestimmten Gegebenheiten wachsen, welche sich besser in einem geschützten Umfeld simulieren lassen als unter hartnäckigem Wind und Regen. Betrachte es viel mehr, als ein gigantisches, unterirdisches Gewächshaus, das alles hat, was ein Hexenherz begehrt."
Ein Schmetterling mit einem bunt schillernden Flügelkleid setzte sich außen auf die Fensterbank und ich musste lächeln. Vielleicht war dieser Ort doch nicht ganz übel. Mrs.Raven trommelte auf ihre Uhr. „Wir müssen weiter. Du solltest vor dem Unterricht an dem Frühstück teilnehmen und die anderen Schüler kennenlernen, um erste Freundschaften zu knüpfen." Mein Lächeln löste sich auf, als ich an das Versprechen dachte, welches ich meiner Mutter gegeben hatte und an die komischen Schüler, die ich schon letztens kennenlernen durfte. Das mit dem „Freunde finden" bereitete mir Unwohlsein.
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Stonegrave: Schule der Engel und Hexen
FantasiaCallie Newsland zieht mit ihrer Mutter aus dem schönen London zurück in das alte Haus ihrer Großmutter in einer schottischen Kleinstadt. Doch ihre Großmutter scheint mehr Geheimnisse gehütet zu haben, als es Callie lieb ist. Was hat es mit dem selts...
