Wir schossen nach oben, schneller vorbei an den Buchregalen als ich erwartet hätte und ich krallte mich an Rys Kragen fest. In den engen Gassen, die die Bücherregale bis fast an die Decke bildeten, waren seine weißen Flügel nicht völlig entfaltet und trotzdem schaffte er es, vollen Schwung zu nehmen, wie ein Falke. Meine Nerven flatterten immer noch, als er mich behutsam auf der Regaloberseite absetzte. Zwei Regale trafen rechtwinklig aufeinander und waren breit genug, dass sie ein Plateau für mich bildeten und ich mit auseinander gestemmten Beinen mein Gleichgewicht wiederfinden konnte, ohne einen zweiten Blick in die schwindelerregende Tiefe zu riskieren. Ich packte Rys Arm, um ihn als Ersatz eines Geländers zu benutzen und brauchte einen Moment, um meinen Herzschlag auf eine gesunde Geschwindigkeit zu beruhigen. Ich schloss die Augen und atmete tief durch, bevor ich sie wieder öffnete und mich umsah. Die Oberseiten der Regale bildeten ein Netz aus Plateaugängen durch den gesamten Raum hindurch. Ihr kastenartiger Aufbau erinnerte mich an ein Labyrinth, nur dass man auf seinen Mauern herumspazieren konnte. Nachdem ich mich vergewisserte, dass ich soliden Boden unter meinen Füßen hatte, schlug ich Ry spielerisch auf den Hinterkopf.
„Das war viel zu schnell!", beschwerte ich mich. Er tat mit einem Hundeblick so, als würde ihm die Stelle weh tun und wollte seinen Arm wegziehen, um sich durch das blonde Haar zu streichen, aber ich hielt ihn eisern fest. Damit würde er mir ganz sicher nicht kommen, dass er mich in durchaus tödlicher Höhe ohne eine bewährte Stütze hängen ließ. Grinsend hörte er auf, so zu tun, als hätte er ein Wehwehchen und schloss seine Hand wieder um meine. „Das nächste Mal werde ich langsamer fliegen, versprochen." Er flog neben mir her und ich stiefelte tapfer auf den von den Regalen geschaffenen Wegen. „Wer sagt denn, dass es ein nächstes Mal geben wird, bei deiner Technik", foppte ich ihn und er zog eine Augenbraue nach oben.
Ich bemerkte verdrossen, dass ich ihm eine viel zu gute Vorlage gegeben hatte, als Ry noch übertriebener mit beiden Augenbrauen zu wackeln begann und sagte: „In vielen Bereichen habe ich äußerst gute Techniken, habe ich mir sagen lassen."
„Sei still", erwiderte ich und meinte diesmal zu hundert Prozent ihn. Also wirklich, wäre ich nicht an Abgründen unterwegs und wüsste, wie ich hier leichter runterkommen würde, ohne die ganzen Regale an den Metallleitern herunterklettern zu müssen, hätte ich ihn vielleicht stehen gelassen. Aus Prinzip. Entgegen meiner Prinzipien färbten sich meine Wangen jedoch rot.
Ry führte mich zuerst zu seinem Lernplatz. Die Deckenwände auf dem Weg waren nicht außergewöhnlich. Sie sahen aus, als wären sie frisch überstrichen worden, sodass die gelegentlichen Stuckverzierungen an Stützrippen kaum ins Auge stachen. An manchen Stellen sah es aus, als wären die kahlen Betonwände unter dem neuen Anstrich nur verborgen worden, anstelle zuerst die vorherige, abblätternde Farbe zu entfernen. Es war ein weiteres Zeichen, dass dieser Ort unter der teilweise erneuerten Fassade um einiges älter war, als ich dachte. Feine Risse zogen sich bereits durch den neuen Anstrich wie kleine Wunden.
Der Lernplatz, bei dem wir dann ankamen, verschlug mir allerdings den Atem. Es handelte sich um eine Kuppel, zu der sich die Decke plötzlich eröffnete. Sechs stützenden Rippen führten in der runden Mitte zusammen und unterteilten das Dach in kleinere Abschnitte, in welche goldene und blaue Mosaiksteine eingelassen waren, die den Nachthimmel einfingen. Unterhalb der Kunstwerke waren Fensterreihen eingelassen, dessen Licht auf die Sofaecken fiel, auf der Engel saßen und ihre Bücher lasen. Von dort reichte das Licht weiter nach unten, durch den gläsernen Boden hindurch erhellte es die gesamte Bibliothek. Ich war so gebannt von dem Anblick, dass mir erst jetzt auffiel, dass ich Rys Arm wieder umklammerte. Ich wandte mich zu ihm, ohne zu wissen wie ich beschreiben sollte welches Gefühl mich gerade überkommen hatte, und er blinzelte verständnisvoll über mein wortloses Erstaunen. „Das ist eines der gotischen Sterngewölbe. Es könnte auch eines der schönsten Dinge sein, die ich jemals gesehen habe."
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Stonegrave: Schule der Engel und Hexen
FantasiCallie Newsland zieht mit ihrer Mutter aus dem schönen London zurück in das alte Haus ihrer Großmutter in einer schottischen Kleinstadt. Doch ihre Großmutter scheint mehr Geheimnisse gehütet zu haben, als es Callie lieb ist. Was hat es mit dem selts...
