26. Schulessen

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 Mrs.Raven führte mich durch das riesige Gebäude zu der Schulmensa. Ich verglich unbewusst das furchteinflößend imposante Gebäude der Stonegrave High mit der Baute der Denso High, die so langweilig und geschmacklos war, und wünschte mich jäh dorthin zurück, in mein weniger ereignisreiches Leben. Die Mensa war ähnlich groß wie die Aufenthaltsräume des Schlaftrakts und wieder erkannte ich die wenig subtile Gegensätzlichkeit unter den Schülern. Eine unsichtbare Grenze schien sich zwischen den runden Tischen hindurchzuziehen, zwischen den Schülern, die auf ihr Äußeres sorgfältig bedacht waren und wir teure, vorsichtig zu handhabende Puppen in ähnelnden Markenklamotten aussahen, und die grummeligen, chaotische andere Seite, die sich für nichts als Aufsässigkeit gegenüber allen gesellschaftlichen Normen interessieren zu sehen. Grundsätzlich war mich zweiteres ja viel sympathischer, wären es nur nicht alle Hexen und Hexer gewesen, von denen manche in ihrer Verwahrlosung aussahen, als könnten sie stinken, sollte ich mich zu ihnen setzen, oder mich eben verfluchen, oder – wie es Mrs.Raven bewiesen hatte – in Brand setzen. Unter dem letzten aufmunternden Blick der Direktorin und der Information „Der Unterricht beginnt in acht Minuten in Raum 13, zweiter Stock." nahm ich mir ein Tablett und holte mir Essen bei der Ausgabe. Auch hier spielten sich wieder die seltsamen Trennungen ab, das Essen auf der einen Seite, welches viel appetitlicher aussah, verboten mir die Köche zu nehmen, wie zum Beispiel Kaviar, frische Smoothies, Kaffee mit einer Auswahl an gerösteten Bohnenarten, selbstgemachter Kuchen oder Pudding. Stattdessen musste ich mich mit einer dunklen Kaffeeplörre aus dem Vollautomaten, einem zerlaufenen Spiegelei und verbrannten Toasts mit zu matschigen Baked Beans begnügen. Mit meiner Auswahl hielt ich nach einem Sitzplatz Ausschau und mir wurde noch mulmiger. Das hier war die mir zu vertraute Situation, die Neue unter Altbekannten zu sein. Auf der einen Seite erspähte ich Ry unter seinen perfekt gestylten Freunden, der bei meinem Anblick überrascht die Augen aufriss und dann den Blick weiter wandern ließ und so tat, als hätte er mich gar nicht gesehen. Das blonde Mädchen an seiner Seite starrte mich giftig an und ich erkannte sie als dieselbe Person wieder, die mich auch auf den Schulhof wütend betrachtet hatte. Aufgrund der überschlagenden Feindseligkeit drehte ich mich zu dem anderen Tischen um, von denen ich ebenfalls neugierig betrachtet wurde. Zu meiner Verblüffung war es Valruv, der mich schlussendlich heranwinkte. Der pickelige Junge begrüßte mich mit einem einigermaßen echt wirkenden Grinsen. Halbwegs erleichtert steuerte ich auf ihn zu, bis neben ihm noch jemand den Kopf hob und die rothaarige Medea mich scheinheilig anlächelte. Erstarrt blieb ich stehen. Das Gewicht des Nachtmahrs auf meiner Brust überkam mich plötzlich wieder bei ihrem Anblick. Sollte ich mich wirklich kurz nach meiner Ankunft direkt neben das Mädchen setzen, welches schonmal versucht hatte, mich umzubringen? Vermutlich eher nicht. Vermutlich kam das nicht im Geringsten der Bitte meiner Mutter nach, mich außerhalb von Gefahrenzonen zu halten. Trotzdem war ich auf Valruv zugegangen und wollte mir nicht den Anschein geben, Reißaus zu nehmen. Ich zwang das über nichts sorgende Lächeln auf meinem Gesicht zu bleiben, als ich mich zu ihnen an den Tisch gesellte. 

„Du, auch hier?", scherzte Valruv und Medea stimmte ein viel zu lautes Lachen ein, bei dem ich ihre schwärzlichen Eckzähne sah. Ich lachte nervös. „Es hat sich ergeben, dass ich auch hexische Fähigkeiten haben könnte. Aber das lässt sich erst feststellen, wenn das hier wieder verheilt ist." Ich hob meinen rechten Arm hoch, welcher zu einem dämonischen Arm mündend in einer Dämonenkralle versenkt wurde. Mit großen Augen packte Medea meinen Arm und zog ihn zu sich und Valruv heran. Ich wurde von ihr mit meinem Oberkörper fast durch mein Essen gezogen. „Das wäre natürlich auch eine Erklärung, warum du die Grenze zu unserer Schule überschreiten konntest", überlegte Valruv fast schon bewundernd. „Wenn du schon zuvor Kontakt mit diesen Dämonen hattest, gibt er dir etwas von seiner magischen Präsenz ab."

Medea ließ meinen Arm wieder los. „Mit seiner Hilfe könntest du zaubern, obwohl du nur ein Menschchen ohne Fähigkeiten wärst. Das versetzt mich ins Schaudern. Ich sollte dich nicht mehr verfluchen, bis du sich bewährst."

Überrascht guckte Valruv Medea an. „Du hast versucht Callie zu verfluchen?!"

Medea zog einen Schmollmund und verschränkte die Arme. „Sie war zu meinen Reimen untersagend! Ich bin eben nachtragend." Sie warf mir einen scheelen Blick zu. „Du bist doch hoffentlich nicht genauso nachtragend?"

„Das werden wir noch sehen", sagte ich spontan und fuhr mir mit der Dämonenkralle leicht durch das Pony, damit sie sie auch schön betrachten konnte. Sie hatte einen verunsicherten Effekt auf Medea, was ich nicht erwartet hatte, aber ein wenig genoss. Natürlich dachte ich nicht darüber nach mich zu rächen, ich hatte keine Ahnung von Flüchen und ich wollte nicht, dass sie wieder versuchte mich im Schlaf zu ermorden. Wir sollten wohl darüber nachdenken, wie wir uns an ihr revanchieren., summte Astaroth in meinem Kopf und ich versuchte ihn zu ignorieren. Ich wechselte das Thema und deutete auf unser Essen. „Warum müssen wir uns eigentlich mit gewöhnlichem Fraß begnügen, während die andere Hälfte der Schüler Kaviar zum Frühstück bekommt?"

Valruvs Gesicht verdüsterte sich. „Das sind Engel-Privilegien. Hexen sind auf der Stonegrave High in allen Bereichen wie Bürger der zweiten Klasse. Wirst du schon noch sehen."

Ich schob mir einen Löffel Ei mit Baked Beans in den Mund, während ich zu Ry hinüber schielte, der mich geflissentlich ignorierte. So ein Heuchler. Das hochnäsige Verhalten hatte ich tatsächlich vor einigen Minuten zu spüren bekommen. „Wie kann es sein, dass sie so doll bevorzugt werden?"

„Sie sind eben die Musterschüler. Und wir sind..." Er brachte den Satz nicht zu Ende. Die Schulglocke ertönte und ich begann mir mein Essen schneller in den Mund zu schaufeln. „Was haben wir in der ersten Stunde?", nuschelte ich mit halbvollem Mund zwischen den einzelnen Bissen. Fest erwartete ich, dass wir etwas über Hexengeschichte, Zaubersprüche und Flüche oder das Brühen von Zaubertränken in Kesseln lernen würden. Medea schaute auf ihren Stundenplan. „Orientalistik." Vor lauter Überraschung verschluckte ich mich fast an meinem Essen.

Stonegrave: Schule der Engel und HexenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt