Der Sommer 2001 war erstaunlich warm in Schottland. Die Mädchen hatten Ferien und sie saßen in einem silbrigen Rover SD1 auf der Dämmerwiese mit heruntergekurbelten Fenstern. Das Abendlicht senkte sich hinter den Horizont und erste Werbung flackerte über die Leinwand des Autokinos, über CDs mit den Sommerhits von NSYNC und den Backstreet Boys die man sich nun kaufen sollte. Luise pulte einen Kaugummi von dem Lenkrad, das sie gerade dorthin geklebt hatte, und nun lieber an den Rückspiegel presste. Sie kniff dabei konzentriert die Augen zusammen und betrachtete ihre frisch gezupften Augenbrauen und ihr Makeup im ovalen Spiegel. „Warum hast du salziges Popcorn mitgebracht?", nölte ihre Freundin vom Beifahrersitz, auf dem sie sich räkelte und lautstark von ihrer Cola schlürfte. „Ich hab dir gesagt, die wahre Magie ist eine 50/50 Mischung aus Salzigem und Süßem." Luise zog ihren Lippenstift nach und schmatzte genervt mit dem Mund. „Das süße Popcorn kommt weiter unten." Magie. Als ob ihre Freundin sich über die Ausmaße dieses Wortes bewusst war. Der Film begann endlich zu spielen, der Popstar des Dorfes namens Joeline Balder tanzte über den Bildschirm in der dramatisch ausgeleuchteten Schwarz-weiß-Kulisse eines Friedhofs. „Ist der Film nicht von den Vierzigern?", fragte Kelsi, vage interessiert, während sie sich Luft zufächelte und tiefer in ihre Popcorntüte griff. „Ich dachte der Film aus den Sechzigern den wir letzte Woche gesehen haben, wäre auch mit Joeline Balder gewesen."
„Sie hat sich wohl gut gehalten", erwiderte Luise. Sie sah das Mädchen auf der Leinwand an, welches mit wippenden Haaren und ausgefallenen Klamotten mit ihren Freunden inmitten der Nacht auf dem Friedhof einen Werwolf traf, um sich mit magischen Kreaturen gemeinsam zu verbünden und einen Gegenangriff auf eine Armee der schrecklichsten Monster zu planen, die allen Menschen auf Erden den Garaus machen wollte. Es war ein Klassiker ihrer Jugend, Luise hatte ihn schon dutzende Male gesehen. In der Schule hatten sie besprochen, wie Moonlight Twelfe zum Ende des zweiten Weltkrieges gefilmt wurde und der schottischen und britischen Bevölkerung gedient hatte, die Erlebnisse des Krieges zu verarbeiten. Bombenangriffe wurden abgeändert in feuerspeiende Drachen, U-Boote in Sturmwasserwesen wie die Blauen Männer der Minch, Fußsoldaten wurden zu furchterregenden Feen auf Kelpies, Trolle, ... Die Effekte des Filmes wirkten noch heutzutage real. Luise gehörte zu einer der wenigen Personen, die wussten, dass diese Effekte real wirkten, weil sie dies auch waren. Moonlight Twelfe war während einer echten Schlacht gefilmt worden, einer Schlacht zwischen den Menschen mit ihren Beschützern und alles anderem. Eine Schlacht, die Luise ebenso wenig interessierte, wie die rein menschlichen Weltkriege.
„Ich meine, ich hab nie darüber nachgedacht, aber sie sieht fast identisch aus, wie die Joeline Balder aus den Sechzigern. Ich dachte immer, der Film spielt nur in den Vierzigern, aber dafür ist die Qualität ganz anders. Nimmt sie Botox, oder was ist ihr Geheimnis?"
„Alle Schauspieler nehmen Botox, um zu verheimlichen, dass ihre Schauspieltalente schlechter werden. Selbst heute in Hollywood", schaltete sich ihre Freundin Lorna von der Rückbank ein, die in einem Klatschmagazin blätterte, anstelle den Film zu schauen. Kelsi riss ihr die Zeitschrift aus der Hand und hielt sie aufgeregt Luise entgegen.
„Sag mal, ich spinne! 'The Otherworlds' treten in der Nähe von Stonegrave auf?"
Luise schnappte Kelsi das Heft aus der Hand, damit sie es still genug halten und die Konzertdaten der Band lesen konnte.
„Wahnsinn!"
„Wie kann es sein, dass sie zu solch einem Kaff wie unserem kommen?"
„Scheißegal, da hat ihr Manager eine nicht-lukrative Entscheidung getroffen, die dazu führt, dass wir schnuckelige Rockstars live sehen können!"
Aufgeregt kniff Kelsi Luise in den Arm. „Du kommst mit uns oder? Ehrenwort?"
Luise sah ihre Mutter Rosaline vor ihrem inneren Auge. Sie stellte sich vor, wie Rosaline sie ansehen würde, ihre Tochter, die, anstelle eine der mächtigsten Hexen ihrer Zeit zu werden, normal und menschlich war. Die Luise, die sich für gewöhnlichen Kram interessierte wie jedes Mädchen in ihrem Alter, wie Mode und Klatschzeitungen und Konzerte. Die Luise, deren Noten auf der Denso High nie gut genug werden konnten, weil es nicht die Fächer an der Stonegrave High waren. Die Luise, die immer nur Fehler machte, die von Rosaline stets mit schlecht kaschierter Enttäuschung betrachtet wurde. Sie schüttelte sich und pfefferte die Zeitung zurück nach hinten. „Und ob ich mitkomme!"
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Stonegrave: Schule der Engel und Hexen
FantasyCallie Newsland zieht mit ihrer Mutter aus dem schönen London zurück in das alte Haus ihrer Großmutter in einer schottischen Kleinstadt. Doch ihre Großmutter scheint mehr Geheimnisse gehütet zu haben, als es Callie lieb ist. Was hat es mit dem selts...
