Das Wochenende allein mit Ms. Crow verlief außerordentlich grässlich. Wir trafen uns nur zum Essen und sie sorgte dann dafür, dass ich den Abwasch erledigte. Wir hatten in Omas Haus noch kein Internet und solange war ich auf unseren Fernseher angewiesen. Ms. Crow putzte andauernd in meiner Nähe und beschwerte sich über die Lautstärke, sodass ich bald ein Hörgerät brauchte oder Lippenlesen lernen musste um irgendetwas vom Film zu verstehen. Ich schaltete schließlich Untertitel hinzu.
Ich fragte Ms. Crow nach der benachbarten Schule aus und sie antwortete recht vage: „Das ist nichts für dich. Das ist etwas für außergewöhnliche Kinder."
Ich nahm an, dass das bedeuten sollte dass die Schule sich auf Kinder mit Lernbehinderungen spezialisiert hatte. Ms. Crow schaffte es trotzdem es so klingen zu lassen, als wäre ich in diesem Szenario die Person, die den Kürzeren zog.
Ich recherchierte den Spruch, der auf der großen Steinwand gestanden hatte. Es war Latein und hieß in etwa „Lerne zu beschützen.". Ich hatte keine Ahnung, ob das die wirkliche Bedeutung sein sollte.
Ich musste an diesem Wochenende noch die ganzen restlichen Gegenstände aus den Kartons räumen, die ich mit Mama noch nicht ausgepackt hatte. Dabei bekam ich ständig von Ms. Crow zu hören: „Die Bilderrahmen dürfen nicht neben der antiken Vasensammlung stehen. Nein, ich werde dir keine Magneten für den Kühlschrank besorgen. Deine Kritzeleien aus der Grundschule sind weder sehenswert, noch Kunst, weshalb du sie wirklich mal langsam aussortieren solltest, Callie Newsland." Im letzten Punkt hatte sie nicht einmal unrecht. Leider würde es Mama das Herz brechen, wenn sie meine jämmerlichen Versuche zu malen bei ihrer Wiederkehr im Mülleimer vorfände.
Und dann begann mein erster Schultag. Ich wurde von einem Mädchen namens Joeline Balder durch die Denso High geführt. Dank meiner Recherchen hatte ich nicht zu viel erwartet von dem langweiligen Plattenbau mit den senfgelb lackierten Böden. Zu meiner großen Enttäuschung musste man eine Schuluniform tragen und allein an Joeline Balders Outfit konnte man sehen, wie sehr das Mädchen diese Regelung verabscheute. Ihr Jackett war an allen möglichen Stellen zerrissen und mit Textilstickern von bunten Schmetterlingen überklebt worden. An ihrem schelmischen Lächeln konnte ich erkennen, dass es sich dabei ganz sicher nicht um einen tollpatschigen Fehler handelte, sondern rebellisches Kalkül. Ihre Haare waren blond mit zuweilen bunt gefärbten Einzelsträhnen und lockten sich fröhlich um ihren Kopf herum. Allerdings bildete es schönere volle, geschmeidige Wellen als mein braunes Krisselhaar über das ich mich seit Anbeginn der Zeit ärgerte. Als Joeline Balder mir im Sekretariat der Denso High vorgestellt wurde, hatte sie meine Hand fest geschüttelt und dabei dramatisch mit ihren blauen Augen gerollt.
„Joeline Balder. Ja genau, wie die Schauspielerin.", hatte sie gesagt.
Von Anfang an war sie mir sympathisch. Aber diesen Spruch hatte ich nicht gleich verstanden. Sie klärte mich bei unserer gemeinsamen Rundtour sofort auf.
„Hier in Stonegrave ist Joeline Balder eine Legende. Sie hat die Hauptrolle in Prompt Invaders und Moonlight Twelve gespielt."
Als ich sie nach diesen Ausschweifungen immer noch verdutzt anblickte wirkte sie regelrecht entsetzt.
„Sag bloß nicht dass du diese beiden Meisterwerke aus den Vierzigern nicht gesehen hast!", entfuhr es ihr. Sie hakte sich bei mir unter und führte mich zu den Chemieräumen.
„Gut, dann muss ich dir unbedingt das uralte Autokino auf der Dämmerwiese zeigen. Da spielen sie die Filme noch regelmäßig ab. Keine Mainstream- Scheiße sondern das gute alte Zeug. Naja, auf jeden Fall ist die Schauspielerin Joeline Balder meine Vorfahrin. Seit ihrem enormen Erfolg werden alle weiblichen Nachkommen in unserer Familie nach ihr benannt. Und du kannst dir gar nicht vorstellen wie seltsam es ist, solch einen berühmten Namen zuhaben. Die Leute von hier haben so einige Sprichwörter in denen sie vorkommt. Zum Beispiel wird hier häufig gesagt: Bei Joelines Beinen! anstelle von Was zur Hölle... und so weiter."
Sie blieb stehen und blickte mich verlegen an.
„Jetzt plappere ich schon wieder viel zu viel. Komm, ich zeige dir die Mensa."
Wir machten kehrt. Ich grinste in mich hinein. Joeline war sehr redselig, aber ich dachte schon, dass sie mir eine gute Freundin werden könnte. Sie war auf jeden Fall nicht langweilig.
„Habt ihr hier ein Fußballteam?", wechselte ich das Thema.
Sie zuckte mit den Achseln.
„Kann schon sein, aber ich gehe nie zu unseren Sportspielen. Wir sind richtige Loser und verlieren jedes Spiel gegen die Schulen aus benachbarten Städten. Das ist nicht meins. Warum fragst du?"
„Ach nur so. Ich erkundige mich danach mal woanders später.", wich ich ihr aus.
Eine Freundschaft konnte nicht damit beginnen, dass ich wie eine Sportfanatikerin auf andere einschwätzte.
„Spielt ihr auch gegen die andere Schule in Stonegrave?", fragte ich.
Joeline warf mir einen Seitenblick zu.
„Was weißt du über die andere Schule?", wollte sie neugierig wissen.
„Nicht viel. Wir wohnen nebenan."
Joeline blieb mit mir inmitten der Mensa mit ihren leeren Tischen und Stühlen gedankenverloren stehen.
„Interessant.", erwiderte sie.
Dann deutete sie auf einen Sitzplatz am Fenster.
„Da sitze ich meistens. Du darfst dich niemals auf meinen Platz setzen."
Ich guckte sie betreten an. Galten hier etwa ähnliche Verhaltensregeln wie in klischeehaften amerikanischen High Schools? Ein Tisch für die Coolen und einen für die Nerds, Musiker, Emos und so weiter?
Joeline konnte ihr Pokerface nicht sonderlich lange bewahren und brach in schallendes Gelächter aus.
„Natürlich nur, weil du stattdessen neben mir sitzt, Dummerchen."
Sie legte mir den Arm um die Schulter.
„Aber jetzt beeilen wir uns lieber. Wir haben Englisch bei Mr. Davies und das ist ein verdammt schnuckeliger Lehrer."
Ich stimmte in ihr Lachen ein und beschwingten Schrittes näherten wir uns meiner ersten Unterrichtsstunde an der Denso High.
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Stonegrave: Schule der Engel und Hexen
FantasyCallie Newsland zieht mit ihrer Mutter aus dem schönen London zurück in das alte Haus ihrer Großmutter in einer schottischen Kleinstadt. Doch ihre Großmutter scheint mehr Geheimnisse gehütet zu haben, als es Callie lieb ist. Was hat es mit dem selts...
