39. Die Gründer und die Bibliothek

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Heute war ein Abend, an dem ich in der Bibliothek der Stonegrave High lernen würde, anstelle mich in meinem Zimmer zu verkriechen. Dies hatte einen guten Grund. Ich hatte mich von Verónica überzeugen lassen, dass die Bibliothek es wert war, sie sich mal anzusehen. Medea war auch von der Idee angetan gewesen, weil sie glaubte, dass es meinen schulischen Leistungen guttun würde. Valruv hatte sich als Medeas ewiger Schatten entschieden, ebenfalls mitzukommen und meine Klassenkameraden Billy und Luzifer aus dem Schlaftrakt der Jungen gesellten sich zu uns, weil sie meinten, dass es aus dem Zimmer neben dem ihrem entsetzlich angebrannt roch. 

„Merlin Maleficus experimentiert mit dem Feuervogel", erklärte Luzifer fröhlich, während er sich selbst und Billy und Valruv mit einem Parfum einsprühte, woraufhin Billy verlegen auswich und Valruv von den Dämpfen benebelt eingeschnappt nach Luft rang. So machte ich mich mit den Fünfen auf den Weg und versuchte nicht zu hinterfragen, warum alle so versessen darauf waren meine Reaktion zu der Bibliothek mitzubekommen. Manchmal hatte ich das Gefühl sie sahen in mir einen kleinen, erstaunten Welpen, den manche von ihnen ansahen, als hätten sie ihn zum Fressen gerne, oder als würden sie ihn einfach nur fressen wollen. An diese Verhaltensweisen musste ich mich wohl gewöhnen. Ich wusste ja, dass ich nicht so war, dass ich bei dem Anblick von einigen Büchern ausrasten würde. Ich musste auch zugeben, dass Verónicas Überzeugungskräfte nicht das einzige waren, dass mich dazu brachte mich auf diesen Ausflug einzulassen. Ich hatte mit Ry getextet und mich darüber beschwert, dass Verónica und Medea mich drängten mitzukommen.

Wieso gehst du nicht mit?, hatte er geantwortet.

Die Bibliothek hat viele schöne Plätze. Wenn du heute Abend dort bist, werde ich sie dir zeigen.

Ich eilte mit Verónica hinter den anderen her, sie war erstaunlich bedächtig unterwegs. Ich bildete mit ihr das Schlusslicht, weil ich kurz mein Handy gecheckt hatte. Ihre Schritte hatten ihren eigenen eleganten und gleichmäßigen Schwung, was dieses Gefühl einer gelenkigen Puppe von ihr verdeutlichte. Würde es wirklich brennen, wäre Verónica die Einzige, die gelassen im immerzu gleichen Tempo zum Ausgang schreiten würde. „Schreibst du mit jemanden besonderen?", fragte sie und ich fühlte mich ertappt.

„Neein", log ich äußerst schlecht. „Ich meine...vielleicht."

„Ist es Othryel, aka „Ry" Ashbury?", sprang Luzifer plötzlich von der Seite ein und ich erschrak. „Ich habe gesehen, dass du mit ihm frühstückst. Du weißt gar nicht, wie glücklich mich es machen würde, wenn ihr zusammenkommt. Es gab schon ewig kein Hexen-Engel-Pärchen mehr und ich hätte die Hoffnung fast aufgegeben."

„Du kannst die Hoffnung ruhig aufgeben", meldete sich Valruv zu Wort, der mit Medea weiter vorne lief, aber anscheinend sehr gut lauschen konnte. „An dir sind die Engel nicht interessiert. Du solltest mit deiner Obsession aufhören, wie sie auszusehen und Teil ihrer Gruppe werden zu wollen. Es ist nicht gesund, wie viel Mühe du dir gibst."

Luzifer zog eine Grimasse und nestelte durch sein zu Engellocken blondiertes Haar. „Es kann nicht jeder so gut aussehen wie wir, Callie Darling", flüsterte er mir lautstark zu. „Überall gibt es Neider."

„Ich bin nicht neidisch!", brauste Valruv in erhöhter Stimmlage auf und Luzifer streckte ihm die Zunge raus. Patzig drehte der schlaksige, pickelige Junge sich wieder um und lief schneller, während er vor sich hinmurmelte, irgendetwas davon, dass er einer der wenigen war, die immer ehrlich wären und was war sein Dank dafür? Medea enthielt sich eines Reim-Kommentares und pfiff stattdessen fröhlich vor sich hin.

Es dauerte nicht lange, bis wir an der Bibliothek angekommen waren. Wir mussten nur den Gemeinschaftsraum durchqueren, welcher den Schlaftrakt der Engel von dem der Hexen trennte, der Ort der durch das Licht von dem Fensterdach uns blendete, als wir wie blinde Maulwürfe aus den Kellerräumen hervorkamen. Dieser riesige Raum war durch schmale Gänge, die ein komplexes Netz bildeten, das unübersichtlicher war als der Londoner Linienverkehr, schließlich mit einem weiteren Raum verbunden, der riesig war wie der Hauptraum einer Kathedrale. Es fühlte sich an, wie das Herzstück der Stonegrave High. Die steinernen Wände bargen Zierdemalereien, die verblichen waren, als würden sie aus einer früheren Zeit stammen und die Fenster in der Kirchenoptik ragten empor, als würden sie niemals enden wollen. Der Boden war mit teilweise gesprungenen, handgemalten Fliesen belegt, voller Worte und Bilder, die in die unterschiedlichsten Richtungen deuteten, zu den Regalen, die den Großteil des Raums einnahmen, als wollten sie auf die Bücher verweisen. Lebendig gewordene Legenden, die wollten, dass man ihre Abenteuer in den Büchern fand. Dicke Wälzer waren in ledrige Bände zu ihrem Schutz gehüllt und verströmten einen geheimnisvollen Geruch nach altem Papier. Ich konnte den Kopf komplett in den Nacken legen und trotzdem über den Regalen nur ein Stück weißer Decke erhaschen. Sie ragten wirklich bis ganz nach oben in diesem riesigen Raum.

Stonegrave: Schule der Engel und HexenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt