Das anhaltende Zittern meiner Beine zwang mich schließlich dazu, mich an die Wand zu lehnen, an der ich schließlich herabsank. Das war es also, das furchtbare Geheimnis, das ich mit mir herumtrug, dieser eine entstellende Makel, der mein sonst so perfektes Leben beschmutzte. Oft schon hatte man mir gesagt, dass ich etwas ganz Besonderes sei, doch diese Leute ahnten nicht einmal, wie recht sie doch hatten. Besonders schön, besonders fleißig, ja, das bestimmt, aber unter der Fassade des perfekten, beliebten Mädchens verbarg sich doch nur ein Freak! Ich sah Geister und damit nicht genug! Irgendetwas führte die Geister der kürzlich Verstorbenen zwangsläufig zu mir, zwang sie dazu, ihre Erinnerungen mit mir zu teilen. Danach verschwanden die Geister einfach spurlos. Ich hatte noch keinen von ihnen ein zweites Mal gesehen.
Doch was hatte es damit auf sich? Diese Frage stellte ich mir jeden einzelnen Tag, seit diese Tortur vor zwei Jahren ohne Vorwarnung ihren Anfang genommen hatte. Es gab keinen Auslöser dafür, zumindest keinen, den ich kannte. An einem Tag war ich noch vollkommen normal gewesen und am nächsten nicht mehr. Als mein erster Geist zu mir gekommen war, hatte ich nicht einmal verstanden, dass die Person tot war, bis ich die schrecklichen Erinnerungen gesehen hatte. Danach hatte ich mich immer mehr daran gewöhnt, sofern das denn möglich war...So oft ich den Prozess in den vergangenen zwei Jahren bereits erlebt hatte, der Schmerz der Erinnerungen wurde nie geringer.
Wie auch? Ich erlebte in diesem Moment die letzten Sekunden der Toten, ihre Gefühle, ihren Schmerz...Eines wusste ich inzwischen zur Genüge: Sterben tat weh. Zumindest traf das auf die gewaltvollen, verfrühten Tode zu. Auch solche hatte ich erlebt, als Menschen, die ein erfülltes Leben hinter sich hatten, friedlich im Schlaf gestorben waren, doch solche Tode hinterließen kaum Eindruck. Ich erinnerte mich vor allem an die schmerzhaften und emotionalen Tode, an Unfälle und Suizide. Zu spüren, was die betroffene Person gespürt hat, kurz bevor sie...Es war jedes Mal aufs Neue schrecklich und ich hatte kaum eine Chance abzustumpfen. Ganz im Gegenteil fürchtete ich mich fast davor, irgendwann den Verstand zu verlieren und vollkommen dem Wahnsinn zu verfallen.
Wenn man die Tode von so vielen Leuten miterlebte, litt auch die eigene Psyche zwangsläufig darunter. Bisher waren es zwar nur zwei Jahre, die ich mit diesem Fluch leben musste, aber wenn das mein ganzes Leben so weitergehen sollte, sah ich schwarz. Mein Glück war es außerdem, dass bisher nur Leute gestorben waren, die mir unbekannt waren. Ich wollte mir gar nicht erst vorstellen, wie es sich anfühlen musste, wenn eine bekannte Person oder gar ein Nahestehender plötzlich vor mir stehen würde...
Ich war noch vollkommen in diese Gedanken und die Nachwirkungen der Begegnung vertieft, als mich plötzlich eine vertraute Stimme zurück in die Realität riss. „Cassie? Was ist denn los?", fragte Tessa bestürzt, die ich beinahe vergessen hatte. Beschämt wischte ich mir die Feuchtigkeit von den Wangen, während mich augenblicklich die altbekannte Panik durchzuckte. Was sollte ich sagen?! Wie konnte ich dieses ungewöhnliche Verhalten erklären?! Tessa setzte sich zu mir, wobei ich den Blick ihrer dunkelbraunen Augen selten so besorgt gesehen hatte.
„Das ist mir jetzt unangenehm, aber ich musste gerade daran denken, dass die letzten acht Jahre Schulzeit bald vorbei sein werden. Dieser Abschnitt unseres Lebens endet und wir lassen nicht nur dieses Gebäude sondern im Grunde die ganzen Erlebnisse und Erinnerungen, die sich hier ereignet haben, zurück. Ich schätze, dieser Gedanke hat mich für einen Moment überwältigt", brachte ich meine Ausrede vor und zwang mich dabei zu einem unbeschwerten Lächeln. Tessa musterte mich skeptisch und ich konnte sie bestens verstehen. Ich war sonst auch nicht allzu nah am Wasser gebaut und solch sentimentales Gerede passte überhaupt nicht zu mir.
Dann aber stieß Tessa ein gedehntes Seufzen aus und richtete ihren Blick in die Ferne. „Ach, ich verstehe ja irgendwie, was du meinst! Wir hatten hier so viel Spaß und gute Momente und bald wird alles anders werden! Natürlich freue ich mich auf das Studium und die Zukunft, aber keiner weiß, ob der nächste Lebensabschnitt genauso gut wird wie der letzte, und generell ist es immer schwer, das Vertraute hinter sich zu lassen! Ich werde keinem etwas davon erzählen, nicht einmal Emily, in Ordnung?", erklärte Tessa selbst ein wenig schwermütig und ich bemühte mich, mir meine Überraschung nicht ansehen zu lassen. So hätte ich die harte, manchmal etwas fiese Zicke gewiss nicht eingeschätzt.

DU LIEST GERADE
Verflucht - Der Todespakt
FantasyIn einer Welt, in der Menschen und Monster gleichermaßen leben, scheint es keinen Zweifel an der Zuordnung von "gut" und "böse" zu geben. Durch eine feste Grenze getrennt, führen Menschen und Dämonen eine weitestgehend friedliche Koexistenz, doch de...