-Cassie-
Entgeistert sah ich an der gewaltigen Mauer hinauf. „Und? Wie hast du dir das vorgestellt? Wie sollen wir auf die andere Seite dieses Dings gelangen?“, fragte ich Bella, die gerade überaus verlegen wirkte. „Also…wenn ich ehrlich sein soll, habe ich mir darüber keinerlei Gedanken gemacht. Ich habe angenommen, dass wir das schon irgendwie schaffen“, antwortete sie ebenso ratlos, wie ich mich soeben fühlte. Ich stieß ein genervtes Seufzen aus.
„Ach, was du nicht sagst! Kannst du eigentlich irgendetwas?“, entgegnete ich leicht gereizt. Unsere Reise fing schon einmal gut an! Jetzt standen wir vor dieser verdammten Mauer und wussten nicht, wie wir überhaupt ins Reich der Dämonen gelangen sollten! „Warum gehst du automatisch davon aus, dass es meine Aufgabe war, eine Lösung dafür zu finden? War dein Vater nicht im Grunde verantwortlich für den Bau dieser Mauer? Vielleicht weißt du ja, wie wir an den Soldaten vorbeikommen können!“, erwiderte Bella hitzig.
Ich wollte am liebsten eine bissige Erwiderung zurückfeuern, doch gerade noch rechtzeitig riss ich mich zusammen. Es brachte überhaupt nichts, sich jetzt im Angesicht der unüberwindbaren Mauer zu streiten. Außerdem brauchte ich Bella noch. Ihr Dämonendasein war der Schlüssel für unseren Plan, alles, was wir gerade hatten, und ich hatte nicht vor, meinen furchtbaren Fluch zu behalten. Von diesem Standpunkt aus wäre es mehr als unklug, sich jetzt schon mit Bella zu zerstreiten.
Stattdessen atmete ich tief durch und dachte über ihren Einwand nach. Es stimmte, dass mein Vater quasi auf den Bau der Mauer bestanden hatte. Natürlich hatte es die Grenze schon zuvor gegeben und angeblich sorgten die Götter höchstpersönlich dafür, dass die Dämonen sie nicht übertraten, aber meinem Vater hatte es nicht gereicht, auf den Einfluss von Göttern zu vertrauen, deren Existenz sich nicht einmal belegen ließ. Er und der Rest seiner Partei hatten sich dafür eingesetzt, eine große Mauer zu bauen, die die Welten von Menschen und Dämonen ein für alle Mal trennte.
Natürlich handelte es sich nicht wirklich um Welten, aber es fühlte sich fast so an, als gehörten die Dämonen und mit ihnen alles Übernatürliche einer völlig fremden Welt an, die sich außerhalb unserer Lebensrealität befand. Der Bau solch einer langen Mauer war selbstverständlich kosten- und materialaufwendig gewesen und dann genügte sie im Grunde nicht einmal, um die Dämonen abzuhalten. Die Kräfte der Dämonen waren furchterregend und es war anzunehmen, dass sie damit auch problemlos eine Betonmauer einreißen konnten, so hoch diese auch war.
Deshalb waren ebenfalls Soldaten auf und an der Mauer positioniert, die den Befehl hatten, auf jeden sich nähernden Dämonen zu schießen. Wir konnten nur hoffen, dass nicht dasselbe für Menschen galt…Ich atmete noch einmal durch und rief mir mein Ziel ins Gedächtnis. Ich nahm diese lebensgefährliche Reise auf mich, um diesen beschissenen Fluch loszuwerden! Ich hatte sogar zugestimmt, eine ehemalige Klassenkameradin umzubringen, um dieses Ziel zu erreichen! Dann würde ich bestimmt nicht an dieser verdammten Mauer scheitern!
Wenn Bella das Ganze nicht auf die Reihe bekam, musste ich eben Kreativität beweisen! Ich hatte schließlich nicht ohne Grund den Titel der Jahrgangsbesten errungen! „Komm mit! Ich regele das auf meine Weise!“, verkündete ich Bella und lief voller Überzeugung zum Haupttor, durch das man die Mauer passieren konnte. Im Augenwinkel nahm ich wahr, wie mir Bella verwirrt und unsicher hinterherstolperte.
Mit einer Selbstverständlichkeit, die die am Tor sitzenden Soldaten wohl selten sahen, lief ich einfach an ihnen vorbei und betätigte den Öffnungsmechanismus. Einen einfachen Knopfdruck benötigte es, um die verstärkte Metalltür aufgleiten zu lassen. Die Einfachheit dieser Methode hatte einen Sinn. Wenn die Soldaten – aus welchen Gründen auch immer – schnell auf die andere Seite mussten, womöglich sogar, um Leben zu retten, sollten sie keine Zeit mit Geheimcodes oder anderen komplizierten Öffnungsmechanismen verschwenden.
Natürlich ließ sich das Tor nur von einer Seite öffnen und wenn Menschen wirklich verrückt genug waren, um ins Dämonenreich zu wollen, wurden sie normalerweise von den wachestehenden Soldaten aufgehalten. Bisher hatte wohl aber keiner die Dreistigkeit besessen, einfach an den Wachen vorbeizulaufen. Nachdem sie ihre erste Verwirrung überwunden hatten, sprangen die beiden jungen Männer auf und eilten zu mir. Einer packte mich am Arm und zog mich zurück, während sich der andere zwischen mich und das Tor stellte.
„Was soll das? Das Überqueren der Grenze ist für Unbefugte strengstens untersagt! Es ist dort drüben einfach zu gefährlich!“, herrschte mich einer der beiden an. Im Augenwinkel sah ich, wie mich Bella entgeistert musterte. Wirklich? Das war dein großartiger Plan?, schien ihr Blick zu sagen, aber sie hatte keine Ahnung. Ich fing gerade erst an! „Ziemlich erbärmliche Leistung! Soldaten wollt ihr sein, wenn ihr nicht einmal ein schwaches Mädchen davon abhalten könnt, die Grenze zu überqueren?“, erklärte ich mit gespielter Empörung und schüttelte den Kopf.
„Was redest du denn da? Wir haben dich doch aufgehalten“, entgegnete der Soldat verwirrt. Ich suchte den direkten Blickkontakt, sodass sich mein ernster Blick quasi in seinen bohrte. „Aber reichlich spät. Ich konnte einfach an euch vorbeispazieren und das Tor öffnen, bevor ihr überhaupt reagiert habt! Das wird meinem Vater nicht gefallen! Ihr kennt ihn bestimmt. Henry Rose, der sich bekanntlich wie kein anderer für den Bau dieser Mauer eingesetzt hat und damit wohl auch eure Arbeitsplätze geschaffen hat!
Ich mache nach meinem Abschluss nun ein Praktikum bei der Partei für Sicherheit und mein Vater hat mich und die andere Praktikantin da zur Grenze geschickt, damit wir eine unangekündigte Kontrolle durchführen. Bis jetzt bin ich nicht gerade überwältigt, aber das kann sich ja noch ändern!“, trug ich mein Anliegen mit einer Überzeugung vor, die mich selbst überraschte. Wenn ich an der Stelle der Soldaten wäre, würde ich mir meine Geschichte abkaufen, und die beiden waren bestimmt keine Jahrgangsbesten gewesen. Tatsächlich hielt ich die Soldaten für relativ einfältig. Man ließ zukünftige Generäle bestimmt keine so stupide Arbeit verrichten. Meine Einschätzung sollte sich gleich darauf bestätigen.
„Keiner hat etwas von einer Kontrolle gesagt“, antwortete einer der beiden verwirrt und kratzte sich am Kopf. „Darum ist sie ja auch unangekündigt!“, gab ich fast schon genervt zurück. „Wenn ihr Bescheid wüsstet, würde eine Kontrolle kaum Sinn ergeben. Dann wäre selbstverständlich alles einwandfrei!“ Die Soldaten wechselten einen langen Blick und ich konnte förmlich in ihren Augen lesen, dass sie mir allmählich glaubten. „Die Tochter von Henry Rose…“, murmelte der eine und ließ dann geradezu panisch meinen Arm los, den er noch immer festgehalten hatte.
„Wir machen unsere Arbeit gut! Das kannst du…äh ich meine Sie Ihrem Vater erzählen!“, erklärte er dann hastig, wobei ich es amüsant fand, dass er plötzlich begann, mich zu siezen. Offensichtlich hatte da jemand plötzlich Angst um seinen Job bekommen. „Davon werde ich mich selbst überzeugen, wenn ihr nichts dagegen habt! Zunächst einmal könnt ihr eurem Vorgesetzten Bescheid geben! Und lasst mich besser nicht so lange warten!“, wies ich die beiden an und einer von ihnen machte sich sofort auf den Weg. Blieb nur noch einer, den es loszuwerden galt.
„Könntest du uns vielleicht etwas zu trinken bringen? Wasser reicht vollkommen aus, aber wir haben eine lange Zugfahrt hinter uns und mein Mund ist ganz trocken“, wandte ich mich an den anderen, der einen nervösen Blick zum Tor warf, das er inzwischen wieder geschlossen hatte. „Wenn ich jetzt meinen Posten verlasse, ist das Tor vollkommen unbewacht. Das darf ich eigentlich nicht…“, setzte er unsicher an, doch ich schnitt ihm energisch das Wort ab.
„Dein Kollege kommt ja gleich zurück! Ich könnte jetzt wirklich ein Glas Wasser gebrauchen und bis jetzt wurden wir nicht allzu freundlich empfangen! Vielleicht sollte ich das meinem Vater ebenfalls ausrichten!“, drohte ich in unerbittlichem Tonfall an und die Drohung zeigte Wirkung. „Natürlich! Ich hole es schon!“, verkündete der Soldat hastig und eilte ebenfalls davon.
„Fuck, du bist gut!“, kommentierte Bella und sah von mir zum nun unbewachten Tor. „Ich weiß!“, antwortete ich lediglich und drückte erneut auf den Knopf, der das Tor öffnete. „Gehen wir?“ Mein Tonfall ließ eine Ausgelassenheit vermuten, die gerade vollkommen fehl am Platz war. Wir standen kurz davor, die Grenze zum Reich der Dämonen zu überschreiten, wo es, nach allem, was wir wussten, vor Gefahren wimmelte. Bella und ich wechselten einen Blick, wobei uns beiden die Anspannung deutlich anzusehen war, dann durchquerten wir das Tor.
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Verflucht - Der Todespakt
FantasyIn einer Welt, in der Menschen und Monster gleichermaßen leben, scheint es keinen Zweifel an der Zuordnung von "gut" und "böse" zu geben. Durch eine feste Grenze getrennt, führen Menschen und Dämonen eine weitestgehend friedliche Koexistenz, doch de...