Kapitel 15 - Teil 2

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Der Wirt verwies mich auf einen schmalen Gang und ich fand die Frauentoilette ohne Schwierigkeiten. Als ich mich dann jedoch erleichtert hatte und mir gerade die Hände wusch, geschah es. Delia trat wie selbstverständlich in den Vorraum der Toilette, wo sich die Waschbecken befanden. Schnell schüttelte ich meine Hände trocken und wollte den Raum verlassen, doch die große Dämonin versperrte mir sogleich den Weg. Sie hatte gar nicht vor, auf die Toilette zu gehen, wurde mir sogleich klar.

„Gut, dass du da bist. Ich wollte ohnehin einmal mit dir reden“, verkündete Delia ohne Umschweife, während sie noch immer als unüberwindbares Hindernis zwischen mir und der Tür stand. „W…worüber?“, brachte ich verunsichert hervor, wobei meine Stimme eine Oktave zu hoch klang. Ich saß im wahrsten Sinne des Wortes in der Falle und war der vermutlich gefährlichen Dämonin vollkommen ausgeliefert. In diesem Moment verfluchte ich meine geniale Idee, mich ausgerechnet jetzt von der Gruppe zu entfernen.

„Wie lange, sagst du, bist du schon mit diesem Ryan unterwegs?“, fuhr Delia unbeirrt fort. Die Situation überforderte mich so sehr, dass ich nicht in der Lage war, mir eine Lüge auszudenken. „Erst seit kurzem“, antwortete ich deshalb wahrheitsgemäß. „Und hast du seinen Meister schon einmal getroffen?“, hakte Delia weiter nach. „Nein, noch nicht…aber wenn er uns…Ich meine, wenn er Cassie weiterhelfen kann, wäre das toll“, antwortete ich erneut mit der Wahrheit und hätte mich beinahe versprochen.

Ich wollte bei Ryans Version der Geschichte bleiben, aber irgendetwas sagte mir, dass mich Delia bereits durchschaut hatte. Weshalb sonst sollte sie mich hier ausfragen? Ob sich Cassie und Ryan bereits fragten, wo ich abblieb? Wussten sie, dass Delia mir auf die Toilette gefolgt war, oder freuten sie sich einfach, dass sie endlich gegangen war?

Die Situation wurde zunehmend unangenehm, vor allem da ich nicht wusste, was Delia von mir wollte. Was wäre schon so schlimm daran, dass ich meine wahre Geschichte vor ihr verschwiegen hatte? Es war wohl kaum verboten, als Dämonin mit versiegelten Kräften ins Dämonenreich zu kommen, wenngleich meine Geschichte natürlich ungewöhnlich war. Delias nächste Worte sollten mich jedoch von Grunde herauf überraschen.

„Ja, einen Menschen sieht man nicht oft im Dämonenreich! Besonders nicht nach dem, was vor beinahe zwanzig Jahren geschehen ist!“, sagte Delia aus heiterem Himmel und stieß ein geradezu melancholisches Seufzen aus. Augenblicklich war meine Neugierde geweckt. „Was war denn vor beinahe zwanzig Jahren?“, spielte ich die Unwissende, wobei mir schon klar war, von welchem tragischen Vorfall die Rede war.

„Das weißt du nicht? Ich hätte nicht gedacht, dass das an irgendjemanden vorbeigehen könnte!“, rief Delia in gespielter Verwunderung und wieder hatte ich das Gefühl, dass sie mich durchschaut hatte. „Ach, meinst du den Fall des Dämonen, der eine menschliche Frau entführt haben soll? Natürlich habe ich davon schon gehört, wenngleich sich die unterschiedlichen Versionen widersprechen“, erklärte ich dann, was Delia zu gefallen schien. Ein zufriedenes Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht und sie musterte mich eingehend.

„Weißt du, ich könnte Klarheit in die Geschichte bringen und dir die wahre Version erzählen! Viele zerreißen sich das Maul über diesen Vorfall, aber nur die wenigsten wissen, dass es hier ganz in der Nähe passiert ist. In einem kleinen Dorf nicht weit von hier steht noch bis heute das Haus, in dem sich alles ereignet hat“, antwortete Delia mit einem beinahe schelmischen Lächeln. Währenddessen konnte ich meine Aufregung kaum in Zaum halten. Delia kannte die Wahrheit über meine Eltern? Die ganze Geschichte?

Alle, die ich bisher gefragt hatte, auch Ryan, waren nur grob über den damaligen Vorfall informiert. Die wahren Ereignisse schienen stark durch die mündliche Überlieferung verfälscht worden zu sein. Das war auch kein Wunder. Wenn jede Tratschtante des Landes die aufregende Geschichte wiedergeben wollte, gingen gewisse Details schnell verloren, während andere hinzugedichtet wurden.

Verflucht - Der TodespaktGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt