Der Zorn irgendwelcher Götter oder Wächter war mir egal, wenn es um die einzige Chance ging, mich von diesem Fluch zu befreien! Ich hatte nicht vorgehabt, diese Information direkt herauszugeben, doch die vorliegende Situation erforderte wohl Ehrlichkeit. „Ich bin nicht ohne Grund hier! Ich wurde verflucht und habe diese Reise auf mich genommen, um den Fluch aufheben zu lassen! Bevor ich das geschafft habe, kann ich nicht zurückkehren! Vielleicht haben die Wächter Verständnis dafür. Ich habe nicht vor, auf dieser Seite der Grenze zu bleiben. Sobald wir einen Weg gefunden haben, den Fluch aufzuheben, bin ich wieder weg. Vielleicht könnt ihr uns weiterhelfen, damit das Ganze schneller geht“, erklärte ich mein Anliegen.
Die Dämonen wechselten interessierte, aber auch etwas beunruhigte Blicke, bevor die Frau das Wort ergriff. „Wenn ihr einen Fluch aufheben wollt, solltet ihr am besten in die Hauptstadt fahren. Dort gibt es allerlei Dienstangebote und ich habe gehört, dass man auch Flüche aufheben oder auferlegen kann. Wenn ihr euch beeilt, erwischt ihr noch den richtigen Zug. Habt ihr Geld?“
Ich öffnete die Seitentasche meines Rucksacks und holte einen durchaus vollen Geldbeutel heraus. „Zählt auch menschliches Geld? Oder habt ihr hier eine eigene Währung?“, fragte ich nach. Marcel warf einen kurzen Blick auf die Scheine und stieß ein verächtliches Schnauben aus. „Mit Menschengeld werdet ihr hier nicht weit kommen!“, kommentierte er voller Genugtuung. Seine vermeintliche Frau warf ihm einen bösen Blick zu.
„In der Hauptstadt kann man Menschengeld gegen unsere Währung tauschen. Ich weiß selbst nicht genau, welche Geschäftszweige das Menschengeld brauchen. Ich glaube, es geht darum, die Wachen an der Mauer zu bestehen, aber Genaueres weiß ich nicht. Zumindest könnt ihr in der Hauptstadt an Geld kommen. Lasst mich euch Zugtickets kaufen“, bot die Frau freundlicherweise an. Ich wechselte einen überraschten Blick mit Bella.
„Danke! Das wäre doch nicht nötig gewesen!“, bedankte ich mich überschwänglich, obwohl mir sehr wohl klar war, wie bitter nötig wir diese Almosen hatten. Ich wollte bestimmt nicht herausfinden, was uns erwartete, wenn wir ohne Ticket im Zug erwischt wurden und dann auch noch herauskam, dass eine von uns menschlich war! Oder würde auch hier den Wächtern die Bestrafung überlassen werden? Ich wollte nicht daran denken, was alles schiefgehen konnte. Wenn ich mich von Anfang an auf diese Art von Gedanken versteift hätte, wäre ich gar nicht bis hierher gekommen.
Wir nahmen das Angebot der freundlichen Dämonin also an und ließen uns von ihr zum Bahnhof des Dorfes führen. Wir hatten wohl Glück, dass ein Dorf wie dieses überhaupt einen eigenen Bahnhof hatte, und die freundliche Frau erklärte uns, dass wir sogar ein Mal umsteigen mussten. Das sah ich jedoch nicht als großes Problem an. Ich war schon froh, dass wir Marcel und die anderen Dämonen hinter uns gelassen hatten und nun nur noch mit dieser einen Dämonin interagieren mussten.
Nachdem sie unsere Tickets bezahlt und aus dem Automaten gezogen hatte, wandte ich mich noch einmal dankend an sie. „Noch einmal vielen Dank für die Hilfe! Wir haben uns noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Cassie und das ist Bella“, holte ich die vergessene Vorstellung nach. „Keine Ursache. Das habe ich gerne getan. Um ehrlich zu sein, wollen wir für unsere eigene Sicherheit möglichst wenig Kontakt zu euch haben. Deshalb helfe ich euch, euer Anliegen schnell zu erreichen. Oh, und ich heiße Marry. Wer weißt, vielleicht kommt ihr auf eurem Rückweg noch einmal hier vorbei und könnt uns kurz berichten, ob ihr erfolgreich gewesen seid!“, antwortete die freundliche Dämonin namens Marry.
Wir wollten uns gerade von ihr verabschieden, als Bella, die bisher eher zurückhaltend gewesen war, noch etwas einfiel. „Kann ich dir vielleicht noch kurz eine Frage stellen? Marcel hat vorhin vom letzten Mal gesprochen, als ein Dämon einen Menschen geraubt hat. Weißt du, wer das war und wie das Ganze ausgegangen ist?“, fragte Bella interessiert und ich konnte schon ahnen, um was oder besser gesagt wen es ihr ging. Marry, die nicht wusste, dass Bella ihren eigenen Vater im Verdacht hatte, runzelte nachdenklich die Stirn.
„Das ist eine ganze Weile her. Fast zwanzig Jahre, glaube ich. Wir haben nur von diesem Dämonen gehört. Einem Mann, der eine menschliche Frau geraubt haben soll. Genaueres weiß ich nicht über ihn, aber die Wächter sollen ihn dafür bestraft haben. Tut mir leid, das ist alles, was ich darüber weiß“, erklärte Marry entschuldigend, doch Bella hatte genug gehört. Bei der groben Zeitangabe hatten sich ihre Augen interessiert geweitet. Vor fast zwanzig Jahren. Das konnte hinkommen.
Bella bedankte sich abwesend bei Marry, offensichtlich schon in Gedanken dabei, die Puzzlestücke zusammenzusetzen. Ein Dämon, vielleicht ihr Vater, hatte damals eine menschliche Frau von ihrer Seite der Grenze entführt und ins Dämonenreich gebracht. Das Resultat dessen war Bella selbst. Es fehlte noch einiges, um das Bild zu vervollständigen, aber womöglich würden wir in der Hauptstadt weitere Informationen erhalten. Das brachte mich in Gedanken zu unserem Ziel.
„Und? Wie heißt die Hauptstadt der Dämonen? Dämonenstadt?“, witzelte ich und studierte unsere Tickets. „Assarie“, antwortete Marry lediglich, während ich denselben Namen auf dem Ticket las. „Dann eben Assarie. Auch gut“, entgegnete ich schulterzuckend und sah bedeutungsvoll zu Bella. Unser Zug würde bald kommen und wir mussten zum Gleis. Wir verabschiedeten uns von Marry und stiegen nur wenige Minuten darauf in den Zug.
Wir waren fast die einzigen am Gleis gewesen und auch der Zug war recht leer. Wenn einer der Dämonen meinen menschlichen Geruch erkannt hatte, ging derjenige zumindest nicht darauf ein. Im Nachhinein schien es mir auch so, als sei alleine Marcels hitziges Temperament und seine Abneigung gegen Menschen dafür verantwortlich, dass wir überhaupt angesprochen worden waren. Vielleicht war es aber auch so, wie Marry zuvor angemerkt hatte, und die Dämonen wollten bloß nicht mit uns zu tun haben, da sie fürchteten, selbst den Zorn der Wächter zu spüren zu bekommen.
Wenn sie ohnehin nicht über uns richten durften, war es womöglich am sichersten, den Menschen in ihrer Mitte zu ignorieren. In einem Punkt war ich mir inzwischen sicher: Wenn die Götter oder Wächter etwas gegen meine Anwesenheit hier hatten, sollten sie selbst kommen, und da sie das bisher nicht getan hatten, hieß das vielleicht, dass sie mir mein Anliegen zugestanden. Während der Zugfahrt verfielen Bella und ich in grüblerisches Schweigen.
Sie dachte bestimmt über ihren Vater nach, doch mich beschäftigte ganz anderes. Beispielsweise die Aussage, dass Dämonen mit Menschengeld die Soldaten an der Mauer bestachen. Es konnte eigentlich nur eines geben, was sie dort wollten, und das war Durchlass. Ich wusste nicht, was ich erschreckender fand. Dass Soldaten ihr Volk verrieten und Dämonen in unser Land ließen oder dass womöglich Dämonen in unserer Mitte lebten!
Da ich nun wusste, dass sich Dämonen optisch nicht von Menschen unterschieden, war das tatsächlich vorstellbar, doch gleichzeitig auch beunruhigend. Einerseits musste ich dann an Marry und den anderen jungen Mann denken, die uns freundlich empfangen und sogar weitergeholfen hatten, aber bestimmt waren nicht alle Dämonen so. Wie käme es sonst zu den abschreckenden Geschichten von blutrünstigen Monstern oder waren das tatsächlich nur Geschichten, die nur der Abschreckung dienten?
Ich konnte all die neuen Informationen nur schwer verdauen und in mein bisheriges Weltbild einfließen lassen. Alles hier war so anders, als ich es mir vorgestellt hatte! Keine grausamen Monster, sondern freundliche, vom Menschen nicht zu unterscheidende Wesen! All das war so verwirrend und von allem, mit dem ich hier gerechnet hatte, Angst, Gefahr, Hass, Feindseligkeit, war Verwirrung eigentlich das letzte, mit dem ich gerechnet hatte.
Ich warf einen flüchtigen Blick zu Bella, die nachdenklich aus dem Zugfenster schaute, und war plötzlich seltsam froh, sie an meiner Seite zu haben. Es war einfach beruhigend, sich all den verwirrenden Entdeckungen nicht alleine stellen zu müssen. Natürlich wäre Bella nicht meine erste Wahl gewesen, um solch eine Reise anzutreten, aber gerade war mir jede Unterstützung recht. Nach mehreren Stunden Fahrt und einem Mal Umsteigen, war auf der Anzeigetafel endlich der Name zu lesen, auf den wir gewartet hatten.
„Assarie…Dann schauen wir mal, was die Hauptstadt so zu bieten hat!“, verkündete ich ernst und wechselte einen bedeutungsvollen Blick mit Bella. Die nächsten Entdeckungen und vermutlich auch die ein oder andere Überraschung wartete auf uns!
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Verflucht - Der Todespakt
FantasyIn einer Welt, in der Menschen und Monster gleichermaßen leben, scheint es keinen Zweifel an der Zuordnung von "gut" und "böse" zu geben. Durch eine feste Grenze getrennt, führen Menschen und Dämonen eine weitestgehend friedliche Koexistenz, doch de...