Ich spürte eine ganze Lawine an Gefühlen, die hinter der Barriere meines Geistes wartete, doch vorerst wählte ich die Verdrängung. „Natürlich bin ich verflucht! Schauen Sie noch einmal genauer nach!“, forderte ich die Dämonin reichlich unhöflich auf, doch hinter meiner schroffen Antwort steckte eine viel tiefere Angst. Tatsächlich unternahm die Verkäuferin von Flüche und Banne einen weiteren Versuch, meinen Fluch ausfindig zu machen.
Sie umfasste meine Hände, länger nun, und kniff angestrengt die Augen zusammen. Nach einer qualvoll langen Zeitspanne des Wartens, öffnete sie die Augen und erdreistete sich tatsächlich, die folgenden Worte zu sprechen. „Es tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen, oder vielmehr ist es ja eine erfreuliche Nachricht, denn auf Ihnen liegt kein Fluch. Sie bedürfen meiner Dienste nicht“, erklärte die Dämonin fröhlich, da sie doch tatsächlich dachte, mir mit diesen Worten einen Gefallen zu tun. Allerdings war ich nicht erfreut oder erleichtert. Ganz im Gegenteil.
„Soll das ein Witz sein? Nichts ist daran erfreulich! Ich sehe Geister und Tode voraus, aber mit mir soll alles in Ordnung sein? Wenn das kein Fluch sein soll, was denn sonst?“, rief ich erzürnt und vergaß dabei alle anerzogene Höflichkeit. „Das liegt vermutlich nicht in meinem Kompetenzbereich. Ich kenne mich lediglich mit Flüchen aus und kann Ihnen versichern, dass Sie keineswegs verflucht sind“, entgegnete die Dämonin sichtlich überfordert angesichts meiner schroffen Antwort, doch zeitgleich verlor ich noch das letzte bisschen an Fassung.
Ich konnte meine Emotionen nicht länger zurückhalten und wurde förmlich unter ihnen begraben. Keine Sekunde länger konnte ich dieser vollkommen absurden und grausamen Situation beiwohnen. „Hey…ähm…Cassie...“, hörte ich Bella noch unsicher ansetzen, als ich bereits aufstand und aus dem Raum stürmte. Es war, als bräche eine Welt für mich zusammen. Wenn es kein Fluch war, der auf mir lag, was denn dann? Einen Fluch hätte man aufheben können, aber das, was auch immer es war…
Ich bemerkte kaum, dass ich im Hauptraum des Ladens zum Stehen kam, und auch nicht, dass Bella mir gefolgt war. Unsicher stand sie neben mir, offenbar unschlüssig, wie sie mich ansprechen sollte. Letztendlich sprang sie über ihren Schatten und berührte mich zaghaft am Oberarm. „Hey, Cassie…Es tut mir leid, dass wir deinen Fluch nicht so einfach loswerden“, drang ihre leise Stimme kaum hörbar durch mein lautes Schluchzen. Ich hatte nicht einmal bemerkt, dass ich angefangen hatte zu weinen, doch jetzt nahm ich wahr, wie mir die Tränen in Strömen übers Gesicht liefen.
„Es ist kein Fluch!“, entgegnete ich heftig. „Alles, was ich geglaubt habe zu wissen, ist falsch! Irgendetwas stimmt nicht mit mir, aber ich habe nicht die geringste Ahnung, was!“ Mir entwich ein weiteres Schluchzen und ich wagte gar nicht, zu Bella zu sehen. Was sie wohl gerade empfand? Überraschung oder gar Genugtuung darüber, dass die sonst so unantastbare, starke Cassie Rose hier in Tränen ausbrach wie ein Häuflein Elend? Als ich dann aber einen Blick in Bellas Richtung wagte, fand ich in ihren großen, blauen Augen nur Mitleid und Anteilnahme. Allein das überraschte mich so sehr, dass ich verwundert innehielt und Bella so eine Chance gab, zu mir durchzudringen.
„Vielleicht handelt es sich nicht um einen Fluch, aber irgendeinen Ursprung müssen deine Fähigkeiten haben. Du bist doch offensichtlich ein Mensch und hast diese Kräfte erst seit zwei Jahren. Das legt die Annahme nahe, dass dein Problem, was auch immer es ist, gelöst werden kann. Wir finden einen Weg! Das verspreche ich dir! Vielleicht nicht hier, aber das Dämonenreich ist groß und unsere Möglichkeiten nahezu unendlich“, beschwor mich Bella geradezu und ihre Worte zeigten tatsächlich Wirkung.
Nachdem die erste Flut an Gefühlen abgeebbt war, sah ich die Dinge nun in einem klareren Licht, und tatsächlich…Bella hatte recht. Wenn wir Antworten zu meinen Fähigkeiten und der Frage, wie ich sie loswerden konnte, finden würden, dann doch wohl hier! Wir waren nie davon ausgegangen, dass es leicht werden würde, und eine Cassie Rose ließ sich von solch einem mickrigen Rückschlag doch nicht aus der Fassung bringen!
„Du musst mir nichts versprechen, wozu du dich längst durch unseren Pakt verpflichtet hast!“, erklärte ich Bella gewohnt selbstsicher und wischte mir die verbliebenen Tränen aus dem Gesicht. „Notfalls werden wir jeden einzelnen Dämonen in dieser Stadt fragen, bevor ich erfolglos nach Hause zurückkehre! Am besten fangen wir direkt an! Es gibt schließlich noch genug Läden mit reichlich magischen Dienstleistungen!“
Ein leichtes Lächeln schlich sich auf Bellas sonst so ernstes Gesicht, doch als ich mich schon zum Gehen wenden wollte, hielt sie mich hastig auf. „Ach, du meinst jetzt gleich? Können wir nicht noch einen Moment hierbleiben? Ich weiß, dass dir in diesem Laden nicht geholfen werden kann, aber auf dem Schild draußen steht Flüche und Banne und na ja…Ich dachte, mein Siegel fällt vielleicht unter zweiteres…Vielleicht könnten wir…“, brachte Bella unsicher ihr Anliegen voran, bis ich die Geduld mit ihrem Stammeln verlor.
„Du willst fragen, ob die gute Frau dein Siegel lösen kann? Na dann los! Bringen wir es hinter uns! Natürlich präsentiere ich mich ungern so ganz verweint nach meinem Abgang, aber was soll es mich interessieren, was eine fremde Dämonin von mir denkt? Aber glaub bloß nicht, dass ich das Sprechen für dich übernehme!“, unterbrach ich sie harsch und schob Bella quasi zurück zum Nebenraum. Sie stammelte noch einige Worte, dass sie natürlich selbst reden würde, aber ihren Augen entnahm man die Panik.
Die Augen der Dämonin weiteten sich freudig überrascht, als wir zurückkehrten, doch ich ließ sie nicht einmal zu Wort kommen. „Es ist jammerschade, dass Sie mir nicht helfen können, aber wir hätten noch ein zweites Anliegen“, verkündete ich energisch und gab Bella einen auffordernden Schubs. „Ähm ja…“, begann diese offensichtlich überrumpelt zu stammeln. „Ich hätte da dieses…Siegel. Ich weiß nicht, ob Sie so etwas ebenfalls aufheben können, aber…“
Die Dämonin schien ebenso Mitleid mit Bellas sozialer Unbedarftheit zu haben wie ich und gab ihr eilig eine Antwort. „Natürlich löse ich auch Siegel! Zeigen Sie es einmal her und ich schaue, was ich tun kann!“, erklärte die Verkäuferin offenbar erfreut, dass sie doch noch an uns verdienen würde. Nun war es Bella, die sich der Dämonin gegenüber auf dem Teppich setzte und ihre dünne Jacke auszog, die das Siegel am Oberarm verdeckte. Die Dämonin schien zufrieden damit zu sein und begann sogleich, ihre Hand auf die Stelle zu legen und einige unverständlichen Worte zu sprechen, die wohl zu einem Zauberspruch gehörten.
Wenigstens bekommt Bella das, was sie hier wollte, dachte ich zerknirscht, bis ich erneut eines Besseren belehrt wurde. Die Dämonin stieß ein theatralisches Seufzen aus und unterbrach ihre Bemühungen. „Ich weiß nicht, was ich Ihnen sagen soll. Es tut mir unendlich leid, aber es sieht so aus, als könnte ich keinen von Ihnen beiden helfen. Dieses Siegel“, erklärte die Dämonin und blickte zu Bellas Oberarm. „wurde von den Wächtern persönlich dort platziert. Ich bin nicht befugt, es zu lösen.“
Bella und ich wechselten einen irritieren Blick, bevor Bella unsicher das Wort ergriff. „Von den Wächtern? Meine Tante sagte, ich habe das Siegel seit meiner Geburt, aber sie hat keine Götter oder Wächter erwähnt. Heißt das, Sie sind nicht in der Lage, es zu lösen?“, fragte sie sichtbar beunruhigt nach. Die Dämonin schenkte uns einen entschuldigenden Blick.
„Es ist nicht so, als ob ich es nicht kann. Es ist ein stärkeres Siegel, aber jeder einigermaßen mächtige Dämon dürfte es lösen können. Nur ist es so, dass ich in die Taten der Wächter nicht eingreifen darf. Ich weiß nicht, wieso sie das Siegel platziert haben, und im Grunde geht mich das nichts an, aber sie wollen wohl, dass es dort bleibt und ich werde nicht ihren Unmut auf mich ziehen, indem ich diesen Wunsch missachte. Das werden Sie wohl verstehen…“, erklärte die Dämonin hektisch und uns blieb keine andere Wahl, als ihr zuzustimmen.
Wenn die Dinge so lagen, konnten wir nichts machen. Dennoch stellte sich nun umso mehr die Frage, warum die Wächter höchstpersönlich Bellas Kräfte versiegelt hatten. Ich zahlte der Dämonin ein Trinkgeld für ihre Mühe und wollte mich bereits verabschieden, als sie mich noch einmal zurückhielt.
„Entschuldigung. Sie haben doch erwähnt, dass Sie Geister und Tode sehen können? Ich kann Ihnen vielleicht nicht helfen, aber lassen Sie mich Ihnen die Adresse einer Kollegin geben, die Ihnen womöglich weiterhelfen kann. Natürlich nur, wenn Sie wollen…“, bot die Dämonin überraschend an und ich brachte vor Verblüffung kaum eine Antwort hervor. Letztendlich verließen wir den Laden, ich immer noch mit meinen Fähigkeiten, die offensichtlich nicht auf einen Fluch zurückgingen, und Bella mit ihrem Siegel, doch eines hatten wir zumindest bekommen.
Ich warf einen flüchtigen Blick auf den Zettel mit der Adresse, den mir die Dämonin gegeben hatte. Wir hatten einen weiteren Anhaltspunkt…
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Verflucht - Der Todespakt
FantasíaIn einer Welt, in der Menschen und Monster gleichermaßen leben, scheint es keinen Zweifel an der Zuordnung von "gut" und "böse" zu geben. Durch eine feste Grenze getrennt, führen Menschen und Dämonen eine weitestgehend friedliche Koexistenz, doch de...
