Für einen Moment war ich überrascht, dass sie unsere Namen kannten, aber bei der Allmacht dieser Wesen war das kein Wunder. Im Vorfeld war ich den Wächtern in vielen Punkten kritisch gegenüber gestanden und das hatte sich grundsätzlich auch nicht geändert, doch im Schein ihrer Macht, ihrer Andersweltlichkeit, brachte ich keine einzige meiner kritischen Fragen heraus. Ich war geradezu eingeschüchtert von ihrer Erscheinung.
„Also…mir wurde gesagt…ihr sollt Antworten…“, stammelte ich einige lose Satzfragmente zusammen. Ich war in meinem bisherigen Leben noch nie so nervös und unsicher gewesen. „Wir sollen dir deinen besonderen Zustand erklären, Cassie Rose. Ist es nicht so?“, entgegneten die Wächter und ich brachte nur ein schwaches Nicken zustande. „Das tun wir ungern und eigentlich verstößt es gegen das Protokoll, aber hier müssen wir eine Ausnahme machen. Schließlich ist es schon zu spät. Du hast etwas gesehen, als du unsere Dimension betreten hast, nicht wahr?“
Ich schluckte unbehaglich und dachte an die Erinnerung, die ich offenbar verdrängt hatte. Dieses Mal stellte ich mir gar nicht mehr die Frage, wie die Wächter davon wissen konnten. „Ich habe gesehen, wie ich vor zwei Jahren angefahren wurde. Weshalb konnte ich mich nicht mehr daran erinnern?“, fragte ich kleinlaut. Es war unmöglich, Blickkontakt zu den seltsam gesichtslosen Gestalten zu halten, wobei ich auch nicht wusste, welchen Wächter ich anschauen sollte. Als sie sprachen, erklang erneut die Symphonie von Stimmen und ging mir dieses Mal durch Mark und Bein.
„Du wurdest nicht angefahren, Cassie Rose. Das weiße Auto hat dich überfahren und du bist noch auf der Straße vor deiner Schule deinen Verletzungen erlegen. Dort vor zwei Jahren bist du gestorben, Cassie Rose.“ Ich schnappte nach Luft und wehrte mich instinktiv, die Worte der Wächter in meinen Verstand zu lassen. Ich konnte, nein, ich wollte nicht begreifen, was sie mir gerade erzählten. „Ich bin…gestorben? Also…bin ich…tot?“, stammelte ich die unbegreiflichen Informationen.
Das konnte doch gar nicht sein? Wie konnte ich tot sein, wenn ich hier stand, vollkommen lebendig, und mit den Wächtern sprach?! Nein, ich war nicht tot! Ich akzeptierte diese Erklärung nicht! Nun stieg doch der vorherige Trotz gegen die Wächter in mir auf, doch dieses Gefühl sollte nicht lange anhalten. Die Wächter setzten ihre Erklärung fort: „Es ist wahr: Du bist vor etwa zwei Jahren gestorben, Cassie Rose. Dabei warst du jung und vollkommen gesund, was dich zu einer geeigneten Kandidatin gemacht hat.“
Ich kam gar nicht dazu zu fragen, für was ich eine geeignete Kandidatin gewesen war, denn die Wächter fuhren direkt fort. „Der Weg ins Jenseits, ins Leben nach dem Tod, ist nicht gerade einfach zu bewältigen, weshalb wir die Tore eingesetzt haben. Tore sind junge und bestenfalls nicht an chronischen Krankheiten verstorbene Seelen, die wir zurück in ihre Körper schicken. Wir schenken ihnen ein zweites Leben, damit sie den übrigen Seelen als Tor, als Übergang ins Jenseits dienen.
Ihre Sonderstellung zwischen Leben und Tod ermöglicht es ihnen, die Seelen der Verstorben zu sehen. Da die Tore dauerhaft mit einem Fuß in beiden Welten stehen, können die Seelen einfach durch sie hindurchgehen und so ins Jenseits gelangen. Deshalb nennen wir sie Tore. Wie du inzwischen wohl begriffen hast, bist du eines dieser Tore, Cassie Rose. Wir haben dich nach deinem Tod zurückgeschickt und als Tor eingesetzt. Dabei haben wir dein Gedächtnis und das aller Beteiligten verändert, sodass du ungestört dein Leben fortsetzen konntest. Hast du noch weitere Fragen, Cassie Rose?“
Sprachlos und vermutlich mit offenem Mund stand ich da und konnte kaum verarbeiten, was ich soeben gehört hatte. Ich war vor zwei Jahren gestorben und zurück ins Leben geschickt worden! Als Tor! Endlich ergab der seltsame Begriff Sinn, den ich erstmals von Kato Kogami gehört hatte! Endlich ergab alles Sinn! Die Toten kamen zu mir, weil sie durch mich ins Jenseits gehen mussten! Ich konnte sie sehen, weil…weil ich selbst zum Teil tot war…Ich führte zwar ganz normal mein Leben weiter, aber eigentlich war ich tot, schon vor zwei Jahren gestorben…
Der Gedanke war furchtbar, beinahe unerträglich! Mein Vater, meine Freunde, sie hatten keine Gelegenheit zum Trauern gehabt, ich selbst hatte nichts davon gewusst, weil unser Gedächtnis manipuliert worden war. Mein Tod war vertuscht, einfach überschrieben worden! Nur die wiederkehrenden Träume hatten einigermaßen darauf hingedeutet, die Träume, die wie versteckte Zugänge zu meinem Unterbewusstsein gewesen sein mussten! Die Wächter wollten wissen, ob ich noch Fragen hatte? Ja! Ich hatte unzählige Fragen!
„Warum konnte ich mein Gedächtnis nicht behalten? Hätte das einen Unterschied gemacht? Und warum ist die Erinnerung jetzt zurückgekommen?“, stellte ich die ersten Fragen, die mir einfielen. „Wir ziehen es vor, die Tore ihre Leben wie zuvor fortsetzen zu lassen. Deine Erinnerungen sind jetzt zurückgekommen, weil du hier dem Jenseits näher bist. Beantwortet das deine Fragen?“ Das tat es überhaupt nicht, aber mir kamen direkt viel wichtigere Fragen in den Sinn.
„Aber was heißt das jetzt genau, dass ich tot bin? Altert mein Körper überhaupt noch oder bin ich so etwas wie eine wandelnde Leiche?“, sprach ich jene Furcht aus, die mich seit dieser Enthüllung begleitete. „Das ist nicht der Fall. Wir haben deine Seele in deinen Körper zurückgeschickt und dadurch die Wunden geheilt. Du lebst nun wieder genauso wie alle anderen Menschen, du alterst und eines Tages wirst du ein zweites, endgültiges Mal sterben.“
Ich atmete erleichtert auf und war nun viel beruhigter. Wenn das stimmte, konnte ich mein Leben normal weiterführen, älter werden, vielleicht sogar irgendwann Mutter werden. Nur der Nachteil mit den Geistern, oder Seelen, die durch mich hindurchgingen, blieb. Plötzlich wurde mir wieder bewusst, dass das der eigentliche Grund war, weshalb wir überhaupt zu den Wächtern gegangen waren. Durch all die schockierenden Enthüllungen hatte ich das fast vergessen und eigentlich erschien mir mein Problem nun vergleichbar unwichtig. Also im Vergleich zum tot sein oder als lebende Leiche herumlaufen.
Genauso war mir klar, dass ich ohne meine Funktion als Tor gar nicht mehr am Leben wäre. Ich war gestorben und die Wächter hatten mich nur zurückgebracht, damit ich diese Aufgabe für sie erfüllen konnte. Sollte ich demnach nicht dankbar sein, dass ich diese Fähigkeit hatte, wenn die einzige Alternative der Tod wäre? Vor diesem Hintergrund wagte ich es gar nicht erst, die Wächter zu bitten, mir meine Aufgabe als Tor zu nehmen. Vermutlich wäre meine einzige andere Wahl der Tod, dem ich glücklicherweise entkommen war…
Also tat ich das Unfassbare und akzeptierte mein Los, das ich lange Zeit als Fluch angesehen hatte. Neben mir meldete sich nun auch erstmals Bella zu Wort, die die Wächter nur verschüchtert angestarrt hatte. „Ihr…ihr habt damals meine Kräfte versiegelt. Warum…?“, fragte sie sichtlich angespannt. Bisher war ich viel zu sehr von meiner eigenen Erfahrung eingenommen worden, um auf Bella zu achten, die sich offensichtlich unwohl fühlte, vor den Mördern ihrer Eltern zu stehen.
Instinktiv nahm ich ihre Hand und drückte sie. „Wir taten es lediglich zu deinem Schutz, Bella Blake. Kräfte, wie du sie hast, sind gefährlich und nur schwer zu kontrollieren. Gerade für ein Kind kann diese Macht zu viel sein. Frage deine ältere Schwester. Sie hat den größtmöglichen Preis für ihre mangelnde Kontrolle bezahlt“, antworteten die Wächter und ich fragte mich sofort, von was sie sprachen. Gab es da etwas, das uns Delia noch nicht erzählt hatte? Ich kam gar nicht dazu, länger darüber nachzudenken, denn die Wächter fuhren bereits fort.
„Wir erschufen das Siegel so, dass du es an deinem achtzehnten Geburtstag lösen kannst, was dir schließlich auch gelungen ist. Wir bestrafen nicht die Verbrechen von Verwandten, Bella Blake.“ Bella nickte folgsam, wobei sich ihr Gesicht in einer Mischung aus Schmerz und unterdrückter Wut verzog. Doch auch sie wagte es nicht, die Wächter, diese übermächtigen Wesen, offen herauszufordern.
Die Wächter ergriffen ein weiteres Mal das Wort, doch ihre nächsten Worte sollten mich völlig aus der Bahn werfen. „Wir wollen keinesfalls die Maximen der Höflichkeit verletzen, doch wir würden dich nun bitten, dich zu entfernen, Bella Blake. Wir müssen noch etwas mit Cassie Rose besprechen. Allein.“
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Verflucht - Der Todespakt
FantasyIn einer Welt, in der Menschen und Monster gleichermaßen leben, scheint es keinen Zweifel an der Zuordnung von "gut" und "böse" zu geben. Durch eine feste Grenze getrennt, führen Menschen und Dämonen eine weitestgehend friedliche Koexistenz, doch de...