Kapitel 19 - Teil 1

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-Bella-

Mein Kopf dröhnte so sehr, dass ich meinte, er müsse jeden Augenblick zerspringen. Ein gequältes Stöhnen entwich meinen Lippen, doch noch wagte ich es nicht, meine Augen zu öffnen. Obwohl sich mein Kopf unglaublich schwer anfühlte und meine Gedanken soeben ein dichter, undurchdringlicher Nebel waren, war mir unterbewusst klar, dass mir der Anblick nicht gefallen würde. Eine einzelne, lästige Haarsträhne fiel mir ins Gesicht und instinktiv wollte ich die Hand heben und sie wegstreichen. Doch es ging nicht.

Obwohl mein Gehirn den Befehl gegeben hatte, bewegte sich meine Hand keinen Zentimeter. Mit etwas Verspätung zwang ich mich nun doch, die bleischweren Lider zu heben und meine Augen zu öffnen. Der Anblick gefiel mir tatsächlich nicht. Um mich herum gewann der dämmrige Raum an Schärfe. Der Raum war relativ groß, dunkel und hatte eine hohe Decke, wobei die Abwesenheit von Fenstern auf einen Keller hindeutete.

Darin bestand jedoch nicht das Problem. Ich saß auf einem harten, unbequemen Holzstuhl, an den ich mit Beinen und Händen gefesselt war. Mit aufsteigender Panik versuchte ich erneut, meine Arme zu bewegen, doch die Fesseln ließen mir keinerlei Bewegungsfreiheit. Es waren nicht einmal gewöhnliche Seile, die mich fixierten, sondern enge Metallfesseln, die offenbar mit dem Holzstuhl verbunden waren. Kalt fühlte sich das Metall auf meiner nackten Haut an und ich sah schnell ein, dass jegliches Winden und Ziehen sinnlos war.

Das Ganze wirkte erschreckend professionell, als würde mein Entführer das häufiger tun. Warte…mein Entführer! Der Nebel in meinem Kopf klarte immer mehr auf und legte die unzähligen Fragen frei, die bereits dahinter gewartet hatten. Wo war ich hier? Wer hatte mich hierhin gebracht? Und vielleicht die wichtigste Frage von allen: Was wollte derjenige von mir? Ich ahnte nicht, wie nah ich der Beantwortung dieser Fragen war.

„Ach, ist sie endlich wach? Dann lass uns unseren Gast begrüßen!“, erklang plötzlich eine unbekannte Stimme, die mir sofort Schauer über den Rücken jagte. Die Stimme hatte einen seltsam süßlichen Klang, eine Art gekünstelte Freundlichkeit, die ich dem Sprecher schon jetzt nicht abnahm. Auch die Formulierung des Gastes störte mich. Auch wenn ich die Sitten und Bräuche im Dämonenreich nicht kannte, einen Gast erst einmal zu fesseln, gehörte bestimmt nicht dazu.

Doch ich hatte keine Zeit, länger darüber nachzudenken. Im nächsten Moment traten bereits zwei Personen in mein Blickfeld, von denen mir zumindest eine schmerzlich vertraut war. Ryan…Mit einem Schlag war alles wieder da. All die Erinnerungen, die mein benebelter Verstand bisher zurückgehalten hatte.

Ryan war es gewesen! Er hatte mich angegriffen, hatte mich mit einem seiner Stromschläge außer Gefecht gesetzt! Er musste mich hierhin gebracht haben! Doch, wo war denn jetzt dieses hier? Die Frage nach dem genauen Ort würde weiterhin ein Rätsel bleiben, aber zumindest ahnte ich, wohin mich Ryan gebracht hatte. Dorthin, wo er uns die ganze Zeit gedrängt hatte zu gehen…Zu seinem Meister…

Das beantwortete eigentlich auch schon die Frage, wer der ältere Mann neben Ryan war, den ich nun genauer in Augenschein nahm. Der Mann, bei dem es sich wohl um Ryans Meister handelte, sah auf den ersten Blick recht harmlos aus. Ryans Meister war ein älterer Mann, dessen einst schwarzes Haupthaar zum größten Teil ergraut war. Einzeln zeigten sich nun schwarze Strähnen im recht vollen Haupthaar, wobei sein perfekt getrimmter Bart noch deutlich von Schwarz durchzogen war. Der Mann war nicht sonderlich groß und wirkte mager, nahezu schmächtig, doch seine Haltung war aufrecht und sein Gang energisch.

Trotz des recht unbeeindruckenden Äußeren strahlte Ryans Meister eine Macht aus, die mich unwillkürlich frösteln ließ. Es war nichts Greifbares sondern vielmehr ein unsichtbares Vibrieren, das den gesamten Raum ausfüllte und mir wahnsinnige Angst einjagte. War das Magie? Fühlte sich so eine durch und durch mächtige und vermutlich bedrohliche Magie an? Es war nur allzu offensichtlich, dass diese Macht von Ryans Meister ausging, der nun einen Schritt auf mich zutrat und mich aus eisblauen Augen musterte.

Verflucht - Der TodespaktWo Geschichten leben. Entdecke jetzt