-Bella-
Angespannt haftete mein Blick an der Zugtür, die sich langsam öffnete. Gleich würde es soweit sein! Gleich würden wir unsere ersten Schritte in Assarie, der Hauptstadt der Dämonen, machen. Die erste Begegnung mit Dämonen war zwar relativ gut verlaufen, aber das war schließlich auch in einem kleinen, friedlichen Dorf gewesen. Wer wusste schon, wie es in der Hauptstadt der Dämonen aussah, die vermutlich eine weitaus höhere Bevölkerungsdichte aufwies?
Ich war unfassbar nervös, als wir schließlich mit einem hübschen Sicherheitsabstand zu den übrigen Dämonen aus dem Zug traten. Der Hauptbahnhof von Assarie unterschied sich in Aussehen und Lautstärke kaum von einem menschlichen. Wie Ameisen wuselten die Leute durcheinander, strömten aus den Zügen oder rannten mit ihren Koffern zu den Gleisen.
Wieder einmal fand ich es einfach nur erschreckend, wie normal und menschlich die Dämonen doch wirkten. Allein diese Tatsache verwirrte mich so sehr, dass ich mich inzwischen fast danach sehnte, auf die Monster aus den Erzählungen zu stoßen. Es klang absurd, aber es hätte sogar etwas Beruhigendes, unsere Grundannahmen bestätigt zu sehen. Selbst wenn das hieße, blutrünstigen Bestien gegenüberzustehen, wäre das doch erträglicher, als sich in dieser anhaltenden Hilflosigkeit zu befinden.
Wenn die Welt der Dämonen der der Menschen wirklich bis ins letzte Detail glich, würde ich Cassie keine allzu große Hilfe sein. Schließlich war es eben diese Menschenwelt, in der ich mich noch nie besonders gut zurechtgefunden hatte. Das zeigte sich auch jetzt wieder. Von der Flut aus fremden Reizen völlig überfordert, wäre ich wie angewurzelt am Gleis stehen geblieben, wenn mich Cassie nicht einfach weitergezogen hätte.
Ich warf nervöse Seitenblicke zu den vorbeieilenden Gestalten und versuchte krampfhaft auszublenden, dass es sich um Dämonen handelte. Dankbarkeit durchströmte mich, als Cassie meine vor Angst erstarrten Gedanken in eine andere Richtung lenkte. „Also, was kommt als nächstes? Wie gehen wir vor?“, fragte sie mich und warf mir einen forschenden Blick zu. Wenn sie ahnte, dass ich am Rande einer Panikattacke stand, besaß sie zumindest die Höflichkeit, es nicht offen anzusprechen.
Vermutlich wäre sie genauso in der Lage, unsere nächsten Schritte zu planen, aber sie überließ mir bewusst diesen Gedankengang. Tatsächlich kamen meine Gedanken zur Ruhe, als ich sie in eine konkrete Richtung lenkte. „Zuerst müssen wir unser Geld eintauschen, würde ich sagen. Sonst kommen wir nicht weit. Und dann…So spät, wie es inzwischen ist, sollten wir uns nach einer Übernachtungsmöglichkeit umschauen. So etwas gibt es hier bestimmt auch“, überlegte ich laut und Cassie nickte wohlwollend.
„Das klingt doch nach einem Plan! Um alles weitere können wir uns dann morgen kümmern, wenn wir ausgeruht und besser vorbereitet sind“, stimmte sie mir zu und damit war unser Vorgehen beschlossen. Ich warf Cassie einen dankbaren Blick zu, als sie vorausging und nach dem Ausgang Ausschau hielt. In diesem Moment war ich mehr als froh, sie hier zu haben. Ich hätte nie gedacht, dass unser Vorhaben in solchem Maße soziale Kompetenzen erforderte, und war mir jetzt schon sicher, dass ich ohne sie hoffnungslos verloren wäre.
Bisher fühlte ich mich erschreckend nutzlos. Nur Cassie war es zu verdanken, dass wir die Mauer passieren konnten, und sie hatte auch zu großen Teilen mit den Dämonen im Dorf gesprochen. Meine einzige Leistung bisher war, dass ich selbst eine Dämonin war, wenngleich das ohne Kräfte reichlich wenig brachte. Ich hoffte nur, dass ich mich noch irgendwie als nützlich erweisen konnte, damit Cassie unsere Zusammenarbeit nicht völlig bereute.
Mühelos folgten wir der Beschilderung, bis wir den Hauptbahnhof verlassen hatten und mitten in der Innenstadt standen. Der Anblick war…schlichtweg unterwältigend. Assarie, die Hauptstadt der Dämonen, unterschied sich nicht im Geringsten von den uns bekannten Großstädten. Sie war grau, schmutzig und auch in jeder anderen Hinsicht nicht besonders. Cassie wirkte ebenfalls nicht sonderlich beeindruckt. Was auch immer wir erwartet hatten, das war es definitiv nicht.
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Verflucht - Der Todespakt
FantasiIn einer Welt, in der Menschen und Monster gleichermaßen leben, scheint es keinen Zweifel an der Zuordnung von "gut" und "böse" zu geben. Durch eine feste Grenze getrennt, führen Menschen und Dämonen eine weitestgehend friedliche Koexistenz, doch de...