-Cassie-
Ich warf Bella einen letzten skeptischen Blick zu, bevor ich mich dem Gespräch zwischen Ryan und dem Gasthausbesitzer zuwandte. „Wir würden dann drei Zimmer für eine Nacht nehmen“, erklärte Ryan gerade dem Schankwirt, den er wohl persönlich kannte. Ich ließ keine Sekunde verstreichen und mischte mich unmittelbar ein. „Zwei Zimmer reichen. Bella und ich können uns eines teilen“, wandte ich mit einem Höchstmaß an Selbstsicherheit ein. Ryan runzelte verwirrt die Stirn.
„Es sind mehr als genug Zimmer frei und das Geld sollte auch kein Problem sein, habe ich gedacht“, entgegnete er und musterte mich skeptisch. Ich ließ mich jedoch nicht beirren. „So ist es uns aber lieber, nicht wahr, Bella? Das ist Frauenkram. Das verstehst du nicht, Ryan“, hielt ich dagegen. Bella, die ich mit dieser Ansage völlig überrumpelt hatte, brachte stotternd Zustimmung zustande und damit konnte Ryan nichts mehr dagegen sagen.
Natürlich war „Frauenkram“ nur eine vage Ausrede für meine wahren Motive. Einerseits wollte ich ohnehin noch unter vier Augen mit Bella reden und erhielt so die perfekte Gelegenheit, doch andererseits vertraute ich der gesamten Situation nicht. Inzwischen galt mein Misstrauen weniger Ryan als der mysteriösen Dämonin Delia. Wenn sie wirklich eine gesuchte Verbrecherin und Mörderin war, mussten wir uns vor ihr in Acht nehmen.
Was mich jedoch vor allem beunruhigte, war ihr unübersehbares Interesse an Bella. Delia wollte etwas von ihr, doch ich wusste noch nicht, was. Bella war vielleicht naiv genug, um zu glauben, dass ihr eine fremde Dämonin aus reiner Nettigkeit weiterhalf, aber ich sah das Ganze realistischer. Delia musste Hintergedanken haben, wenn sie Bella anbot, ihr die Wahrheit über ihre Eltern zu zeigen. Gepaart mit der Information, dass Delia höchstwahrscheinlich gefährlich war, machte ich mir große Sorgen um Bella.
Wenn ich darauf bestand, ein Zimmer mit ihr zu teilen, war das zum einen, um ein privates Gespräch zu führen, und zum anderen, um gewissermaßen auf sie aufzupassen. Mir war bewusst, dass ich sie als schwacher Mensch keineswegs beschützen könnte, erst recht nicht gegen eine gefährliche Dämonin wie Delia, aber schon der Gedanke, sie nicht allein zu lassen, beruhigte mich. Vielleicht hatte Bella ein ähnliches Gefühl, denn zumindest hatte sie mir nicht widersprochen und schien sich auch jetzt nicht daran zu stören, als wir uns auf den Weg zu unserem Zimmer machten.
Die Zimmer befanden sich im oberen Stockwerk des Gasthauses. Ein schmaler Gang führte zu den wenigen Zimmern, die dem Schankwirt nach alle frei waren. Ich musste das Zimmer gar nicht erst von innen sehen, um zu wissen, dass wir nach dem schäbigen Motel in Assarie an eine noch größere Absteige geraten waren. Allerdings war das auch kein Wunder. Das eine war nun einmal ein Motel in der Hauptstadt gewesen und hier befanden wir uns in einem kleinen Dorf im letzten Hinterland des Dämonenreichs.
Wir wünschten Ryan eine gute Nacht, bevor wir in unsere jeweiligen Zimmer gingen. Der erste Eindruck ließ mich positiv überrascht zurück. Die Einrichtung des kleinen Zimmers war zwar recht rustikal, aber längst nicht so schäbig, wie ich es erwartet hatte. Das Doppelbett nahm den Großteil des Raums ein, doch es gab ein paar hübsche Schränkchen und Kommoden und sogar angrenzend ein kleines Badezimmer. Damit hatten wir doch alles, was wir brauchten.
Bella und ich machten uns in stummem Einvernehmen bettfertig, wobei ich verwundert feststellte, wie gut wir nach nur drei Tagen miteinander harmonierten. Allerdings kam es einem so vor, als würde die Zeit viel langsamer vergehen, wenn man sich in einer aufregenden, unbekannten Situation befand. Ich fühlte mich Bella nur nach drei Tagen schon näher als den Personen, die ich als langjährige Freundinnen bezeichnen würde.
Natürlich kam noch hinzu, dass Bella die erste Freundin war, der ich die Wahrheit über mich erzählt hatte und umgekehrt. Allein diese einfach nur befreiende Offenheit hatte uns enger zusammengebracht, als beide von uns erwartet hätten. Nachdem Bella endlich aus dem Badezimmer kam, setzte ich meinen Plan um und begann ein Gespräch.
„Denkst du wirklich, dass das eine gute Idee ist? Also Delia zu vertrauen und morgen mit ihr zu gehen. Versteh mich nicht falsch, ich stelle deine Entscheidung nicht infrage. Ich mache mir nur Sorgen“, tastete ich mich vorsichtig voran. Im vorherigen Gespräch mit Ryan hatte ich schon bemerkt, wie abwehrend Bella auf das Thema reagierte, aber vielleicht war es mit mir etwas anderes.
„Du machst dir Sorgen? Um mich?“, entgegnete Bella ungläubig. „Du weißt schon, wie lächerlich das ist. Dich um eine Todgeweihte sorgen…“ Bella hatte einen humorvollen Ton angeschlagen, aber ich nahm es ihr schlichtweg nicht ab, dass sie so locker mit diesem Thema umging. Ihr vorhergesehener Tod war alles andere als lustig und das wusste sie auch. Vielmehr nahm ich an, dass die alleinige Tatsache, dass sich jemand um sie sorgte, Bella dermaßen überforderte, sodass sie mit Humor reagierte.
Ich dagegen verstand keinerlei Spaß, wenn es um Bellas Leben ging. „Jetzt komm nicht schon wieder damit an! Das hatten wir doch geklärt! Du stirbst nicht, weil ich es nicht zulassen werde!“, erwiderte ich energisch und – wie ich selbst merkte – vielleicht etwas zu heftig. Bella verging augenblicklich das Lächeln, als sie mich ernst und auch etwas traurig musterte.
„Wenn das nur so einfach wäre…Ich weiß, dass die Cassie Rose normalerweise alles schafft, was sie sich vornimmt, aber wir sollten zumindest die Möglichkeit in Erwägung ziehen, dass das diesmal etwas schwierig wird“, antwortete Bella, wobei deutlich wurde, dass sie es selbst kaum aussprechen wollte. Das war jedoch nicht die Richtung, die ich für das Gespräch vorgesehen hatte. Die Stimmung war viel zu schnell zu traurig geworden, doch vielleicht war das nur ein Vorgeschmack von dem, was uns erwartete…
Ich schüttelte den unschönen Gedanken ab und zwang mich quasi zu einer positiveren Stimmung. „Jetzt lass uns nicht mehr über Probleme reden, die wir noch gar nicht haben! Komm her! Heute ist schließlich genug Aufregendes passiert!“, verkündete ich und zog Bella zu mir aufs Bett, bis wir uns gegenübersaßen. Ich ignorierte die Tatsache, dass ihr Körperkontakt unangenehm war, und nahm mit bedeutungsvollem Blick ihre Hände.
„Nun erzähl schon! Wie war das Gespräch mit Delia? Du standst schließlich mit hoher Wahrscheinlichkeit vor einer Massenmörderin. Das muss echt seltsam im Nachhinein sein.“ Bella runzelte irritiert die Stirn und zumindest schien ich sie vom unbehaglichen Thema des Sterbens abgelenkt zu haben.
„Also erstmal hat Ryan nichts von Massenmörderin gesagt. Wenn dann ist sie eine gewöhnliche Mörderin, wobei ich zugeben muss, dass das nicht den größten Unterschied macht…Aber sie hat nicht im Geringsten wie eine Verbrecherin gewirkt. Eigentlich war sie total nett zu mir“, antwortete Bella schulterzuckend. „Und wer nett zu dir ist, kann keine Mörderin sein oder was? Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass sie ein falsches Spiel spielt und nur deshalb nett zu dir ist, weil sie irgendwelche Hintergedanken hat?“, hakte ich sofort nach.
Bisher hatte ich angenommen, dass Bella zu uneinsichtig für meine Einwände war, doch ihre Reaktion überraschte mich. Bella stieß ein tiefes Seufzen aus und als sie mich ansah, spiegelten sich meine eigenen Zweifel in ihren ernsten Augen.
„Denkst du, das weiß ich nicht? Ich zweifele an Delias Intentionen, seit Ryan uns gesagt hat, wer sie wirklich ist, oder vielleicht sogar schon davor. Das Problem ist nur…Was soll ich denn tun? Vielleicht hat sie wirklich die Informationen, die sie mir verspricht. Soll ich mir diese unglaubliche Chance entgehen lassen, weil man ihr vielleicht nicht vertrauen kann? Hätte sie uns etwas antun wollen, hätte sie bereits die Gelegenheit dazu gehabt. Ich möchte das Risiko eingehen und mir ansehen, was sie mir zu zeigen hat. Ich verstehe aber, wenn euch das zu gefährlich ist und du lieber mit Ryan hierbleiben willst“, erklärte mir Bella ernsthaft und für einen Moment konnte ich sie vollkommen verstehen.
Sie war mit einer Lüge aufgewachsen. Im Grunde war ihr ganzes bisheriges Leben eine Lüge gewesen. Wenn plötzlich eine Person auftauchte und anbot, Licht ins Dunkel zu bringen und alles aufzuklären, konnte sie nicht einfach ablehnen, egal wer diese Person war. Das änderte aber nichts daran, dass ich mir Sorgen um Bella machte. Dennoch sah ich ein, dass ich sie nicht von ihrem Vorhaben abbringen konnte, und tat das einzige, das ich noch für sie tun konnte.
„Als ob ich dich alleine mit dieser Mörderin gehen lasse! Natürlich komme ich mit, auch wenn ich im Zweifelsfall nicht viel ausrichten kann!“, betonte ich und meinte es auch so. Vor wenigen Tagen wäre es noch verrückt erschienen, dass ich mich für Bella in Gefahr brachte, doch wenn sie recht behielt würde alles gut gehen. Bella schenkte mir ein überraschtes und gleichzeitig überglückliches Lächeln. Nein, sie durfte nicht sterben. Das hatte ich schon lange für mich festgestellt.
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Verflucht - Der Todespakt
FantasíaIn einer Welt, in der Menschen und Monster gleichermaßen leben, scheint es keinen Zweifel an der Zuordnung von "gut" und "böse" zu geben. Durch eine feste Grenze getrennt, führen Menschen und Dämonen eine weitestgehend friedliche Koexistenz, doch de...
