-Cassie-
Beinahe beschwingt lief ich über den gepflasterten Gehweg. Über mir befand sich ein strahlend blauer Himmel, der kaum ein Wölkchen zeigte. Es handelte sich um einen herrlich warmen Tag und die Luft flimmerte beinahe vor Hitze. Allerdings liebte ich den Sommer und würde mich somit keineswegs darüber beschweren. Bei Temperaturen über dreißig Grad Celsius lebte ich erst richtig auf und so war es auch heute.
Flüchtig musterte ich meine Umgebung. Das Grau der Stadt wurde durch den Sonnenschein, der sich wie flüssiges Gold darüber ergoss, deutlich aufgewertet. Selbst der dunkelgraue Asphalt der Straße, den ich nun betrat, wirkte freundlicher als sonst. Bestimmt wäre der Asphalt klebrig, wenn ich ihn mit bloßen Füßen beträte, doch diese Vermutung konnte ich gerade nicht untersuchen.
Ich war noch mit diesem heiteren Gedanken beschäftigt, als es plötzlich geschah. Gerade noch rechtzeitig konnte ich den Blick vom dunkelgrauen Asphalt hochreißen, als schon das Quietschen der Reifen in meinen Ohren anschwoll wie ein verzweifelter Schrei. Ein hohes, unerträgliches Kreischen…Den Aufprall spürte ich schon gar nicht mehr, als mich die Schwärze verschlang.
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Keuchend und in Schweiß gebadet richtete ich mich auf der Matratze auf. Für einen schrecklichen Moment irrte mein Blick orientierungslos herum und ich wusste nicht, wo ich mich soeben befand. Dann blieb mein Blick schließlich an Bella hängen und ich erkannte das schäbige Motelzimmer, in dem wir untergekommen waren. Das morgendliche Sonnenlicht flutete den Raum und machte mir eines klar. Es war ein Traum…Nur ein Traum…
Trotz dieser Erkenntnis beruhigte sich meine Atmung nur langsam und ich spürte, wie mein Herz in meiner Brust raste. „Cassie? Geht es dir gut?“, fragte mich Bella beinahe drängend, weshalb ich annahm, dass ich ihre ersten Erkundigungen überhört hatte. Sorge glänzte in ihren blauen Augen und letztendlich überwand ich meine Schockstarre.
„Alles in Ordnung. Nur ein Albtraum…“, brachte ich schließlich noch immer schwer atmend heraus. Doch unter Bellas besorgten Blick riss ich mich dann zusammen und holte ein paar Mal tief Luft, um wieder zur Ruhe zu kommen. Das gelang mir auch…zumindest äußerlich. Mein Kopf wurde noch immer von den Bildern des Albtraums beherrscht.
„Das muss ein ziemlich schlimmer Albtraum gewesen sein, wenn er dich so aus der Bahn wirft! Willst du mir sagen, um was es ging? Das musst du natürlich nicht, wenn du nicht willst, ich meinte nur…“, fragte Bella sichtlich verunsichert nach. Das Absurde an der Situation war, dass es eigentlich gar nicht so schlimm war. Also, zumindest was den Inhalt des Traumes anging...Ich konnte mir problemlos weitaus schlimmere Motive für mögliche Albträume vorstellen, aber dennoch hatte mich dieser überraschend stark getroffen. Wenn der Traum eigentlich nicht so schlimm gewesen war, weshalb war ich dann schweißgebadet und mit rasendem Herzen aufgewacht?
Ich schüttelte den Gedanken ab, da ich prinzipiell wenig über die Funktionsweise von Albträumen wusste, und beschloss stattdessen, auf Bellas Frage zu antworten. „Ach, eigentlich war es nur halb so schlimm. Ich bin in der Stadt über eine Straße gelaufen und wurde scheinbar von einem Auto angefahren. Nicht, dass mir das schon einmal passiert wäre…oder irgendetwas ist, vor dem ich Angst hätte“, erklärte ich Bella schulterzuckend.
Fast hätte ich es dabei belassen, doch der aufrichtig interessierte Blick ihrer großen, blauen Augen verleitete mich wieder einmal dazu, die Wahrheit zu sagen. „Na ja, das wäre zumindest nichts Besonderes, wenn ich solche Träume nicht häufiger hätte…Ich weiß auch nicht, warum mich das Motiv des Überfahrenwerdens so verfolgt…Ich hätte es für keine unterbewusste Angst von mir gehalten…“
Bella sah mich nach diesem unerwarteten Ausbruch von Ehrlichkeit nachdenklich an. So irrelevant diese Information für sie auch sein sollte, sie dachte ernsthaft darüber nach. Das mochte ich an ihr. In dieser egoistischen Welt dachte kaum jemand über den Horizont der eigenen Probleme hinaus, doch Bella schien sich selbst oftmals nicht allzu wichtig zu nehmen.
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Verflucht - Der Todespakt
FantasíaIn einer Welt, in der Menschen und Monster gleichermaßen leben, scheint es keinen Zweifel an der Zuordnung von "gut" und "böse" zu geben. Durch eine feste Grenze getrennt, führen Menschen und Dämonen eine weitestgehend friedliche Koexistenz, doch de...