9. Verdrängen

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Allein sein – auch wenn ich es niemals für möglich gehalten hatte, es war genau das, wonach ich mich zurzeit sehnte.

Der Tag verlief wie immer. Ich frühstücke gemeinsam mit Werner, ich flanierte mit ihm am Steg entlang und ich verabschiedete ihn, als er sich zu seinem Termin aufmachte.
„Es wird wahrscheinlich spät werden" ,hatte er noch gesagt, bevor er die Hotelzimmertür hinter sich zugezogen und ihr endlich Einkehr gewährt hatte: Der Einsamkeit, die nun nach mir griff und mich zur Ruhe brachte.

Gelassen ließ ich ein Bad ein, bevor ich mich vorsichtig in die Wanne setzte. Die Wassertropfen liefen an meinem Körper entlang. Sie kitzelten ein wenig, während sie ihren Weg über meinen Busen fanden und hinterließen dabei dünne Linien, die ich mit einem Tuch hinfortwischte. Der Schaum raschelte bei diesen Bewegungen. Ich grinste vor mich hin, wobei ich mich zusammenkauerte und die Wärme einfach nur genoss.

Es war der Duft der Lavendelseife, der den Raum immer mehr erfüllte. Schon so lange hatte ich sie mir aufgehoben – für was genau, das konnte ich selbst nicht sagen - nur um mich jetzt endlich darin einzuweichen. Kein Rufen. Kein Schreien. Nein, selbst keine Frage darüber, wie lange ich noch brauchen würde, unterbrach mich in diesem Moment. Es war einfach nur ich, die dort saß. Mehr nicht. Und es war genau das, was ich wollte. In diesem Zimmer, welches mich irgendwie von der Realität abschottete.

Doch die Zeit blieb nicht stehen. Irgendwann bemerkte ich es: Es schlug bereits Sechs. Ein wenig genervt, bewegte ich mich aus dem Wasser, welches ich eigentlich nicht verlassen wollte. Doch es gab noch etwas, was ich mehr zu wollen schien. Etwas, von dem ich mir ein wenig Spaß versprach oder einfach nur die Möglichkeit des Verdrängens. Egal, was es genau war, ich war motiviert genug, mich zu bewegen – anfangs noch schwerfällig, doch dann immer schneller.

Ein schlichtes aber kurzes, schwarzes Kleid war meine Wahl für den Abend. Weder aufwendig, noch auffällig, denn beides wäre auf der Feier eines guten Freundes nicht angebracht. Ich lächelte meinem Spiegelbild zu. Auch wenn ich mich nur hier und da etwas schminkte, ich hatte das Gefühl zurück zu sein. Zurück an den Ort, an dem ich dieses unbeschwerte Leben geführt hatte. Zurück in die Zeit, welche ich so geliebt hatte. Zurück in das Dasein, in welchem ich so frei gewesen war. Und war es nicht genau das? Rief mich die Freiheit heute Abend nicht zu sich? Diese Freiheit, die ich seit zwei Jahren so schmerzlich vermisste und nun zum Greifen nah schien. Ich seufzte ausgelassen bei diesem Gedanken, als ich mein Hotelzimmer verließ.


Der Weg zu Onyancopons Wohnung war nun recht unbeschwert. Zunächst besuchte ich einige Gassen in der Stadt, welche mit kleinen Läden einluden, bis ich zwei gute Flaschen Wein und einen Schnaps bei einem Händler einkaufte, um zumindest nicht mit leeren Händen bei meinem alten Bekannten aufzutauchen. Es sollte ausreichen – das sagte mir zumindest sein Blick, als er mir lächelnd die Tür öffnete, bevor er mir die Getränke förmlich entriss.

„-dN-, komm rein...! Komm rein!" ,rief er dabei aus und wankte voran. Ich folgte zunächst schweigend, wobei ich mich bereits ein wenig umsah.

Hatte das alte Herrenhaus, in welchem Onyancopon die unterste Etage bezog, von außen ziemlich altmodisch gewirkt, strahlte es in der Wohnung nur so vor Besonderheiten. Hier ein paar bunte Teppiche, die den dunklen Holzboden zu übertrumpfen versuchten, dort einige weiße Skulpturen, die im einfallenden Licht der Sonne schimmerten. Ich lächelte bei diesem Anblick, spiegelte es doch die Heimat meines Freundes ein wenig wider und wirkte zudem unglaublich einladend.

Onyancopon führte mich in die Küche, holte aus einem Schrank ein Glas hervor und sah mich prüfend an.
„Erstmal Wein..." ,meinte ich als Antwort auf seinen fragenden Blick. Er schenkte mir ein, um mir das Getränk lächelnd zu reichen. Ich nahm einen großen Schluck und stöhnte erleichtert.
„Wohl einen schlechten Tag gehabt?" , warf Onyancopon nun ein, wobei er sich selbst ebenfalls ein Glas gönnte.
„Nein, eher ein paar schlechte Monate..." ,seufzte ich.
„Mmmh, sowas hört man von dir selten... Ich hoffe, nichts ernstes?"

Während mich der Gastgeber nun langsam aus der Küche schob, um mich in den Salon zu begleiten, flüsterte ich ihm zu:
„Das erzähle ich dir später mal." Er nickte.
„In Ordnung, aber du solltest dich trotzdem amüsieren. Ich habe sogar ein Radio besorgt. Wenn wir Glück haben, spielen sie heute Foxtrott."

Grinsend ließ mich Onyancopon am Eingang zum Wohnraum zurück, wobei er mir noch im Gehen zurief: „Ich stelle mal gleich den Sender ein."
Ich winkte ihm zu. An mein Glas geklammert, betrat auch ich den Salon. Das geräumige Zimmer war bereits mit einigen Gästen gefüllt. Die Meisten standen in Gruppen zusammen. Einige wenige saßen entweder in der Couchecke oder am Esstisch, an welchem ordentlich gebechert wurde, was die vielen leeren Flaschen verrieten.

Auch er saß dort: Levi. Seinen Kopf auf einer Hand abgestützt, beobachtete er die jungen Männer beim Trinken. Sein Blick war dabei ernst und trotzdem strahlte er förmlich aus der Gruppe heraus, so als wollte er mich zwingen, ihn anzusehen. Ich nahm einen weiteren Schluck Wein, während ich darüber nachdachte, was ich nach dem gestrigen Ereignis zu ihm sagen sollte. Was genau ich von ihm wissen wollte – selbst warum ich ihn unbedingt ansprechen wollte, war mir ein Rätsel. Meine Lippen pressten sich zusammen. Oder zumindest redete ich es mir ein, dass es so war.

„Hallo. Sie sind die Frau von gestern" , sprach mich Gabi von der Seite an. Ich sah zu ihr. Zusammen mit ihrer Begleitung stellte sie sich zu mir. Beide hatten ebenfalls ein Glas Wein in der Hand. Ihre roten Wangen offenbarten mir, dass es nicht das Erste gewesen war.

„Hallo Gabi" ,begrüßte ich sie, bevor ich zu der Fremden sah.
„Mein Name ist Piek Finger. Schön euch kennenzulernen" , stellte sich diese vor. „Gabi hat mir schon erzählt, dass ihr eine Bekannte von Onyancopon seid, die hier in Marley gearbeitet hat" ,fügte sie noch hinzu, bevor sie das Glas mit einem Zug leerte. Ich nickte.
„Ja, ich habe Informationen über das Militär gesammelt. Ähnlich wie Onyancopon, bevor er sich der Anti-Marley-Bewegung angeschlossen hatte."
„Mmh. Ich würde vorsichtig mit solchen Äußerungen sein. Hier sind viele, die heute noch für das Militär arbeiten. Eine Spionin ist nicht unbedingt in unseren Reihen wollkommen..." ,erklärte Piek nun. Ihr Blick wurde scharf, mich schon beinah musternd, als sie plötzlich angestrengt seufzte. „Ich glaube, ich muss mich setzen..." ,meinte sie daraufhin nur und ging Richtung Couch. Ich schaute fragend zu Gabi.
„Entschuldigt... Piek ist schon lange ein Teil des Militärs und nimmt ihre Aufgabe ernst" ,versuchte diese mich zu beschwichtigen.
„Schon in Ordnung. Ich kann das sehr gut verstehen. Vielleicht war es nicht die beste Idee von Onyancopon mich einzuladen. Die meisten hier scheinen sich bereits zu kennen..."
Mit einem Handzeichen zeigte ich in die Runde. Gabi nickte.
„Ja, die meisten Gäste sind wie ich Eldia und haben gemeinsam gegen Eren gekämpft" ,erklärte diese nun.

Mein Blick schweifte durch den Raum. Die mittlerweile recht lauten Gespräche, das Lachen, welches zwischendurch die Geräuschkulisse brach, und auch die Flirts, die immer deutlicher zu erkennen waren – das alles schien die Vergangenheit dieser Menschen verdrängen zu wollen. Sie lebten im Hier und Jetzt, weit weg von dem, was vor zwei Jahren geschehen war. Weit weg von dem, was sie einst ertragen mussten.

Ichkratzte mit meinen Fingernägeln über das Glas hinweg. Wenn ich sie so ansah,erkannte ich, wie gut es mir in all der Zeit ergangen war und was für ein Glückich mit meinem Leben gehabt hatte. Warum hatte ich es nicht einfachfestgehalten, statt es vom Schicksal einnehmen zu lassen? Warum hatte ich michnicht gewehrt? Das fragte ich mich, als ich mir ein weiteres Mal einschenkte.Doch auch die nächsten Gläser Wein konnten mir darauf keine Antwort geben,nebelten sie doch nur die Erinnerung an vergangene Tage leicht ein, sodassdiese plötzlich in der Ferne zu liegen schienen. Ich atmete tief durch, als mirdies für einen kurzen Moment bewusstwurde, um daraufhin es in einem weiterenSchluck zu erträken. Diese Lüge sollte bleiben – zumindest heute Nacht - dennich genoss sie, um weiter nach vorn zu blicken. Dahin, wo ich eigentlich seinwollte.


Spin Off - Grenzen vergessen Levi x ReaderWo Geschichten leben. Entdecke jetzt