12. Schicksal ergreifen

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Ich hatte Unrecht gehabt. Der Morgen begann überhaupt nicht wie immer...

Als ich aufwachte, war Werner bereits am Packen.
„Wir reisen in zwei Stunden ab!" ,begrüßte er mich, während ich langsam ins Bad schlurfte, um mich zunächst frisch zu machen. Ich schwieg zu dieser Aussage. Ein wenig verkatert und zudem deutlich schlecht gelaunt, nahm ich seine Anweisung einfach hin. Mir blieb nichts anderes übrig, hatte sich doch die Hoffnung auf einen Urlaubsflirt oder vielleicht sogar mehr in Luft aufgelöst, sodass mir zurzeit die Lust zu allem fehlte – auch zum Widersprechen.

Ich tat also, was mir gesagt wurde: Brav füllte ich nach einer Katzenwäsche meinen Koffer, wobei ich Werners Monolog lauschte. Er faselte über einen guten Deal, einen erfolgreichen Abend und eine ausgiebige Nacht. Ich nickte ein paar Mal oder stimmte ihm zu. Das allein reichte schon aus, um ihm das Gefühl zu geben, eine Zuhörerin gefunden zu haben. Es war schon fast zu leicht und dennoch war ich in diesem Augenblick nur froh darüber, dass er ein solch oberflächlicher Egoist war, denn so konnte ich immer weiter in meine eigenen Gedanken absinken, ohne dass er dies bemerkte.

Ganz tief, dorthin, wo der Schmerz über mein Scheitern lag, zog ich mich zurück und dachte über mein Leben nach. Darüber, wie es gewesen war und wie es nun werden würde. Darüber, ob ich einen Weg finden würde, es als erfülltes Dasein anzuerkennen, wenngleich es in meinem Herzen brannte.

Mein Körper fühlte sich taub an.

Wie von Werner geplant, verließen wir das Hotel vor 9 Uhr. Schwerfällig folgte ich ihm zur Rezeption, an welcher wir auscheckten. Werner verteilte großzügig Trinkgeld. Er grinste breit, während er allerlei Scheine in die offenen Hände des Pagen und einiger Putzfrauen drückte. Für ihn war dies anscheint eine Demonstration seines Reichtums und der damit einhergehenden Macht. Für mich war es nichts mehr als eine Peinlichkeit, die ich bereits beim Verlassen des Hotels zu vergessen versuchte.

In meinem Kopf pochte es.

Eilig liefen wir mit unserem Gepäck durch die Straßen der Stadt, bis wir zum Hafen gelangten. Der Wind schien heute besonders stark zu wehen. Mein Haar peitschte mir immer wieder ins Gesicht, so wie das Meer, was am heutigen Morgen das Land zu erobern versuchte. Ich war genervt. Hin und wieder seufzte ich laut auf, doch eine Reaktion meines Gattens brauchte ich nicht zu erwarten, war er doch vielmehr damit beschäftigt, mich wie ein Vieh voranzutreiben. Die Abreise hatte auf einmal für ihn höchste Priorität.

Und es stach in meinem Kopf.

Was war das plötzlich für ein Gefühl gewesen, welches mich ergriff? Es fühlte sich so leer in mir an, doch gleichzeitig schienen meine Füße am Boden festzuhängen. Jeder Schritt wurde schwerer, jede Bewegung steifer. Ich hatte beinah die Befürchtung zusammenzubrechen, doch meine Beine trugen mich weiter und weiter, bis ich endlich an den Steg gelangte. Ich starrte zum Boden und beobachtete wie ich die Bretter betrat. Das Nachgeben des Holzes knatschte laut, auch wenn es das Rauschen des Meeres kaum zu übertönen wagte. Mein Haar ein weiteres Mal aus meinem Gesicht streichend, blickte ich auf, um zu erkennen, dass Werner nicht gewartet hatte. Er marschierte konstant weiter und zeigte mir dabei meinen Weg. Diesen Weg, der wie ein Pfad ganz deutlich vor mir lag und trotzdem so schwer zu beschreiten war.

Ich sah mich kurz um. Ein blaues Etwas flog dort durch die Luft. Zwischen mir und Werner flatterte es wild umher, so als wollte es mich nicht vorbeilassen.

Ich näherte mich dem Ding, welches ich zunächst als Unrat abgetan hatte. Doch dann erkannte ich es: Es war ein Schmetterling, der dort flog. Leuchtend blau wie der Himmel glänzte er mir entgegen. Seine Erscheinung – sie war wie eine Aufforderung, bewundert zu werden. Und ich tat genau das. Ich starrte ihn an, ging sogar immer weiter auf ihn zu, bis ich meine Hand ausstreckte.

Es erinnerte mich an ihn: Levi. Wie ich ihn das erste Mal gesehen hatte. Damals hatte ich innegehalten, ihn nicht berührt, obwohl ich es so sehr gewollt hatte. Was hätte er wohl getan, wenn ich es gewagt hätte? Wie hätte er reagiert? Ich war mir unsicher, doch bei diesem Wesen, welches meinen Blick nun an sich fesselte, war es anders. Es zeigte mir sein Wohlwollen, flatterte es mir doch zügig entgegen, um gekonnt auf meiner Hand zu landen – ganz zart und doch mich fortreisend, denn es veränderte alles.

Der Augenblick blieb stehen, doch die Welt um mich herum setzte sich in Bewegung. Das Meer, welches gerade noch gegen die Küste tobte, verschwand und gab mir den Blick auf eine Weite preis, die ich nie zuvor gesehen hatte. Ein Land, fruchtbar und doch unberührt, lag nun zu meinen Füßen. Ich stand auf einer Mauer und um mich herum begann ein Wuseln.

Das Rauschen des Meeres – es wurde verschluckt von den Stimmen, die nun erklangen. Einige rufend, andere bereits schreiend, schienen sie Befehle oder Pläne auszutauschen. Ich schaute mich um, als mich auf einmal jemand ansprach. Er war mir vollkommen fremd, doch er war sich ziemlich sicher, wer ich war.

"-dN-, ihr habt also überlebt...." sagte er zu mir. Ein großer, blonder Mann mit eisblauen Augen sah mich an. Sein Ausdruck war kühl, definitiv nicht sonderlich erfreut, aber auch nicht ablehnend. Ich nickte nur und beobachtete weiter die Lage. Wie er trugen die Menschen um mich herum Uniformen, welche aus weißen Hemden und Hosen, sowie einigen Riemen und einem Cape bestanden. Letzteres war durch ein Wappen geschmückt: Zwei Flügel – es war ein untypisches Symbol für eine militärische Einheit und doch kribbelte es in meinem Herzen bei seinem Anblick.

Einige Soldaten kippten einen Eimer Wasser über sich. Manche quiekten dabei wie Kinder, die sich an heißen Sommertagen ins Meer wagten. Ich musste nun schon fast grinsen, doch stattdessen wandte ich mich an den blonden Mann, der noch immer neben mir stand.
"Was ist hier los?" fragte ich.
"Wir werden dieses Monster bekämpfen."
Sein Blick war starr nach vorn gerichtet, sodass ich diesem folgte. Als würde ein Blitz durch meinen Körper laufen, zuckte dieser zusammen, während ich ihn entdeckte: Einen rauchenden Riesen, welcher kriechend auf uns zukam. War er etwa das, was ich dachte? War er ein Titan – eines dieser Wesen, die eigentlich seit zwei Jahren von dieser Welt verschwunden sein sollten? Ich sah zurück zu dem Fremden, wollte ihm bereits all meine Fragen entgegenschmettern, in der Hoffnung irgendeine Antwort zu erhalten, doch stattdessen erblickte ich nur das Glänzen seiner Augen. Im Gegensatz zu mir empfand er weder Angst noch Ekel, sondern schien sogar erfreut. Es widerte mich an. Wo war ich hier gelandet?

"-dN-...."

Verzweifelt sah ich der Stimme, die nach mir rief, entgegen. Selbst hier im Chaos drängten sich mir die Erinnerung auf, die mir zeigte, was er mir letzte Nacht gesagt hatte und doch machte mein Herz einen Sprung.

Levi kam auf mich zu. Eilig schritt er über diese Mauer, als wäre er niemals verletzt gewesen. Sein Gesicht makellos und jünger wirkend fesselte meinen Blick.
„Was ist das?" , flüsterte ich mir selbst zu, bevor er sich wütend und doch erleichtert wirkend zu mir stellte, um zunächst zu schweigen. Seine Aura war beinah erdrückend. Ich blickte auf den Boden und fummelte an einem Verband an meiner Hand, den ich nun erst bemerkte.

"Wo warst du?" fragte er nun eindringlich, sodass ich kaum meine Gedanken sortieren konnte. Zunächst nervös hin und her schauend, entdeckte ich die Tropfen in seinem Haar, die sich langsam auf ihren Weg Richtung Freiheit machten. Sie spiegelten mich wider. Mich, die dort mit roten Wangen und ängstlichem Blick ihm gegenüberstand. Wie offensichtlich meine Angezogenheit zu ihm war, wurde mir erst jetzt bewusst. Sah ich ihn immer so an?

Plötzlich strich Levi mit seiner Hand über meinen Kopf. Ich hielt inne, schloss sogar für einen kurzen Moment meine Augen, um es zu erkennen. Seine Berührungen waren zärtlich, fast schon liebevoll. Was auch immer diese Situation war, ob Traum oder Wirklichkeit, in diesem Hier und Jetzt waren wir nicht einfach Bekannte. Hier waren wir mehr, verbunden durch etwas, was mir fremd war. Doch ich mochte dieses Gefühl. Wie ein Band, welches ganz langsam und zögerlich geflochten wurde, wirkte es für mich. Beinah greifbar und doch unsichtbar, vielleicht nur für uns zu erkennen. Ich frage mich, ob es immer da war – mal ganz zart gebunden und in einem anderen Moment robust gestrickt – um uns einander zu binden.

Langsam öffnete ich meine Augen, um zu erkennen, dass auch er diese Nähe genoss. Die Welt schien um uns herum zu wuseln. Die Soldaten schrien, rannten und trugen Fässer von einem Ort zum anderen. Es war ein koordiniertes Chaos, indem all meine Fragen keinen Platz finden würden.

"Wenn du so weiter machst, bleibt von dir nichts übri." ,meinte Levi auf meine Hand schauend. Ich schüttelte den Kopf, während ich den Titan beobachtete. Er drückte sich langsam an der Mauer hinauf. Sein Körper rauchte immer mehr, sodass uns heiße Luft entgegenschwall.
"Übertreib es wieder nicht," fügte er noch hinzu, bevor uns ein starker Luftstoß entgegenpeitschte. Instinktiv riss ich die Arme hoch, um sie schützend vor mein Gesicht zu halten, doch es half nichts: Diese Welt riss er mit sich fort.

Die Mauer, die Menschen und auch Levi – sie verschwanden so wie sie aufgetaucht waren. Ich kniff meine Augen zu – nur ganz kurz - und erkannte, dass ich wieder auf den Schmetterling starrte. Er flatterte verspielt vor mir herum, als wollte er sich noch verabschieden, bevor er sich langsam von mir entfernte.
„Was hast du mir gezeigt?" , flüsterte ich ihm zu. Wie festgebunden stand ich nun auf diesem Steg, der mich nach Hause führen sollte. Zu diesem Zuhause, welches ich für den Rest meines Lebens mit Werner teilen sollte.

Und ich erstarrte.

Was auch immer diese komische Eingebung gewesen war, sie ließ all meine Muskeln gefrieren. Ich traute mich nicht, mich zu bewegen, obwohl es in meinem Kopf stürmte. Immer wieder sah ich diese Bilder vor mir: Der Titan, der fremde, blonde Mann und ihn: Levi – wie er mich willkommen hieß und mir auf seine Art zeigte, dass er mich mochte. Es hatte sich so real angefühlt, so als hätte ich eine Wahrheit entdeckt, die mir bisher verwehrt gewesen war. Doch nun stand ich wieder hier. Meine Faust ballend, entdeckte ich Werner, welcher nun auf mich zu gerannt kam.

„Was stehst du hier noch rum?" ,schrie er mich schon fast an. Ich verzog meine Lippen, presste sie so fest aufeinander, bis sie taub wurden, nur um dann zischend zu antworten:
„Ich komme nicht mit, Werner..."
„Was? Was soll das, -dN-? Ist das wieder eines deiner Spielchen?"

Werners Stimme wurde immer lauter und rauer. Ich sah an ihm vorbei und fokussierte den Horizont, während ich den Kopf schüttelte.
„Du wirst dich sofort aufs Schiff begeben!" ,befahl Werner, nur um zeitgleich nach meinem Handgelenk zu greifen. Es schmerzte.

„Lass mich!" ,schrie ich. „Du verdammter..."
Mit einem Ruck riss ich mich los. Die Zähne zusammenbeißend, um nicht preiszugeben, dass ich mir dabei selbst wehtat, drehte ich mich weg.
„Leb wohl..." ,sagte ich dabei noch und ging los. Mein Weg sollte nicht auf diesem Schiff enden. Er sollte niemals in das Haus dieses Mannes führen, der nichts mehr als sein Geld liebte.

Nein.

Ich ging zurück in die Stadt, in der ich mich wohlgefühlt hatte. Ich wollte durch die Straßen laufen, die mir die Freiheit versprochen hatten. Und vielleicht – oder auch ganz bestimmt – würde ich ihn suchen, nur um herauszufinden, ob ich mir diese Verbindung zwischen uns eingebildet hatte. Mein Herz kribbelte bei diesem Gedanken. Was war ich nur für eine hartnäckige Frau? Diese Frage kam mir in den Sinn als ich meinen Ehering vom Finger abzog und einfach fallen ließ, während ich mir selbst antwortete: „Eine Frau, die ihr Schicksal in die Hand nimmt."


Spin Off - Grenzen vergessen Levi x ReaderWo Geschichten leben. Entdecke jetzt