„Ja, moin. Heute grinste ja wie ein Honigkuchenpferd. Haste nen großen Fang gemacht, oder was?" ,begrüßte mich Horst, als ich schnellen Schrittes am Lager ankam. Ich war ein wenig aus der Puste, schnaufte schon fast, doch mein Lächeln - es wollte an diesem Morgen nicht weichen.
„Nein, nein. Ich hatte gestern nur einen ganz netten Abend" ,wimmelte ich seine Bemerkung ab, als wir gemeinsam die kleine Halle betraten. Das Holz unter unseren Füßen knatschte.
„So, so. Einen netten Abend..." wiederholte Horst, doch ich schnappte mir bereits eine Kiste, welche ich wie an jedem Arbeitstag mit frischem Obst füllte. Mit Schwung wuchtete ich sie auf den Karren und begann daraufhin das Ganze von vorne.
Horst und ich - wir waren mittlerweile ein eingespieltes Team. Kaum noch Worte oder Handzeichen waren nötig, um die Vorbereitung der Ware durchzuführen. Selbst die Mengen der einzelnen Güter brauchte er mir nun nicht mehr erklären, erkannte ich doch am Duft oder an der Färbung der Früchte, was am heutigen Tag verkauft werden musste.
„Hier, mach mal zu!" ,wies Horst mich an, als der Karren fertig gepackt bereit stand. Ich nahm die Schlüssel entgegen, schloss wie gewünscht die große Lagertür ab, um daraufhin den Schlüsselbund zurückzureichen, doch mein Chef schüttelte nur den Kopf.
„Sind jetzt deine, Mädchen. Haste dir als festes Mitglied beim Horst verdient" ,erklärte er, wobei ich ein Grinsen unter seinen dichten Bart erahnen konnte. „Feste Aufgaben, fester Lohn. Bleibste dabei?"
„Ja, gerne." Meinen Blick auf die Schlüssel gerichtet, sah ich meinen Fingern dabei zu, wie sie mit dem immer wärmer werdenden Metall spielten. Es rasselte leise.
„Hätte Horst wohl früher machen sollen, was? Jetzt haste schon was anderes im Kopp."
Ich lachte auf. Eilig steckte ich den Schlüsselbund in meine Hosentasche und schob den Karren von hinten an, wobei Horst vorne am Seil zog.
„Nein, nein" ,rief ich ihm dabei zu, doch innerlich konnte ich nur zustimmen, bemerkte ich doch bereits in diesem Moment, wie meine Gedanken zu fliegen begannen: Der Klang des Regens, der Duft von Sandelholz und er. Levi. Wie sein nasses Haar seine Augen verdeckt hatte, bevor ich für einen kurzen Augenblick in ihn hineingesehen hatte. Seine Zweifel entdeckend und doch seine Sehnsucht kostend - es hatte sich in mir eingebrannt.
Verlegen presste ich meine Lippen zusammen und hörte in mich hinein. Selbst jetzt, als ich nur an ihn dachte, veränderte sich der Takt meines Herzens. Er wurde schneller. Er wurde lauter. Er wurde wilder, so als wollte er mir verraten, wonach es mir verlangte, obwohl ich es doch längst wusste.
„So, dann wollen wir mal..." ,riss mich Horst aus meinen Träumerein. Nun auf dem Marktplatz angekommen, begann die wirkliche Arbeit. Ich verdrängte meine innere Hitze, indem ich energisch über meinen Arm rieb, während ich die Anordnung der Körbe plante. Horst richtete sie an und gab sie daraufhin an mich weiter, sodass ich sie zurechtlegte, als bereits die ersten Kunden kamen.
„-dN-, was empfehlen sie heute?"
„Ich will einen Kuchen backen. Könnt ihr etwas günstig anbieten? Die Beeren, vielleicht?"
„Wie immer, bitte!"
Es waren Sätze, die ich beinah täglich hörte. Sätze, die mich zurück in die Realität holten. Ich lächelte, bot einige Güter an oder schnackte hier und da ein wenig, bis ich mit einem „Kommen Sie gern wieder" das Gespräch abbrach, um mich dem nächsten Geldgeber zu widmen.
So verging der Vormittag, bis ich gemeinsam mit Horst ein paar Birnen aß und auf einen erfolgreichen Arbeitstag zurückblickte.
„Gutes Geschäft, heut" ,stellte er fest.
„Bestimmt lag es auch am Wetter. Kein Regen und nicht so heiß, wie in den letzten Wochen. Endlich wird es mal etwas kühler" ,meinte ich nur. Horst lachte.
„Klingst schon wie ne alte Omi mit deinem Wetter. Aber vielleicht haste Recht. Horst kann's nicht abstreiten" ,rief er aus. Er musterte mich kurz, bevor er hinzufügte: „Willste nicht los?"
„Was? Schon, aber..."
„Dann auf in den Feierabend! Das bisschen aufräumen, schafft der Horst schon allein."
Mit beiden Händen schob mich Horst nun an. Immer noch das unter dem Bart versteckte Lächeln tragend, gab er mir einen kleinen Schubs, sodass ich kein weiteres Widerwort herausbekam.
„Danke..." ,flüsterte ich schon fast und machte mich auf den Weg. Wohin, dass wusste ich ganz genau, obwohl ich es nicht wahrhaben wollte, war es doch nichts weniger als meine Sehnsucht, die mich zu führen schien. Sie nahm mich an die Hand, zerrte mich schon fast in dieses verwahrloste Viertel, welches weder einladend noch gemütlich wirkte. Die Kälte, die diese kahlen Häuser ausstrahlten, berührte mich kaum. Im Gegenteil - mir wurde trotz ihres Anblicks heiß.
Meine Wangen glühten förmlich. Mein Bauch kribbelte. Jeder meiner Schritte war auf einmal so leicht, so als würde ich durch die Gedanken an ihn getragen.
Ich presste meine Lippen zusammen, als ich an dieses Haus kam, welches das beherbergte, wonach ich mich sehnte - vielleicht sogar gierte - und lächelte. Was Levi wohl gerade tat - das fragte ich mich, als ich bereits läutete und tief durchatmete.
In den Wind lauschend. Seine schweren Schritte erahnend. Mich selbst spürend, bevor wir einander ansahen. Levis Blick auf mir - er zeigte keine Freunde.
„Da bist du also..." ,sagte er nur, wobei er sich an die Wand lehnte, um mir Platz zu machen. Ich fummelte an meinem Fingernagel.
„Ja... ich habe bereits frei und... eigentlich wollte ich ja die Tücher bringen, aber..."
„Brauchst du immer noch einen Grund herzukommen?" ,unterbrach er mich, nur um mir mit einem Handzeichen zu zeigen, dass ich hereinkommen sollte. Und ich folgte ihr - dieser Einladung, die mich an diesem Tag in seine Dunkelheit führen sollte.
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Spin Off - Grenzen vergessen Levi x Reader
RomanceWer sagt, dass das Schicksal immer gleich ablaufen muss? Wer meint zu wissen, wie sich ein Moment auswirken kann, während ein Andere das ganze Leben in sich verschluckt? Wer weiß schon, was das richtige Ende ist und was vielleicht nur ein Traum war...
