20. Rat eines Freundes

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Die schwere Holztür schlug hinter mir begleitet von einem starken Luftstoß zu. Sie schupste mich förmlich voran, sodass ich in mitten des schmalen und leicht schiefen Gehweges stand. Mein Herz klopfte noch immer stark gegen meine Brust. Es erinnerte mich daran, wie aufgeregt ich in Levis Beisein war, wenn ich mich auch gleichzeitig auf eine ganz bestimmte Weise wohlfühlt hatte.

Mehr davon zu wollen – von diesem Gefühl, was immer noch in mir pulsierte – schien nicht richtig zu sein. Im Gegenteil. Es war fast so, als würde ich nach etwas verlangen, was mir nicht erlaubt war, dabei war ich doch mittlerweile eine freie Frau oder wollte mir dies zumindest einreden.

Während in meiner Heimat sicherlich der ein oder andere nun mitbekommen haben musste, dass ich nicht mit Werner zurückgekehrt war, dachte ich bereits nur noch an einen anderen Mann. Ich presste meine Lippen zusammen, als ich das Viertel durch ein Eisentor verließ und Richtung Stadtmitte ging.
„Mein Vater wird außer sich sein..." ,stöhnte ich dabei und bog in die nächste Gasse ab. „Und was wird Lina wohl denken?"

Mein Blick wanderte zum Himmel, welcher noch immer fast wolkenlos war. Wie an so vielen Tagen in meiner Kindheit suchte ich ihn nach Vögeln ab und erinnerte mich daran, wie wir gemeinsam versuchten, die Tiere an ihrer Flugbahn zu erkennen. Lina war jedes Mal besser als ich darin gewesen und hatte laut gelacht, als ich noch nicht einmal eine Gans von einem Kranich unterscheiden konnte. Doch mir war es gleich gewesen, hatte ich doch einfach ihre Fröhlichkeit genossen. Nicht mehr und nicht weniger.

Wo war sie bloß geblieben? Diese Zeit, in der sie mich nicht so skeptisch angeschaut und jeder meiner Handlungen bewertet hatte. Und wann hatte das alles begonnen?

So sehr ich meine alte Freundin vermisste, so sehr schmerzte mich der Gedanke, ihr nun gegenübertreten zu müssen und ihr dabei zu gestehen, dass ich niemals mehr an Werners Seite sein wollte. Dass ich nun meinem Gefühl folgen wollte und nicht mehr die Ehefrau eines reichen Mannes sein würde. Gerade Letzteres war es doch, was Lina als Optimum ansah.

Mit gesenktem Haupt stand ich vor der Tür des Hauses, in welchem ich nun ein und aus ging. Nach dem Läuten öffnete mir Onyancopon lächelnd, bevor sich sein Gesichtsausdruck schlagartig veränderte.
„Was ist denn mit dir passiert?" ,fragte er. Ich folgte ihm ins Wohnzimmer. Wie immer setzten wir uns gemeinsam an den Tisch, auf welchem ein Zeitungsstapel neben einem halbvollen Teller mit Keksen lag. Die Krümmel auf dem Holz verrieten mir, dass Onyancopon sich bereits daran bedient hatte.

„Ich bin gefallen und habe mir die Stirn aufgeschlagen..." ,seufzte ich, während auch ich nach einem der Gebäcke griff.
„Wo hast du es versorgen lassen? Sieht nicht gerade..."
„Das habe ich selbst genäht" ,unterbrach ich meinen sorgevollen Freund. „Du weißt, dass ich mir keinen Arzt leisten kann... Zum Glück habe ich Levi getroffen. Er hat mir Material zum Nähen gegeben."
Onyancopon lehnte sich zurück. Leicht grinsend musterte er mich, bevor er meinte:
„Ach, du hast Levi getroffen. Du hättest dir aber auch Geld von ihm leihen können. Ich hätte es bezahlt."

Ein Seufzen entglitt mir.
„Ich weiß, du meinst es gut, aber ich kann nicht ständig auf deine Kosten leben..."
„Du würdest mir genauso helfen, -dN-."
„Ja. Trotzdem..."

Energisch stopfte ich das letzte Stück des Kekses in meinen Mund. Onyancopon beobachtete mich. Immer noch hatte er ein Lächeln auf seinen Lippen und schien auf etwas zu warten.
„Was denn?" ,fragte ich irgendwann, als ich aufgegessen und von diesem Anstarren genervt war. Ich fühlte mich schon fast wie ein Kind, welches irgendetwas verbrochen hatte und nun gegenüber seinem Vater am Tisch saß, der nur auf eine Beichte wartete.
„Du warst also bei Levi?"
„Ja."
„Und?"

Ich schluckte schwerfällig.
„Nichts und..." ,stöhnte ich nur.
„Ihr macht es euch aber auch schwer."

Auch Onyancopon nahm sich ein weiteres Gebäckstück. Lächelnd biss er hinein, bevor er hinzufügte:
„Ich dachte, du hast Interesse an ihm?"
Sein Blick lag nun auf mir. Ein wenig misstrauisch beäugte er mich, so als wollte er mir damit etwas sagen. Ich presste meine Lippen zusammen, sah schon fast verlegen zu dem Zeitungsstapel, nur leicht nickend, bevor ich ein „Schon" leise von mir gab.

„Und wo liegt dann das Problem?"
Onyancopons Grinsen blendete mich nun schon fast.
„Ach, hör auf... Das ist alles nicht so..."
„Früher warst du anders, -dN-" ,unterbrach mich mein langjähriger Freund. Seine Augenbraunen zogen sich zusammen. Er wirkte plötzlich ernst, seine gute Laune wie fortgeweht und seine Worte wie ein Vorwurf. Ich schluckte schwerfällig, während ich meine Hände ineinander faltete und sie dabei beobachtete.

Er hatte Recht: Vor einigen Jahren noch hatte ich keinen Alkohol gebraucht, um mich an irgendeinen Typen heranzuwagen, der mir gefiel. Ich hatte hier in Marley mein Leben genossen, von einigen Männern gekostet und dabei wie der Wind den einen oder anderen mit mir fortgerissen. Es hatte mir Spaß gemacht – mehr nicht – doch heute war alles anders. Mittlerweile zweifelte ich viel zu sehr an mir, als dass ich es wagte, jemanden mit einem Kuss herauszufordern. Inzwischen hielten sich meine Hände zurück, obwohl ich genau wusste, was ich wollte. Lieber ballte ich sie zu Fäusten, als dass ich es mir einfach nahm. Lieber schwieg ich, als es einfach frei herauszurufen. Warum nur hatte ich mich so verändert?

„Ich weiß gar nicht, warum ich so geworden bin..." ,seufzte ich. Mein Blick wanderte nun wieder zurück zu meinem Gegenüber. Onyancopon hatte die Arme verschränkt.
„Die Zeit in deiner Heimat scheint dir nicht gut getan zu haben. Das habe ich von Anfang an gemerkt, -dN-."
Auch er atmete nun tief durch, bevor er vorschlug: „Sehe es doch einfach als Chance, dich davon zu erholen! Du kannst es sicher gebrauchen und er erst recht."

Onyancopon stand nun auf. Einige Zeitungen vom Stapel nehmend, nickte er mir noch zum Abschied zu, nachdem er meinte: „Der Typ war schon viel zu lange allein."


Spin Off - Grenzen vergessen Levi x ReaderWo Geschichten leben. Entdecke jetzt