22. Eine Überraschung

81 7 4
                                        

Eilig schritt ich durch die Stadt. Meine hohen Schuhe klackerten auf den Pflastersteinen, die ich gezielt aussuchte, um nicht in einer der Pfützen zu treten.

Es regnete noch immer.

Auch wenn es nur noch vereinzelt tropfte, hatten die meisten Menschen auf den Straßen einen Regenschirm über sich aufgespannt. Schützend und gleichzeitig schmückend bewegten sich die bunten Stoffe hin und her. Einer schöner als der andere. Und ich dazwischen.

Meine Schultern leicht hochgezogen, versuchte ich meinen schwarzen Mantel zuzuhalten, während ich so oft wie möglich unter einer Überdachung entlanglief, um ebenfalls vor der Nässe zu fliehen. Ich seufzte laut, als ich ein weiteres Mal einem Automobil auswich, bevor ich zum Hafen kam. Immer öfter schnitten diese Fahrzeuge mittlerweile mit hoher Geschwindigkeit die Wege der Menschen ab. Immer öfter nahmen sich Einzelne das Recht, wichtiger als die Maße zu sein. Wie im Leben so auch auf der Straße.

Der Wind wehte mir kalt entgegen, als ich den Steg betrat. Er brachte einen salzigen Duft mit sich. Frisch und dennoch angenehm im Gesicht. Ich streckte die Nase Richtung Horizont empor, schnupperte ein wenig und lächelte, während mein Herz klopfte. Das Rauschen des Meeres – es begleitete mich auf meinen restlichen Weg zum Dinner, unterbrach den Takt meiner Schritte, der plötzlich immer fröhlicher wirkte.

Natürlich freute ich mich auf diesen Abend. Natürlich wollte ich mit meinem guten Freund trotz meines schlechten Gewissens die Zeit genießen. Und doch spürte ich Wehmut in mir aufkommen, denn auch wenn ich mich so sehr nach der Vergangenheit sehnte – vielleicht sogar verzerrte – konnte ich diese unbekümmerten Momente niemals zurückholen.

Es war diese Erkenntnis, die verhinderte, dass ich das Dinner lächelnd betrat, denn auf einmal spürte ich nur Leere in mir. Fast schon gleichgültig schaute ich mich um. Die Einrichtung wirkte modern. Viele der Sitzmöglichkeiten waren mit weißem oder dunkelrotem Stoff überzogen, während die Tische passend in hellen Holztönen gehalten waren. Hier und da hingen Fotographien, die hohe Gebäude des Landes zeigten. Eines weiter in den Himmel ragend als das andere, so als wollten die Menschen nach den Sternen greifen.

„Guten Abend, meine Dame. Wie kann ich Ihnen helfen?"
An einem kleinen Empfangstisch stand der Oberkellner, der die meiste Zeit seine Angestellten beobachtete, sich nun jedoch an mich wandte.
„Der Tisch für Herrn Onyancopon" ,meinte ich nur, wobei ich mich bereits nach dem Genannten umsah. Auch wenn mein guter Freund durch seine Erscheinung meist ein wenig herausstach, denn auch in Marley lebten nur wenige Menschen aus seiner Region, konnte ich ihn nicht erspähen.

„Wunderbar, meine Dame. Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen?"
Ich nickte. Langsam drehte ich mich um, während ich mich von dem schweren Stoff befreite.
„Gern" ,meinte ich dabei leise.
„Es ist mir eine Freude. Folgen Sie mir bitte!"

Mit großen Schritten lief der Bedienstete vor, nachdem er meinen Mantel einem seiner Kollegen in die Hand gedrückt hatte. Ich blieb hinter ihm, mein Blick weiter im Speiseraum herumschweifend.

So sehr ich mich bemühte, so viel ich auch danach suchte, nichts an diesem Ambiente erinnerte an die frühere Tanzbar – an diesen Ort, den ich geliebt hatte. Ich seufzte leise, während ich die Menschen an den Tischen musterte. Die meisten schienen wohlhabend, protzten sie doch mit großen Edelsteinen an ihren Fingern oder an den zurzeit modernen Broschen.

„Hast du schon gehört? Sie wollen das Viertel der Eldia reparieren. Nur Ärger hat man mit denen..." ,hörte ich eine Frauenstimme sagen. Sie versuchte zu flüstern, doch gleichzeitig machte ihre Stimme bei dieser Aussage einen kleinen Sprung. Man hörte sie: Diese Empörung, die sie bei dem Gedanken an das Volk Ümirs empfand. Und man spürte das Knistern in der Luft, welches plötzlich im Raum herrschte. Nicht nur ich hatte ihre Worte gehört, nickten doch einige zustimmend, während andere sich wiederrum hinter ihrem Wein- oder Bierglas versteckten. Es war mittlerweile ein Thema, welches die Gesellschaft dieses Landes spaltete. Es war eine Angelegenheit, die viel zu viele Gefühle in den Menschen hervorrief und sie dadurch für die Schicksale der Kriegsopfer erblinden ließ. Jeder wusste doch von den Gräueltaten, die an den Eldia durch die eigene Regierung vorgenommen worden waren. Jeder hatte doch die Mauer gesehen, die sie wie Tiere von der Freiheit abgehalten hatte, während andere im Krieg wie Munition verwendet wurden – verwandelt als Titanen, die die Feinde Marleys zermalmten.

Und dennoch – viele derer, die nie solch ein Leid ertragen mussten, sahen noch immer auf dieses Volk herab, so als wäre es der Abschaum dieser Welt. Ich presste meine Lippen zusammen, als ich ein Kribbeln in meinem Nacken spürte. Mein Puls pochte in meinem Kopf. Warum nur hatte ich es genauso wie diese Frau erduldet und damals nichts gegen diese Ungerechtigkeit getan? Das war einer dieser Fragen, die nun in mir aufkam, bevor ich gegen den Oberkellner lief, der anscheint stehen geblieben war.

„Meine Dame, ist bei ihnen alles in Ordnung?" ,fragte dieser sichtlich erschrocken.
„Ja... Entschuldigung... Ich war in Gedanken..."
Meine Worte kamen nur langsam aus mir heraus. Noch immer an die Aussage der Frau denkend, sah ich zu dem Tisch, vor welchem wir nun standen. Er war für zwei Personen vorbereitet: Das Besteck ordentlich zurechtgelegt, die Kerzen drauf bereits brennend.
Mein Blick wanderte weiter, meine Augen sich bereits weitend, denn im Gegensatz zu meiner Erwartung war es nicht Onyancopon, der mir nun zunickte. Nein, ich sah in die skeptischen Augen, an die ich in den letzten Tagen immer wieder gedacht hatte. Diese Augen, die mir bereits jetzt Gänsehaut bereiteten.

„Was machst du denn hier?" ,flüsterte ich, wobei meine Hände einander ergriffen. Levi lehnte sich in seinen Stuhl zurück. Er blickte kurz zu dem Oberkellner, bevor er wieder zurück zu mir sah – seinen Blick kaum verändernd.
„Dich hat Onyancopon wohl auch eingeladen, oder?"


Spin Off - Grenzen vergessen Levi x ReaderWo Geschichten leben. Entdecke jetzt