44. Vorhaben

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Voller Erwartungen war ich gewesen, als wir die Kinder verabschiedet hatten und sie uns in einer Reihe stehend zuwinkten. Tief in meinen Gedanken versunken, bekam ich dabei fast Gabis Arm ins Gesicht geschlagen, wedelte sie doch ebenfalls zum Abschied wie wild mit ihren Händen. Ihre Wangen leuchteten mir rot entgegen. Immer noch aus der Puste, fing die Jugendliche so bald wie  möglich mit dem Brabbeln an. Ein Gespräch zwischen mir und Levi verhindernd. 

Die Worte, die mir nun nach der Absprache unseres Vorhabens auf der Seele brannten - sie sollten heute nicht mehr ausgesprochen werden. Doch trotz dieser Bürde, konnte ich Gabi nicht böse sein. Ihre Begeisterung und ihre Lebendigkeit sprudelten einfach aus ihr heraus. Einen Fluss, den sie offenbar selbst nicht im Zaum halten konnte. Einen Moment, den sie wahrscheinlich brauchte. 

Um nochmals Kind zu sein. Um wieder sie selbst zu sein. Für ein paar Minuten oder gar Stunden, die ihr diese Freiheit schenkten. 

Mein Blick wanderte zu Lina. Auch sie schien zu verstehen und lächelte, wobei sie zurück zum Waisenhaus schaute. 

„Wie glücklich sie sind, obwohl sie alles verloren haben..." ,warf sie leise ein.

„Sie haben ihr Leben... Das ist mehr als die meisten..." ,meinte Levi spöttisch. Er fuhr ein Stückchen vor, bevor er sich zu uns umdrehte. „Ihr kennt den Weg, oder?" Ich nickte.

„Ja, hast du noch etwas vor?" ,fragte ich enttäuscht.

„Armin hat uns für heute Abend herbestellt. Er ist der Kommandant des neuen Trupps und wird die Überfahrt organisieren und leiten" ,erklärte Levi, wobei sein Blick nun auf mir fixiert war. „Ich werde mit ihm einiges zu klären haben."

„In Ordnung... Dann..."

„Kommst du vorbei, wann du es für richtig hältst. Ich habe dir den Schlüssel nicht gegeben, damit du ihn sinnlos durch die Gegend schleppst" ,unterbrach er mich.

Grinsend trat Gabi nun an ihn heran. Zunächst den Blick auf ihm liegend, um im nächsten Augenblick zu mir zu schauen. Immer noch lächelnd.

 „Bis bald, -dN-", sagte sie noch und schob Levi langsam an. Er nickte ihr kurz zu, sodass sie energisch losmarschierte. Ihr Schritttempo erinnerte mich stark an einen Militärmarsch.

„Wenn ich die sehe, bin ich nicht gerade davon überzeugt, dass Eldia normale Leute sind..." ,schaufte Lina. Ich lachte leise.

„Gabi ist schon was Besonderes."

„Ja... Wie wohl alle von denen... Aber sag mal..." Mit ernster Mine sah mich meine Freundin nun prüfend an. „Was meinte Levi mit Überfahrt?" Ich zuckte zusammen.

"Sie werden nach Paradies gehen. Anscheint ist es Zeit, dass die Welt mit seinem Feind verhandelt."

"Und dann schicken sie Eldia, die genauso gut überlaufen können.... Ob das klug ist?" , gab Lina zu bedenken. Der Wind wehte ihr eine Strähne ins Gesicht, welche sie sich genervt hinter ein Ohr klemmte. "Marley hat wohl nicht mehr viel zu bieten..."

"Mmmh, vielleicht auch das..." Energisch fummelte ich an meinen Fingernagel, während ich Linas Blicken nun auswich. Ich wusste bereits jetzt, was sie zu meinem Vorhaben, ebenfalls nach Paradies zu reisen, sagen würde, doch es ihr bis zum letzten Moment zu verheimlichen, hätte unsere Freundschaft ein weiteres Mal belastet. "Ich werde auch hingehen..." ,meinte ich somit einfach. Meine Schultern waren bereits krampfhaft verspannt. Doch ihr erwartetes Aufregen - es blieb aus.

"Ja... Ja..." , stöhnte sie nur. Irritiert schaute ich sie an. "Ich habe mir das schon gedacht." ,fügte sie noch hinzu.

"Wie?"

"Frag nicht so blöd, -dN-. Du scheinst es doch ernst mit dem zu meinen..." ,warf sie nun ein, während sie meine Hand ergriff. "Aber wenn das so ist, dann bereite dich wenigstens gut vor!"

"Was meinst du damit?" ,fragte ich, doch Lina zog mich bereits schweigend hinter sich her.

Wir bogen in einer der Hauptstraßen ein. Hier, wo die Automobile bereits die Überhand gewannen, wirkte das Leben in Marley noch hektischer als sonst.

Mein Blick wanderte zurück. Dorthin, wo Gretes Waisenhaus war. Dort, wo ihre Kinder für eine gewisse Zeit Schutz vor der Gesellschaft hatten. Dieser Gesellschaft, die verachtend, fordernd und manchmal sogar grausam war. Ich schluckte schwerfällig. Wie viele Kinder dieser Welt hatten nicht so ein Glück? Wie viele lebten nun auf den zerstörten Straßen ihrer Heimat, waren einsam und wussten noch nicht einmal, wann sie das nächste Mal essen konnten? Wie viele von ihnen waren vergessen? Ihr Leid für die Menschheit unsichtbar oder gar nicht existent.

Ein Schauer lief mir über den Rücken. Auch ich hatte im Gegensatz zu Levi und seinen Freunden die ganze Zeit weggeschaut, um diese Schicksale nicht erkenn zu müssen. Diese Erkenntnis brannte in meiner Brust.

"Hey! Träumst du?" ,riss mich Lina aus meinen Gedanken. Wir blieben stehen.

"Nein, ich..."

Lina unterbrach mich mit ihrem Fingerzeig.
"Wir sind da" ,meinte sie dabei und blickte mit mir zu dem großen Gebäude vor uns, nur um zu verkünden: "Wir gehen zur Botschaft!"



Spin Off - Grenzen vergessen Levi x ReaderWo Geschichten leben. Entdecke jetzt