31. Die Welt

119 7 6
                                        

Es brannte. 

Auf meinen Wangen. An meinen Ohren. In meinem Schoß.

Stumm stellte ich meine Tasse auf einem Tisch ab und sah zu ihm. Er, der soeben einen letzten Schluck nahm, bevor er auf mich zu kam, wich meinem Blick nicht aus. Im Gegenteil - seine Augen hielten mich fest, bis er vor mir stand und seine Stirn vorsichtig an die meine drückte.

Anders als ich glühte er nicht. 

Fast schon kühl wirkte seine Haut auf meiner, mir verratend, dass er eine andere Art von Trost suchte, als ich es tat. Gegensätzlich und doch ähnlich.

„Deswegen bist du doch hergekommen, oder nicht?" ,meinte er nun. Ich presste meine Lippen zusammen, während ich in seinem Blick zu erkennen begann, dass seine Worte kein Angebot waren. Sie waren vielmehr eine Bitte - der Wunsch, nicht allein gelassen zu werden - vielleicht, weil er ihn schon lange in sich trug oder aber weil ich dieses Verlangen in ihm entfacht hatte. Egal, was genau der Grund für sein Empfinden war, Levi schien davor fliehen zu wollen.

„Wahrscheinlich..." ,seufzte ich und lächelte verlegen. Ertappt - so fühlte ich mich im ersten Moment, doch gleichzeitig fiel mir eine Last von meinem Herzen, denn er offenbarte mir damit, dass mein Geständnis ihm etwas bedeutet hatte. Er hatte es gehört, akzeptiert und erwidert - ganz anders, als ich es erhofft hatte und doch auf seine eigene Weise. Wie er mir nun ins Haar griff, seine Augen geschlossen, als würde er diesen Augenblick in sich einschließen, zeigte es mir. Und es lud mich ein, es ihm gleichzutun. Eine Ruhe in mir zu finden, die ich nie erlebt oder schon längst vergessen hatte.

Es war der Duft von Sandelholz, welcher in meiner Nase kribbelte, bevor er mich küsste. Seine Finger an meiner Wange so zaghaft, als wäre ich eine Pusteblume - kurz an diesem Ort erblüht, nur um in der nächsten Sekunde zu zerfallen. Warum nur, berührte er mich genau auf diese Weise? Warum so behutsam? So als wäre mein Sein kostbar. So als wäre dieser Moment vergänglich.

Seine Nähe war wie ein Flüstern. Kaum wahrnehmbar, und doch ließ es mich nach mehr verlangen. Ich erwiderte seinen Kuss seufzend, lauschte unseren Bewegungen und bemerkte, wie er mit seiner Zunge in meinen Mund drang. Wie er mich kosten wollte. Wie er mit mir spielte, bevor der Glockenschlag der Standuhr unsere Stille unterbrach. 

„Ich lege dir einige Sachen im Bad bereit..." ,äußerte Levi nun, nachdem sich unsere Lippen voneinander getrennt hatten. Seine Augen wirkten warm, fast lächelnd. Langsam ging er nun in Richtung Flur, womit er mir zu verstehen gab, dass er meine Antwort bereits kannte. Ich musste grinsen.
"Danke... Soll ich noch...?" 

„Du kannst dich im Schlafzimmer umziehen... Im Schrank wird schon irgendwas sein, was dir passt. Ich räume selbst nachher auf" ,erklärte er. Ich nickte kurz, während ich gleichzeitig bereits seiner Anweisung folgte. Ein wenig neugierig öffnete ich die letzte Tür dieser Wohnung, die mir bisher verwehrt geblieben war. Doch etwas Überraschendes erwartete mich zunächst nicht.

Levi's Schlafzimmer wirkte dunkler als die anderen Räume seiner Wohnung, was vor allem an dem sehr dunkelbraunen bis fast schwarzem Holzboden und den Möbeln, welche aus Nussbaumholz oder einem ähnlichen Material bestehen mussten, lag. Auf der einen Seite des Zimmers thronte ein Bett mit seinen Nachtschränkchen, so als seien diese zur Dekoration aufgestellt worden, wirkte alles doch sehr unberührt und fast schon neuwertig. Dem gegenüber stand an einer Wand der besagte große Schrank neben einem noch imposanteren Regal voller Bücher.

Ich trat einen Schritt darauf zu, erkannte, dass die Bände alphabetisch sortiert waren und musste schmunzeln. Levi schien auch hier eine gewisse Ordnung zu haben, sodass ich mir zugestehen musste, dass er definitiv ordentlicher als ich war. Mit zusammengepressten Lippen erinnerte ich mich daran, wie durcheinander mein Zimmer für ihn wirken müsste, bevor ich diesen Gedanken verdrängte, um mit meinen Augen meinem Finger zu folgen, der langsam über die Bücherreihe strich.

Einige der Titel kannte ich. Viele von ihnen waren Geographiebücher oder widmeten sich der Geschichte der Neuzeit, wobei der Schwerpunkt meist auf der Militärentwicklung lag. 

„Immer noch ein Soldat..." ,sagte ich leise zu mir selbst. Meine Muskeln spannten sich an, auch wenn es mich eigentlich nicht überrascht hatte, denn Levi hatte auf mich immer interessiert gewirkt, sobald es um politische Belange gegangen war. Und trotzdem zog er sich aus dem Konflikt zwischen Paradies und Marley zurück, so als würde ihn dieses Thema nichts mehr angehen. Ich seufzte leise.

Ob ich ihn davon überzeugen könne, nach Paradies zu reisen - das fragte ich mich. Ob er jemals etwas anderes gesehen hatte, als Marley und diese verdammte Insel, war das Nächste, was mir in den Kopf kam. Ich rieb meine Finger aneinander, während ich angestrengt mit meinen Zähnen knirschte. 

„Vielleicht..." ,meinte ich zu mir selbst und griff nach einem Atlas. Angestrengt blätterte ich durch ihn hindurch, bis ich endlich die Weltkarte fand. Meine Augen fokussierten Paradies. Diese kleine Insel im Ozean. Abgeschieden und geheimnisvoll - so hatte sie immer auf mich gewirkt. Wahrscheinlich fühlte Levi das Gleiche, wenn er den Rest der Welt auf diesen Seiten betrachtete. Wenn er das Gefühl bekam, nichts zu kennen oder gar von dieser Welt zu wissen.

 Über das Papier streichend, blickte ich zu meiner Heimat. Mein Puls raste, doch in meinem Gesicht machte sich ein leichtes Lächeln breit, während ich meine Idee nun endlich in Worte fassen konnte:

„Vielleicht sollte ich es ihm zeigen..."


Spin Off - Grenzen vergessen Levi x ReaderWo Geschichten leben. Entdecke jetzt