Da stand ich nun vor Levis Tür - leicht verkartet, eigentlich noch gar nicht richtig wach - und drückte meine Hände in meinen Mantel, so als würde mir dadurch ein wenig wärmer werden. Doch der Wind trug auch jetzt und wie in den letzten Tagen die kalte Polarluft heran, um dem Winter endlich Einlass in dieses Land zu gewähren, welches von der angenehmen, milden Meeresluft viel zu verwöhnt gewesen war.
Ich seufzte, während ich zu Lina sah, die neben mir stand und das Haus, vor dem wir warteten, skeptisch betrachtete. Sie war mit mir gekommen. Ungefragt und doch störte sie mich nicht, wusste ich doch, dass ihr im Moment alles als Ablenkung willkommen war. Immerhin war es mir vor ein paar Monaten genauso gegangen.
„Hier sind wir" ,äußerte ich, obwohl mir bewusst war, dass sie dies schon längst erkannt hatte.
„Nicht gerade einladend..." ,war ihr Kommentar dazu, wobei ich bereits läutete. „Ich dachte, er hat dir einen Schlüssel gegeben."
„Schon...aber..."
„Du kannst doch einfach aufmachen. Ich erfriere hier fast und..."
„Ihr seid früh..." ,unterbrach Levi Lina, nachdem er die Tür anscheint leise geöffnet hatte, denn weder ich noch meine Begleitung hatten ihn bemerkt. „Habt ihr euch Handschuhe mitgebracht?"
Levi saß in seinem Rollstuhl, einen dunkelten Mantel und passenden Schal über seine Beine liegend, so als wäre er seit langem bereit aufzubrechen. Ich lächelte ein wenig, als mir diese Idee kam und blickte überrascht auf, als ich ein Poltern wahrnahm.
„Ist -dN- schon da?" ,rief Gabi laut aus. Auch sie hatte ihre Jacke bereits bei sich und grinste breit. „Dann können wir ja endlich los!"
„Nicht so schnell. Hast du die Kartons schon zusammen?" ,fragte Levi nun. Er wirkte konzentriert, wobei er sich den Mantel nun überwarf, bevor er ein Stücken zurück ins Haus fuhr. Gabi nickte.
„Ja. Hier sind die Kleidungskisten" ,erklärte sie und zeigte zur Treppe. „Dort die Süßigkeiten. Annie hat sogar noch ein paar Bonbons vorbeigebracht." Levi seufzte genervt.
„In Ordnung. Ich nehme die zwei schweren. Ihr könntet jeder eine Kiste nehmen. Die hier sollten gehen." Hier und da zeigte Levi auf die Kartons, bevor er sich von Gabi die zwei gewünschten reichen ließ, um sie auf seine Beine zurechtzulegen. Auch Lina und ich folgten seinen Anweisungen und nahmen die Boxen an uns. Sie waren leichter, als ich befürchtet hatte.
„Für was ist das alles?" ,fragte Lina, nachdem wir nacheinander das Haus verlassen hatten und nun auf der Straße standen. Levi sah sich kurz um.
„Am Ende des Viertels gibt es ein Waisenhaus. Die können das Zeug gut gebrauchen" ,erklärte er und fuhr vor. Eilig liefen wir hinterher, wobei Gabi auffällig stolzierte.
„Die Kinder sind dort echt süß" ,schwärmte sie.
„Dann seid ihr öfters dort?" ,hakte ich nach. Die junge Frau nickte.
„Ja. Erst haben Levi und Onyancopon nur Süßkram dort hin und wieder verteilt. Falko und ich wollten dann auch helfen und haben den anderen davon erzählt. Da fingen alle an irgendwas zu sammeln und so machen wir das jetzt öfters. Oder?"
„Ja, ..."
Levi's Antwort war leise. Immer noch vorfahrend, bog er nun in eine Gasse ab, wobei ich meine Schritte beschleunigte, bis ich neben ihm lief. Leicht vorgebeugt und die Kiste fest an mich drückend, nur um ihn von der Seite aus anzusehen. Doch er erwiderte meinen Blick nicht. Im Gegenteil - fast schon starr wirkten seine Augen nach vorn gerichtet. Vielleicht das Ziel bereits fixiert. Vielleicht auch in Gedanken.
„Haben sie ihre Eltern im Krieg verloren?" ,fragte ich ihn nun. Levi nickte.
„Die meisten sind durch Erens Angriff Waisen.... Verdammt viele von ihnen haben niemanden mehr..."
„Scheiße..." ,flüsterte ich. Es brannte plötzlich in meiner Brust.
„Das ist grauenhaft..." ,warf Lina nun ein. Auch sie ging nun mit gesenktem Kopf. „Und wahrscheinlich kümmert sich Marley mal wieder kaum drum... weil Kriege mal wieder mehr Leute interessiert als das Leid der Bevölkerung.."
„Richtig. Die Scheiße ist überall gleich..." ,meinte Levi dazu, bevor er auf einmal stehen blieb.
„Ah, da ist es" ,rief Gabi nun aus, den Finger zu einem recht verwilderten Grundstück zeigend. Ich schluckte schwerfällig, während die motivierte Helferin bereits das Gartentor öffnete, nur um daraufhin gegen die Tür zu poltern - voller Kraft, so als wollte sie sie aufschlagen.
„Ist die immer so?" ,flüsterte mir Lina zu. Auch wir betraten zusammen mit Levi nun das Grundstück. Die Tür öffnete sich bereits, was Gabi anscheint als Einladung betrachtete, denn sie sprang förmlich in das Gebäude.
„Was soll ich dir jetzt noch antworten?" ,meinte ich zu meiner Freundin und schmunzelte, war es doch gerade diese Art, die Gabi zu dem machte, was sie war: Eine energiereiche oder gar ungebremste Frau, die mich immer wieder mit dieser Lebendigkeit ansteckte. Selbst jetzt, wenn mir gleichzeitig schwer ums Herz war.
„Ah Herr Levi. Schön, sie zu sehen."
Es war eine alte Frau, die uns begrüßte. Leicht gebückt gehend trat sie vor und zeigte in das große Haus hinein, welches innen viel heller schien, als es außen den Anschein machte.
„Kommen Sie rein! Die Kinder werden sich freuen" ,fügte sie nun hinzu. Levi gab ihr ein Handzeichen zum Gruß.
„Sind die Kinder draußen? Wir haben auch Süßigkeiten dabei" , drängte sich Gabi vor. Die alte Dame lächelte.
„Hinten auf dem Hof. Du kannst gern schon zu ihnen, wenn du magst. Aber wie ich sehe, sind neue Gesichter hier." ,wandte sich die Fremde nun an mich, während Gabi aus dem Raum stürmte.
„Freut mich, Sie kennenzulernen. Mein Name ist -dN- -dNN-. Ich...."
„Nicht so förmlich. Nicht so förmlich" ,unterbrach mich die Dame nun. Sie zupfte ihre Schürze zurecht und griff daraufhin nach meinem Karton, welchen sie dabei an sich nahm. „Ich bin Grete. Aber kommt doch erstmal in die Stube. Wir haben noch Tee und Plätzchen."
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Spin Off - Grenzen vergessen Levi x Reader
RomanceWer sagt, dass das Schicksal immer gleich ablaufen muss? Wer meint zu wissen, wie sich ein Moment auswirken kann, während ein Andere das ganze Leben in sich verschluckt? Wer weiß schon, was das richtige Ende ist und was vielleicht nur ein Traum war...
