Wie lange hatte ich ihn so angestarrt? Das fragte ich mich, als ich zu Boden blickend nach meinen Worten suchte. Sie waren einfach verschwunden gewesen, schienen so weit weg, doch ich wollte nicht schweigen. Nicht jetzt, in dem Moment, in welchem er mich anscheint nicht zurücklassen wollte.
"Zum Markt am Brunnen" ,antwortete ich noch immer ein wenig zweifelnd. Denn obwohl ich das Klopfen in meiner Brust - dieses Gefühl durch ein mir fremdes Pulsieren aufzublühen - spürte, hegte ich gleichzeitig den Wunsch, mich vor Levi verstecken zu können, befürchtete ich doch, dass meine Anziehung zu ihm mehr als nur erahnbar war. Nein – sie stand mir wahrscheinlich bereits ins Gesicht geschrieben, sprang sicherlich förmlich hervor, nur um meine Gedanken zu offenbaren.
Und ich hasste das.
"Ich muss in die gleiche Richtung, also gebt ihn her! Ihr solltet euch weiter um eure Wunde kümmern!"
Mich kritisch beäugend, streckte Levi seine Hand in meine Richtung aus, bevor er nach dem Beutel griff, den ich ihm eigentlich nur hinhielt, um die restlichen Rüben einzusammeln.
"Es geht schon" ,äußerte ich leise, doch der Sack landete bereits auf seinem Schoß.
"Das sieht nicht so aus..."
Levi zeigte auf meine Stirn, welche ich nun zum wiederholten Male abtupfte. Daraufhin den Stoff begutachtend, seufzte ich. Er hatte auch hierbei Recht: Mittlerweile war das Tuch mit meinem Blut getränkt und das weiße Gewebe zu einem zartroten Klumpen geworden. Ich musste somit von einer tieferen Verletzung ausgehen.
"So schlimm?" ,fragte ich mich eher selbst, doch anscheinend fühlte sich mein Gegenüber angesprochen, rollte er doch langsam auf mich zu, wobei er mich konzentriert im Blick hielt.
"Ihr müsst es sicher nähen lassen..." ,warf er ein, nachdem er direkt vor mir stehen blieb. "In der Nähe des Marktes ist ein Arzt, der euch helfen kann."
Doch ich schüttelte zu dieser Aussage nur den Kopf.
"Dafür habe ich kein Geld."
An meinem Fingernagelfummelnd, sah ich zur Straße. Ein Automobil fuhr an uns vorbei. Laut knatterndtransportierte es ein wohlhabendes Paar zu seinem Ziel. Die Beiden lachten,schienen gar diesen Luxus zu genießen, während das gemeine Volk ihnen hinterhersah. Auch ich gehörte nun dazu – zu diesem Pöbel, der den Reichtum von derFerne aus beobachtete.
„Könnt ihr es selbst zusammennähen?"
„Was?"
Levis Frage ließ meinen Blick wieder zu ihm zurückschweifen. Noch immer schauteer mich skeptisch an.
„Ob ihr es selbst nähen könnt? Ich habe zuhause Material, falls ihr esversorgen wollt."
„Ich denke schon..." ,flüsterte ich beinah.
„Dann sollten wir langsam losgehen... Sonst ist der Markt geschlossen und wirstehen mit euren Rüben dumm in der Gegend rum..."
Während Levi langsam vorfuhr, sah ich ihm nur nach. Meine Finger aneinanderreibend,lauschte ich für einen kurzen Moment dem Wind, bevor er von einem weiterenvorbeifahrenden Automobil übertönt wurde.
„Was mache ich jetzt bloß?" ,fragte ich mich in Gedanken. Ob ich noch immer inder Lage war, meine Wunde selbst zu nähen, wusste ich nicht, doch nochunsicherer fühlte ich mich, ihn dabei in meiner Nähe zu haben. Ihn, der nunplötzlich stehen blieb und zu mir prüfend zurücksah. Es ließ meine Brustkribbeln.
Ich schüttelte den Kopf. Auch wenn in mir so viele Gefühle umherschwirrten undsie mich förmlich wie ein Schwarm von Mücken innerlich zerstachen, folgte ichihm einfach, denn sein Angebot war kaum auszuschlagen. Immerhin brauchte meine Wunde,die auch jetzt noch blutete, dringend Versorgung. Sie selbst zu behandeln, wardabei für mich sowohl finanziell wie auch zeitlich die beste Option.
Schnellen Schrittes lief ich Levi nach. Wir bogen um eine Ecke, kürzten den Wegüber eine kleine Gasse ab und kamen schlussendlich am Markt an, der nun bereitswie leergefegt wirkte. Ich schluckte schwerfällig, als ich Horst entdeckte, derbereits mit wedelnden Armen auf mich zu kam.
„-dN- , wo biste geblieben?" ,warf er ein, wobei er mich kurz musterte, bis ererschrocken hinzufügte: „Was haste denn angestellt? Bluteste etwa?"
Ich nickte.
„Entschuldige... Ich bin gefallen. Einpaar Rüben sind auch kaputt gegangen" ,erklärte ich. Auch wenn ich ihmantwortete, ließ ich dabei meinen Blick an ihn vorbeischweifen, schämte ichmich doch selbst vor ihm ein wenig.
„Kein Ding, kein Ding. Gib mal her, den Sack! Und jetzt ab zum Arzt mit dir!Wir sehen uns am Mittwoch. Gleiche Zeit. Gleicher Ort."
Ohne weiter zu zögern, schnappte sich Horst den Beutel, wobei er Levi zunickte,bevor er zügig zu seinem Stand zurückkehrte. Über meine Lippen huschte einLächeln. Hatte ich doch befürchtet, mich rechtfertigen zu müssen, erkannte ichnun, dass Horst weder wütend noch enttäuscht zu sein schien. Er ging einfachweiter seinem Geschäft nach und winkte bereits jetzt die letzten Kunden zu seinerWare, die er freundlich anpries.
„Kommt! Es ist noch ein Stück bis zu mir..."
Levi unterbrach meine Beobachtung. Ein weiteres Tuch hinhaltend, sah er zu mirauf – wartend – bis ich es an mich nahm, um den neuen Stoff um den alten zuwickeln.
„Wohin müssen wir?" ,fragte ich, als wir losgingen.
„Das ehemalige Ghetto sagt euch was, oder?"
„Ja."
„Gabi und Falko haben dort ein Haus. Ich wohne unter ihnen."
Wir gingen Richtung Norden. Dort, wo die Stadt ihren Glanz verlor und immermehr Fabriken die Luft mit ihrem Rauch trübten, lag es: Das Ghetto der Eldia.
Auch wenn die Tore nun offenstanden, die Mauern sogar an einigen Stellenbereits abgerissen waren, konnte man die Grenze zwischen den Völkern noch immerspüren. Ich atmete tief ein, als ich die Häuser entdeckte, die immer älter undverfallener wirkten, um nicht zu seufzen – so tief lag die Enttäuschung darüber,dass sich kaum etwas verändert hatte.
„Wir sind da..."
Levi blieb vor einem Fachwerkhaus stehen, welches wie alle anderen wirkte unddoch durch das helle Weiß der Fassade herausstach. Ich schluckte schwerfällig,als er seinen Schlüssel hervorholte, um die Tür aufzuschließen.
„Ich hoffe, ich mache euch keine Umstände" ,faselte ich gleichzeitig, nur umdie Stille zwischen uns zu brechen.
Doch Levi schüttelte den Kopf.
„Seit wann seid ihr so zurückhaltend?" ,fragte er, während er die Tür aufstießund mir den Vortritt ließ.
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Spin Off - Grenzen vergessen Levi x Reader
RomanceWer sagt, dass das Schicksal immer gleich ablaufen muss? Wer meint zu wissen, wie sich ein Moment auswirken kann, während ein Andere das ganze Leben in sich verschluckt? Wer weiß schon, was das richtige Ende ist und was vielleicht nur ein Traum war...
