28. Rückkehr?

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Es war ein kurzes Zögern, welches meinen Schritten hinein in das Treppenhaus vorausging. Ein Zögern, welches bereits durch ein lautes Poltern unterbrochen wurde. Ich zuckte zusammen, blickte gleichzeitig zu Levi, der ebenfalls ein wenig irritiert schien, bevor er zur Treppe heraufsah.

Der Krach kam von oben und immer näher. Ein lautes Rufen verriet uns, um wem es sich handelte: Gabi. Sie sprang förmlich die Stufen herunter, ihr Kleid in der einen Hand hochhaltend, während sie sich mit der Anderen immer wieder am Geländer festhielt, um nicht zu fallen. Ich musste bei ihrem Anblick grinsen, besonders als mir ihre rot-leuchtenden Wangen entgegenschienen.

„Levi...Levi...du glaubst nicht, was ich eben erfahren habe" ,schrie sie ihn schon fast an.
„Nicht so laut. Ich stehe direkt neben dir..." , zischte er als Antwort.
Levi seufzte und wartete darauf, dass sich seine Nachbarin beruhigte, während ich immer wieder zwischen ihnen hin und her schaute.

„Es... Es..." stotterte die junge Frau, die nun erst bemerkte, dass ich ebenfalls anwesend war, wodurch ihr ein „Was machst du hier?" herausplatzte. Ich lachte auf. Diese Frau war voller Leben und Emotionen. Ein wenig kindlich, unkontrolliert und herrlich offen – sie erinnerte mich an mich selbst, als ich in ihrem Alter gewesen war. Damals hatte man diese Eigenarten an mir kritisiert, mich beinah dabei gebrochen, doch heute, wenn ich ein solch lebendiges Mädchen ansah, wusste ich, wie wertvoll diese Charakterzüge gewesen waren. Ich fummelte an meinem Fingernagel, als ich spürte, wie sentimental mich diese Erinnerungen machten.

„Sie ist zum Tee hier... Was wolltest du mir sagen, Gabi?" ,versuchte Levi das Thema wieder zu wechseln. Er blickte nun kritisch sein Gegenüber an, bis diese nickte.
„Armin und die Anderen. Sie werden nächsten Monat nach Paradies reisen. Falko meint, es wird ein Treffen mit Historia geben."

Meine Augen weiteten sich.
„Das ist ja..." ,begann ich bereits meine Begeisterung äußern zu wollen, doch ich brach meinen Satz ab, als ich in Levis Gesicht blickte. Da war Nichts. Nichts von Freunde oder Hoffnung. Nichts von Wehmut oder Rührung. Einfach nichts.
„Und?" ,fragte er, als interessiere es ihn nicht. Ich bekam Gänsehaut.

„Sie können bestimmt noch jemanden mitnehmen. Vielleicht brauchen sie sogar einen Berater oder ähnliches... Du könntest doch..."

Gabi faselte weiter. Nicht zu ahnen, dass sie Levi bereits mit ihren Worten verloren hatte, redete sie etwas von Wiedersehen oder Rückkehr, ihr Ton dabei immer heller werdend, so als wollte sie einen Kontrast zu seiner Mimik bilden. Ich schluckte schwerfällig, doch der Knoten, der sich nun durch diese unangenehme Situation in meiner Kehle bildete, wollte nicht gehen. 

„Ich habe dort nichts mehr verloren" ,unterbrach Levi die naive Frau irgendwann, sodass abrupt eine Stille in das Treppenhaus einkehrte. Irritiert sah Gabi kurz zu mir. Ich zuckte mit den Schultern, als ich bereits Levis Stock hörte. Sein Klacken auf dem alten Holzboden verriet, dass er sich in seine Wohnung zurückzog – schweigend, so als wäre dieser eine Satz eine Wahrheit, welcher nichts mehr hinzuzufügen wäre, doch Gabi sah dies anders. Ihre Muskeln zuckten bereits, wollte sie ihm doch anscheint folgen, um ihn vom Gegenteiligen zu überzeugen und damit von dem, was sie als richtig empfand. Doch ich packte sie. Zu fest griff ich ihren Arm und gewann so ihre Aufmerksamkeit.

„Was?" , schnauzte sie nun sichtlich genervt.
„Lass ihn... Ich glaube nicht, dass das so einfach ist..."

Auch wenn ich dies entschlossen äußerte, war es eine Bitte. Den Kopf leicht neigend, sah ich der jungen Frau in die Augen und wartete, bis sie meinen Blick erwiderte und sich zu beruhigen schien.
„Er muss doch hin wollen..." ,meinte sie dabei schmollend. 
„Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ich weiß es nicht, aber ich werde mit ihm reden, okay?"

Gabi nickte.
„Ja, ja... dann halt so." Mit ihrem Schuh kratzte sie über das Holz, während sie ihre Arme hinter ihrem Rücken schwang. Ihr Blick wanderte dabei zum Boden, bevor sie wieder zu mir sah – diesmal grinsend.
„Habe mir ja schon gedacht, dass da was läuft" ,äußerte sie noch, nur um daraufhin die Treppe wieder heraufzurennen und mich zurückzulassen. 

„Mmmh..." ,kam es mir nur noch über die Lippen, während ich Levi's Wohnung betrat. Meine Gedanken kreisten, den Blick durch den Flur schweifend, nur um zu erkennen, dass alles so sauber und ordentlich wie bei meinem letzten Besuch wirkte. Meine Finger aneinanderreibend ging ich von Zimmer zu Zimmer - hineinsehend, ihn suchend, bis ich ihn endlich fand. 

Levi saß auf einer Couch im Schlafzimmer. Er starrte auf den Boden, sein Gesicht dabei von Schatten ergriffen, so als wollten sie ihn in die Dunkelheit zerren. Und vielleicht taten sie es auch, sah ich doch vor mir nichts mehr als einen gebrochenen Mann. Sein Anblick - er drückte mir den Brustkorb zusammen.

„Alles in Ordnung?" Es war der einzige Satz, der mir zunächst einfiel. Langsam schritt ich auf ihn zu, meine Augen nur auf ihn gerichtet, bis ich vor ihm stand und immer noch auf eine Reaktion wartete. 

„Levi...?" Mein Herz wurde schwer. „Du brauchst nichts jetzt entscheiden, oder? Vielleicht willst du ja doch irgendwen besuchen oder so. Das wäre doch die Gelegenheit."

„Da gibt es niemanden."

„Was?" Ich sah verwirrt auf ihn herab, als er seinen Blick anhob, um es mit leeren Augen zu wiederholen: „Es gibt niemanden. Keiner ist mehr übrig."

Spin Off - Grenzen vergessen Levi x ReaderWo Geschichten leben. Entdecke jetzt