35. Ich

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Das letzte Flackern der Laterne kündigte den Sonnenaufgang an. Ein oranger Schleier legte sich in den Straßen ab und drang sogar bis in dieses Zimmer hinein, in welchem wir uns nun schweigend ansahen.

Noch immer hallten diese fremden Namen in meinem Kopf. Namen, die für mich gesichtslos blieben und doch voller Bedeutung waren, hatten sie Levi doch zu dem gemacht, was er war und was ich liebte. Es war ein egoistischer Gedanke - fast schon beschämend - ,doch ich konnte ihn nicht ablegen, selbst jetzt nicht, als er verstummt war.

Levi strich mir durchs Haar. Langsam und vorsichtig, fast schon verträumt.

„Leg dich lieber noch mal hin..." ,flüsterte er dabei, so als wollte er mir zu verstehen geben, dass ich mich zufrieden geben musste. Ich nickte. 

„Willst du nicht mehr schlafen?"

„Nein... Ich stehe sowieso früh auf..."

Ein wenig angestrengt griff er nach seinem Gehstock, bevor er das Bett verließ. Seine schmale Silhouette in der Morgensonne - sie ließ die Hitze auf meinen Wangen zurückkehren. Muskulös und doch ein wenig zierlich wirkte er dabei. Es war ein Anblick, dem ich nur schwer widerstehen konnte, obwohl ich erst vor einigen Stunden von ihm gekostet hatte. Ich wollte mehr. 

Ein Seufzen entwich mir, als ich mich abwandte, um mich in die Bettdecke zu kuscheln. Meine Augen schließend, versuchte ich für einen kurzen Moment alles um mich herum zu vergessen. Ich lauschte Levis Schritten, seinen Bewegungen beim Anziehen und dem Pochen meines Herzens. Das Licht wurde zu einem Schwarz. Die Geräusche zu einer Stille. Doch sein Duft - er blieb und begleitete mich in den Schlaf hinein.

Und in diesen Traum, der auf mich gewartet hatte.

Ich stand auf einer Wiese, die sich über Hügel, so weit mein Auge reichte, erstreckte. Ein blauer Himmel über mir. Das noch feuchte Gras unter mir - den Weg weisend und doch ohne ein wirkliches Ziel. Wie lange lief ich dort herum? Es fühlte sich nach einer Ewigkeit an, bis ich ihn am Horizon endlich entdeckte: Levi - er stand dort ganz in weiß gekleidet, den Kopf in den Nacken gelegt und sah zum Himmel hinauf.

Meine Schritte führten mich zu ihm. Langsam, dann schneller werdend, bis ich das letzte Stückchen rannte, sodass er zu mir sah.

"Was machst du hier?" ,fragte ich ihn, doch er seufzte nur. Seine Hände leicht anhebend, sah er nun auf diese herab, so als würde er in ihnen lesen können. So als stünden in ihnen die Worte, die er sagen wollte, doch er blieb stumm. 

"Levi... Wo sind wir hier...? Mist, wo sollen wir bloß hin? Ich..."

"Wie viele?"

Diese Frage unterbrach mein Selbstgespräch. Ich sah ihn zweifelnd an.
"Was meinst du?" ,warf ich noch ein, doch bemerkte ich gleichzeitig die rote Flüssigkeit, die nun aus seinen Händen hervorquoll. Schwallartig lief sie an ihm herunter - erst tropfend, dann fließend - bis sich das Gras rötlich um ihm herum verfärbte.

Sprunghaft machte ich einen Schritt zurück, während ich es mit weit aufgerissenen Augen beobachtete: Dieses Meer aus Blut, welches mir bereits nach kurzer Zeit bis zu den Knien reichte und mich wie die Umgebung zu verschlucken versuchte. Auch Levi sah sich nun um, bevor er zu mir herüberschaute. Sein Blick wirkte weder ängstlich noch besorgt.

"Wie viele?" ,wiederholte er.
"Ich weiß es nicht..." ,rief ich ihm zu.
"Auch du..."
"Nein..."
"Auch du bist in meinen Händen gestorben" ,verkündete er.

Es stach in meinem Kopf.
"Nein, das stimmt nicht..." ,korrigierte ich ihn, doch der Schmerz in meinem Hirn - er ließ keinen Gedanken mehr zu. Angestrend blickte ich in das Blut, welches mich umgab. Erst nur das dunkle Rot erkennend, konnte ich immer mehr Gesichter in diesem ausmachen, so als würden sie dort unten am Grund liegen. Mir lief ein Schauer über den Rücken.

"Nein... Ich bin nicht gestroben!" ,erhob ich die Stimme.
"Schau genau hin!"
"Was?"
"Schau genauer hin!" ,forderte Levi nun. Er zeigte zu einer Stelle nur einige Schritte entfernt. Ich schluckte schwerfällig. Einmal. Nein, zweimal, bevor ich mich durch diese Brühe langsam bewegend dort hinbegab. Erst nur zum Horizont blickend, um es nicht erkennen zu müssen, blieb ich stehen.
"Schau hin, -dN-... Sieh es dir an, was ich getan habe!" ,flüsterte er mir ins Ohr. Seine blutverschmierten Hände berührten mich dabei, strichen mir zärtlich am Körper entlang, bis er mich fest am Hinterkopf packte. Ich zog die Schultern hoch. Ich schüttelte energisch den Kopf. Ich schrie sogar. Dennoch - er ließ mich nicht los.

"Nein, ich will nicht... Lass mich! Lass mich! Levi..." ,rief ich noch. 

Mein Rufen verstummte. Mit voller Kraft drückte er mich herunter - tief hinein in das Blut seiner Kameraden. Tief hinein in die See der Erkenntnis.

Meine Augen starr vor Angst. Mein Herz still durch das Grauen, welches ich entdecken musste. Und doch konnte ich meinen Blick nicht abwenden, erkannte ich in diesem geschändeten Wesen mich doch wieder - in diesen Hautfetzen, diesen paar Strähnen und den faulen Augen, die wie ein Spiegel wirkten. 

Da lag es also und blickte mich an. Da sah ich also und schrie voller Furcht. Und es schrie mit mir. Und es weinte mit mir. Und es zerbrach mit mir. Ohne mich zu kennen und doch zu wissen, wer ich war. 

Ich und mein vernichtetes Selbst.



Spin Off - Grenzen vergessen Levi x ReaderWo Geschichten leben. Entdecke jetzt