Die Stube - sie war ein kleiner Raum mit Kamin und ein paar alten Polstermöbeln. Der Boden mit einigen Decken und Kissen bedeckt, wirkte es kuschelig und warm. Ganz so, als wäre es der perfekte Ort für eine Lesestunde am Abend.
Ich lächelte leicht, als ich die alte Frau nun beim Aufräumen beobachtete. Sie wirkte durch unseren Besuch überrascht, aber keineswegs gestört.
„Hier liegt doch wieder alles rum..." ,seufzte sie, während einige Decken nun hinter dem Sofa verschwanden.
„Keine Umstände, Grete. Es sind Kinder..." ,beruhigte Levi sie. Langsam fuhr er ein wenig in den Raum hinein, bevor er mich ansah und mir zunickte. Ich erwiderte seine Geste und setzte mich.
„Schön warm haben sie es hier" ,warf ich dabei ein. Grete nickte.
„Ja, die Kinder brauchen es... Sie kommen hier wenigstens zur Ruhe. Aber setzen auch sie sich. Ich hole den Tee" ,meinte Grete nun zu Lina, bevor sie den Raum verließ.
Begleitet von einem Räuspern befolgte meine Freundin den Vorschlag der alten Dame. Nicht gerade begeistert und doch sah sie sich interessiert um.
„Wie viele Kinder müssen denn hier unterkommen?"
„Etwas mehr als ein Dutzend" ,antwortete Levi ihr. Er sah zu uns herüber und seufzte. „Grete hat kaum Hilfe. Mehr Kindern kann sie nicht aufnehmen." ,fügte er hinzu, als er unsere fragenden Blicke erkannte. Seine Stimme wurde dabei leiser.
Ich schluckte schwerfällig.
Ein Dutzend war in diesem Moment nicht einfach eine Zahl. Es waren Schicksale. Kinder, die es geschafft hatten, irgendwie die Walze zu überleben und hier - in diesem alten Haus - Schutz zu finden. Seelen, die wie ein Großteil dieser Welt zertrampelt wurden und nun langsam wieder aufgebaut werden mussten. In der Hoffnung sie würden irgendwann wieder fest im Leben stehen.
Wie schwer musste in ihnen das Trauma des Krieges liegen, wenn selbst wir Erwachsenen es kaum ertragen konnten? Wie zermürbt mussten ihre Herzen wohl durch die erfahrenen Grausamkeiten sein?
Ein leichter Luftzug ging durch den Raum, bevor Grete wieder zu uns kam. Sie atmete tief durch, als sie die Stille bemerkte.
„Es ist gut, dass es Menschen gibt, die an uns denken" ,sagte sie lächelnd, so als wollte sie uns aufheitern, während sie das Tablett mit dem süßlich duftenden Tee abstellte. „Selbst ein paar Kekse, wie diese, muntern die Kinder auf. Wir backen sie gemeinsam, wenn genug Geld für Zucker da ist."
„Das ist nur ein kleiner Trost..." ,meinte Lina nun rau. „Was erhalten Sie von den verschonten Staaten? Was geben die Teufel der Insel für die Kinder?"
Mein Blick wanderte zu Levi, doch anders als ich es in diesem Moment erwartet hatte, reagierte er bei den scharfen Worten meiner Landsfrau nicht. Noch immer im Rollstuhl sitzend, legte er lediglich ein Bein über das andere. Konzentriert und gefasst.
„Einige Hilfsgüter werden aus dem Norden geliefert.... Auch Marley versorgt die Waisenhäuser mit ein paar Grundnahrungsmittel.... Und die Teufel... Ich höre nur ungern diesen Ausdruck. Wissen sie, einige unserer Kinder hier sind Eldia. Sie sind genauso Opfer der Walze wie all die anderen...." ,erklärte Grete, wobei sie sich selbst in den Sessel neben den Kamin fallen ließ. „Heute Teufel, morgen Opfer. Das ist der Lauf der Zeit..." ,stöhnte sie auf. Ihre Hand fuhr dabei über ihr Knie, bevor sie ihre Tasse an sich nahm.
„Sie ziehen sich doch nur aus der Verantwortung und feiern gleichzeitig ihren Sieg über die Welt..." ,schimpfte Lina weiter.
„Es hilft niemanden, wenn sich irgendwelche Weiber darüber aufzuregen" ,meinte Levi nun. Neben mir zuckte meine Freundin zusammen - ein Zeichen dafür, dass ihr seine Aussage nicht gefiel - doch Levi nahm entspannt einen Schluck Tee und blickte entspannt in unsere Richtung, bevor er hinzufügte: „Ich sehe mal eben nach Gabi... Nicht, dass sie sich wie beim letzten Mal den Kopf stößt."
Ein wenig eilig stellte Levi nun seine Tasse ab, um daraufhin loszufahren. Er nahm dabei kräftig Schwung - fast schon wie ein Spurt wirkte es - und bog in den Flur ein.
„Ich weiß nicht, was ich von deinem Typen halten soll..."
Diesen Satz schien Lina bereits seit einiger Zeit in ihrem Kopf bereitgehalten zu haben, kam er ihr doch plötzlich wie von selbst über die Lippen. Ich sah sie unsicher an. Meine Finger aneinander reibend. Die Worte zusammensuchend, doch ein leises Kichern unterbrach meine Gedanken. Es ging in ein Husten über, bis Grete nach Luft schnappte.
„Das ist gut zu hören..." ,röchelte sie zunächst, bevor sie auf die Kekse zeigte. „Könntet ihr die in den Garten bringen. Die Kinder freuen sich sicher."
Ihr Geste war an mich gerichtet. Augen, umschlossen von Falten, fokussierten mich. Und sie strahlten mir kraftvoll entgegen. So alt diese Frau auch war, als sich unsere Blicke trafen, sah ich ihr die Mission, welche sie in ihrem Leben führte, an. Und ich spürte ihre Aufforderung wie einen Stoss, sodass ich nur nickte.
„Natürlich" ,sagte ich und ergriff bereits den Teller.
„Einfach dem Flur nach links folgen. Schon sehen sie den Garten" ,erklärte Grete noch, bevor sie sich an Lina wandte. So als würde sie ein Liste mit Aufgaben bereitliegen haben, begann sie nun die noch stutzige Frau einzubinden und die Vorteile unseres Besuches vollkommen auszukosten. Sie war eben genauso auf die Hilfe angewiesen, wie auf ihren klugen Kopf, jede Möglichkeit zu erkennen und zu ergreifen.
„Eine tolle Frau..." ,flüsterte ich mir selbst zu. „Gut, dass die Kinder sie haben."
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Spin Off - Grenzen vergessen Levi x Reader
RomanceWer sagt, dass das Schicksal immer gleich ablaufen muss? Wer meint zu wissen, wie sich ein Moment auswirken kann, während ein Andere das ganze Leben in sich verschluckt? Wer weiß schon, was das richtige Ende ist und was vielleicht nur ein Traum war...
