40. Eine Aufgabe

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Lina klemmte ihr Haar hinter ihr Ohr, bevor sie sich angestrengt ins Sofa zurücklehnte. So langsam merkte man ihr den Alkohol an, wobei ich wahrscheinlich einen ähnlichen Eindruck machen musste, begann doch auch für mich die Umgebung leicht zu wanken.

„Trinkt ihr schon wieder...?"

Das war die erste vorwurfsvolle Frage, die Levi stellte, als er den Salon betrat. Seinen Blick weiterhin auf Onyancopon fixiert, schien das Gespräch zwischen den beiden Männern noch nicht beendet. Doch Onyancopon grinste ihn nur von der Seite an, bis er frech meinte:

„Darf ich dir auch ein Glas Wein einschenken?"

Entspannt setzte sich unser guter Freund auf das Sofa gegenüber von mir, bevor er mich ansah. „Aber du bist ja sicher wegen etwas anderem hier, oder Levi?" Onyancopons Lächeln wurde breiter, sodass mir seine Zähne entgegenblitzten. Ein wenig angespannt presste ich meine Lippen zusammen. In die Stille lauschend. Fast schon erwartungsvoll.

Was würde Levi dazu sagen?

Aber er seufzte nur kurz. Mit seinem Stock einige Schritte in den Raum machend, ignorierte er seinen alten Bekannten und schaute zu mir. Zu dieser Frau, die ihm mit geröteten Wangen und glänzenden Augen entgegensah.

Seit er den Raum betreten hatte, ließen meine Augen ihn nicht mehr los, so als wollten sie ihn zu mir führen. Ihn zwingen, seine Aufmerksamkeit nur mir zu geben. Ihn beherrschen.

Ich hörte dieses Verlangen wie ein Flüstern. Ich fühlte es sogar - jetzt durch den Alkohol wahrscheinlich noch stärker als sonst - und ich zweifelte nicht. Also stand ich plötzlich auf, faselte noch flapsig etwas von „wegen mir" und schnappte nach ihm. Seine Hand nehmend, zog ich ihn hinter mir her. Hinaus auf die Terrasse. Dort, wo die frische Herbstluft meine Wangen zu kühlen wusste. Dort, wo wir allein sein konnten. Dort, wo er mir ein wenig überrascht wirkend nun gegenüberstand. Ich musste lächeln.

„Du bist wegen dem Schlüssel hier, oder?" ,fragte ich und sah gleichzeitig an ihm vorbei, um zu erkennen, ob Lina oder Onyancopon uns folgten. Doch wie vermutet, blieben wir allein.

„Nicht nur... Ich hätte dir das aber auch drinnen sagen können" ,meinte Levi, wobei er meine Reaktion scharfsinnig beobachtete, nur um daraufhin ein weiteres Mal zu seufzen. „Wie viel habt ihr eigentlich getrunken? Du leuchtest wie einer dieser scheiß Straßenlaternen..." Seine Hand berührte meine Wangen, bevor er mir eine Strähne aus dem Gesicht strich. Seine Bewegungen sanft, spielten sie eine ganz andere Melodie als mein Körper, dessen Trommelschlag ich in meinem Hirn spürte. Ich sah zum Boden, kurz innehaltend und stöhnte daraufhin leise: „Wohl zu viel." Doch Levi lächelte nur.

„Das brauchst du nicht zugeben. Wenn Onyancopon eins kann, dann ist es einschenken..."

Die Hand nun kurz in seiner Sackotasche verschwindend, holte Levi einen Schlüsselbund hervor. „Bevor wir nur über eurer Gesaufe reden... Hier ist der Schüssel..." ,meinte er dabei. Konzentriert trennte er diesen von den Restlichen und drückte ihn mir in die Hand.

„Danke..."

Wie eine Gabe nahm ich ihn an mich. Dieses kleine Stück Eisen - es war so gewöhnlich und doch so kostbar zugleich. Wie ein Kind, welches ein bunt verpacktes Bonbon bestaunte, betrachtete ich ihn. Das Herz rasend. Nicht wissend, wohin damit, und trotzdem voller Vorfreude ihn zu nutzen.

„Du solltest schlafen, -dN-" , riss mich Levi nun aus meinen Gedanken heraus. Ich nickte. „Hast du morgen außer Ausnüchtern noch etwas vor?" Meine Augen weiteten sich.

„Nein, warum?"

Levi lehnte sich an die Hauswand, während er nun seinen Blick in die Ferne schweifen ließ.

„Ein wenig außerhalb der Stadt gibt es ein Kinderheim. Ich war schon lange nicht mehr dort und sollte mich mal wieder blicken lassen... bevor ich..."

Levi's Worte stockten. Irritiert musterte ich ihn. Er wirkte plötzlich ein wenig nervös. Die Augen bebend, als stünde er einer Gefahr gegenüber. Ich schluckte schwerfällig.

„Alles in Ord..."

„Wir reden später darüber..." ,unterbrach er mich. „Komm morgen einfach zu mir. Ich könnte ein wenig Hilfe beim Transport gebrauchen. Dabei kannst du mich dann wieder ausfragen."

Sein zaghaftes Lächeln kehrte zurück. Erst zögerlich, doch dann immer deutlicher. Mich erwärmend. Vielleicht sogar erregend, gefiel es mir doch so gut an ihm, diesen Mann, der von außen so kühl wirkte, doch innerlich voller Wärme war. Einer Wärme, die er mir in den letzten Tagen immer wieder gezeigt hatte und die ich mittlerweile brauchte, um selbst nicht zu frieren. Ich wollte sie an mich drücken, in sie eintauchen und darin versinken.

Und so griff ich nach ihm - ein weiteres Mal - nur um ihn zu umarmen und sie ein wenig durch meine Bluse hindurch zu spüren. Meine kalte Nasenspitze an seinem Nacken spürte ich wie er Gänsehaut bekam. Ich musste grinsen.

„Du bist kalt... Du solltest reingehen" ,schimpfte er zunächst mit mir. Doch seine Hand strich durch mein Haar über meinen Rücken hinweg. Mich an sich drückend, kurz seufzend, bis er mich auf den Kopf küsste. „Nun geh schon! Ich werde noch etwas mit Onyancopon besprechen und dann auch nach Hause gehen."

Levi drückte mich ein wenig von sich weg, während er mich in Richtung Tür schob.

„Dann bis morgen?" ,fragte ich dabei, seine Entscheidung hinnehmend, denn zu einer wirklichen Diskussion war ich ohnehin nicht in der Lage, spürte ich doch bereits die sich anbahnenden Kopfschmerzen.

„Ja, wir sehen uns morgen."

Mit einem kurzen Wuscheln über meinen Kopf schickte er mich hinein. Seine Hand mich verabschiedend. Sein Blick mich immer noch festhaltend, als er hinzufügte:

„Träum nicht wieder so einen Mist und ruh dich gut aus. Morgen wird es sicher anstrengend."



Spin Off - Grenzen vergessen Levi x ReaderWo Geschichten leben. Entdecke jetzt