36. Uns

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Mein Kopf schmerzte, als ich aufwachte, um zunächst von der Helligkeit geblendet, meine Augen zusammenzukneifen. In mir pulsierte noch immer der Schock. Dieser Anblick meiner eigenen Überreste - er schien in meiner Netzhaut eingebrannt zu sein. Nur langsam verblassend, sodass ich ihn viel zu lange ertragen musste. 

„Verdammt..." ,flüsterte ich. 

Blinzelnd setzte ich mich auf und atmete tief durch. Ein und aus, bis mein Herz zu verstehen begann. Mit meinen Fingern meinen eigenen Körper ertastend, prüfte ich, ob alles in Ordnung sei, bevor die schönen Erinnerungen der letzten Nacht die Sorgen verdrängten. Was auch immer dieser Traum gewesen war - er sollte mich die Nähe zu Levi nicht vergessen lassen, auch wenn ich ihn im Hinterkopf behielt, während ich meine Kleidung suchte. 

Anders als erwartet, fand ich sie aufsammelt und zusammengelegt auf einem der Nachtschränke vor. Ich musste lächeln, während ich mich anzog. Dieses Aufgeräume war wohl einer seiner Angewohnheiten. Einer dieser Dinge, die er nicht lassen wollte oder gar konnte. Ob nun aus Langeweile oder Zwang, das wusste ich nicht, doch ich würde es irgendwann erfahren, so wie ich seine Vergangenheit Stück für Stück erkundete - neugierig, fast schon gierend und doch mich selbst zügelnd, um ihn nicht zu verlieren.

Denn nichts anderes fürchtete ich. 

Eilig ging ich in Richtung Küche, wobei ich mein Haar mit den Händen zu ordnen versuchte. Ich hörte ein Klirren, nahm gleichzeitig den Duft von süßen Kräutern war und musste schmunzeln, hatte es doch etwas willkommen heißendes, fast schon einladendes, Levi am Tisch sitzend zu entdecken. Das Gesicht von einer Zeitung verdeckt, saß er bei einer Tasse Tee an seinem gewohnten Platz - eine zweites Geschirrset bereitstehend, so als hätte er den ganzen Morgen auf mich gewartet. Nur auf mich. Es kribbelte in meiner Brust.

„Guten Morgen" ,sagte ich, als ich den Raum betrat. Immer noch die Finger durch die Haare fahrend, um noch die letzten Strähnen in die richtige Richtung zu streichen, blieb ich vor ihm stehen. Er sah auf. Sein Blick zunächst desinteressiert wirkend, nur um mir im nächsten Moment ein leichtes Lächeln zu schenken. Kurz und doch so kostbar. 

„Bist wohl nicht gerade der frühe Vogel, oder?" ,äußerte Levi und faltete seine Zeitung, welche er daraufhin auf den Tisch warf. „Hast du noch Zeit für eine Tasse Tee?"

Ich nickte. 

„Ja... Gern... Ich habe eh nichts vor." 

Langsam setzte ich mich und beobachtete Levi beim Einschänken. Das Getränk dampfte ein wenig.

„Du scheinst noch gut geschlafen zu haben..."

„Ach... Nicht wirklich... Ich hatte irgend so einen komischen Traum... Frag mich nicht, warum..." ,beschwerte ich mich. Die letzten Worte bereits in meine Tasse murmelnd, doch Levi's Augen weiteten sich kurz, nur um sich danach dem Fenster zuzuwenden.

„Dann habe ich dir wohl doch zu viel zugemutet... ich hätte dir nicht gleich..."

„Levi!" Das Geschirr klirrte auf dem Tisch, als ich es viel zu fest absetzte. „Ich bin froh, dass du es mir erzählt hast... Wirklich... und eigentlich ist da noch was viel wichtigeres..." Breit grinsend sah ich ihm entgegen, sodass Levi mich nun skeptisch ansah.

„Was hast du nun schon wieder?" ,fragte er leise. Sein Ton weder vorwurfsvoll noch zweifelnd, wirkte er fast schon neugierig. 

„Wir sind ein Paar, oder?"

Die Röte auf meinen Wangen - ich spürte, wie sie mein Gesicht ergriff, meinen Kopf beinah zum kochen brachte, doch trotzdem lächelte ich weiterhin, auch wenn mein Herz überfordert schien. Denn ich wusste es: Ich hatte diesen Abend genossen und dieses Gefühl geliebt, zu ihm zu gehören. Ich hatte mich sogar geöffnet, ihm meine Empfindungen offenbart und ihn letztendlich an mich herangeführt. Und ich hatte hierdurch ein Uns geformt - ein Wort, welches nicht einfach verblassen sollte.

Auch wenn ich wusste, dass er nicht ausschließlich aus Lust mit mir geschlafen hatte - denn ich kannte Levi mittlerweile gut genug, um zu erkennen, dass er kein Mann für reine Sexaffären war - wollte ich es hören, vielleicht auch sichergehen, dass es stimmte. Dass er der Meine war. Mein Gefährte. Mein Liebhaber. Mein - diese Idee ließ meine Finger erzittern. 

„Muss man dir alles auf die Nase binden...?" ,fragte Levi seufzend, was ich mit einem energischen Nicken beantwortete. „Dann nenn es wie du willst, -dN-. Ich brauche diese ganzen Bezeichnungen nicht, wenn..." 

Ich schluckte seine Worte mit meinen Lippen. Über den Tisch gelehnt, küsste ich ihn. Mehr noch - ich brachte ihn zum Schweigen, nur um daraufhin in ihn hineinzublicken. In seine Tiefe, die noch immer voller Dunkelheit war. 

„Ich denke, ich werde mich mal gleich auf den Weg machen..." ,seufzte ich, nachdem ich den Kuss beendet hatte und ein wenig verträumt mit den Strähnen seines Haares spielte. Levi beobachtete mich zunächst, stimmte dann jedoch zu.

„Du meinst, bevor Onyancopon dich noch als vermisst meldet?" Ich kicherte. 

„Ja, wahrscheinlich... Ähm, wann würden wir uns denn wiedersehen?" Levis Augen weiteten sich kurz. Unsere Blicke ineinander verflochten, schwiegen wir. Jeder in seinen Gedanken, begleitet von dem Ticken der Uhr, welches immer lauter zu werden schien. Ich schluckte schwerfällig, doch er schien entspannt.

„Ich nehme den Knirpsen oben den Schlüssel ab. Dann kannst du herkommen, wann du es für richtig hältst... Soll ich ihn dir heute Abend vorbeibringen?" 

„Würdest du?" Mein Grinsen kehrte schlagartig zurück.

„Sonst würde ich es nicht sagen... Ich wollte eh noch etwas in der Nähe erledigen" ,erklärte Levi. Sein Gesichtsausdruck wurde ernster. Ihn musternd, lehnte ich mich zurück, um einen letzten Schluck meines Tees zu nehmen und aufzustehen. 

„In Ordnung... Falls noch was ist..." , meinte ich, doch Levi unterbrach mich, wobei er ein Bein über das andere schlug.

„Keine Sorge, du erfährst es noch früh genug." 



Spin Off - Grenzen vergessen Levi x ReaderWo Geschichten leben. Entdecke jetzt