Manchmal glaubt man etwas tun zu müssen, obwohl man sich selbst nicht erklären kann, warum es einem danach verlangt. Manchmal fühlt man etwas, ohne zu erahnen, wie es dazu kommen konnte.
Ich war schon immer eine Frau, die meist als emotional oder gar impulsiv beschrieben wurde. Ich war schon immer die Eine, die nicht zu viel kriegen konnte oder als unzufriedenes Weib abgetan wurde. Ob nun von meinen Lehrern oder meinem Vater – sie alle meinten zu wissen, dass ich mich verändern müsste. Sie alle schienen zu erkennen, dass ich falsch war.
„Du taugst nichts."
Es war einer dieser Sätze, die ich immer wieder Zuhause zu hören bekam. Ein Satz der zunächst wie eine scharfe Klinge in meinem Herzen stach. Doch so öfter ich ihn gehört hatte, desto stumpfer schienen diese Worte zu werden. So öfter ich es ertragen hatte, desto weniger hatte ich es noch bemerkt, wie verletzend sie sein konnten.
Ich hatte mich wahrscheinlich irgendwann an sie gewöhnt, sie einfach hingenommen oder vielleicht sogar als Tatsache abgetan. Als hätte ich mir die Ohren zugehalten, hatte ich dabei nur noch nach vorn geblickt und mein eigenes Ziel verfolgt: Das Militär.
Dort, wo mein Charakter keine Bedeutung hatte, solange ich meine Pflichten erfüllte, hatte ich mich noch etwas wert gefühlt. Dort hatte ich gelebt, wie kaum zu einem anderen Zeitpunkt: Im vollkommenen Einklang mit mir selbst. Und ich hatte mir hier in Marley genommen, was immer ich gewollt hatte. Immer und immer wieder. Jederzeit.
Wahrscheinlich war dies einer der Gründe, warum ich nun vor Levi stand und auf ihn hinabschaute, während er meinen Blick skeptisch erwiderte.
„Wartet..." ,stöhnte ich heraus. Selbst dieser kurze Weg schnürte mir dank des Alkohols den Hals ab.
„Was wollt ihr?"
Weiterhin misstrauisch wirkend, holte Levi Handschuhe hervor. Einen nach den anderen zog er in Ruhe an, während ich erkannte, dass sie an seinen Verletzungen angepasst waren.
„Für was braucht ihr die denn?" , platzte es mir heraus. Es war Sommer und diese Nacht keine Ausnahme mit ihren warmen Temperaturen. Weder eines dieser Jäckchen, die zur Zeit in Mode waren, noch ein Hut oder ähnliches musste man sich in dieser Jahreszeit überziehen, um sich warmzuhalten. Im Gegenteil – manchmal wünschte man sich eher, die Röcke dürften noch kürzer und die Tops noch freizügiger geschnitten sein, um jeden Luftzug zur Abkühlung nutzen zu können.
Levi seufzte nur.
„Ihr habt mir noch nicht meine Frage beantwortet."
Seine Stimme wirkte abweisend. Ich presste meinen Mund kurz zusammen, bevor ich nur meinte:
„Ich dachte, ich kann euch begleiten... Ich muss Richtung Küste und ihr?" Er nickte.
„Ich wohne nicht weit von hier."
Mit gesenktem Blick fuhr er voraus, sodass auch ich losging. Neben ihm herlaufend, faltete ich meine Hände zusammen und beobachtete das Spiel meiner Finger. Wie sie aneinander berührten, ineinander fuhren bis zur Verknotung. Ich lächelte dabei, genoss diese Stille, die nun um uns herum herrschte - vielleicht sogar zwischen uns – und atmete tief ein.
Levi war kein Mann vieler Worte. Ganz anders als Werner schwieg er die meiste Zeit, sodass ich mich selbst wahrnehmen konnte. Ich hörte meine Schritte auf der Straße neben dem Knistern seiner Reifen. Ich fühlte den Wind in meinem Haar, welcher auch das seine streifte. Und ich erschnupperte den Duft von Lavendel, der auf meiner Haut zu kleben schien, um sich mit der Meeresluft zu vermischen. Ein erleichtertes Stöhnen entglitt mir, während ich nun zu ihm herübersah.
Das Licht der elektrischen Laternen spiegelte sich in seinen Augen, die dadurch zu flackern schienen. Er sah starr voraus, wiederholte immer wieder diese Bewegung, die ihn voranbrachte, und wirkte dabei schon fast distanziert. Ob er dieses Dasein hasste, das fragte ich mich plötzlich, als ich erkannte, was für einen resignierten Eindruck er machte. Ob ich solch eine Einschränkung akzeptieren könnte, konnte ich mir nicht beantworten. Immerhin liebte ich es, mich frei zu bewegen, tun zu können, was ich wollte, oder mir dies zumindest einzureden – so wie in dieser Nacht.
„Wie lange schon?" ,kam es mir auf einmal über die Lippen. Das Rollen der Räder verstummte. Levi blieb stehen und sah ein wenig verwundert zu mir. Sein Blick nun konzentriert auf mir verweilend, sagte er:
„Was meint ihr?"
Ich fummelte an meinem Fingernagel und antwortete ihm mit einem Nicken in seine Richtung, sodass seine Augen sich weiteten, bevor er selbst an sich heruntersah.
„Seit dem Tag der Walze... Ich musste noch ein Versprechen einhalten" , seufzte er. Sein Haar fiel ihm ins Gesicht. Ein tiefer Schatten legte sich nun um seine Augen ab, so als wollte er Levi vollkommen erblinden lassen. Kaum noch konnte ich seine Mimik erkennen, doch in meinen Fingerspitzen kitzelte es.
„Was für ein Versprechen...?"
„Ihr wollt viel zu viel wissen..." ,flüsterte er schon fast und sah dabei hinauf zum Himmel. Ich folgte seinem Blick, erkannte zunächst nur Dunkelheit, doch nach einer kurzen Zeit begannen sie einer nach dem anderen aufzutauchen: Sterne. Kleine und große, helle und nur leicht leuchtende – sie alle schmückten gemeinsam die Finsternis und machten sie damit ertragbar. Ich spürte eine Schwere in meiner Brust, so als würden sie mir etwas zuflüstern, erahnte ich doch, dass er von etwas sprach, was nicht mehr war. Von etwas aus seiner Vergangenheit – von Dingen, die ich nur aus Berichten kannte oder Verlusten, die ich nie erleben musste.
Meine Augen suchten Levi ein weiteres Mal auf, nur um plötzlich zu erkennen, welches Schicksal er zu ertragen hatte.
Es war die Einsamkeit.
Wie ein Schatten hing sie an ihm fest, nur um ihn darin einzuhüllen. Ich ging einige Schritte auf ihn zu, so als wollte ich sie damit verdrängen, doch sie ließ ihn nicht los – zumindest nicht jetzt – sondern schien sich nur noch fester an ihn zu klammern. Sein Blick wurde dabei zweifelnd.
„Ihr müsst viele verloren haben...", mutmaßte ich, während ich direkt vor ihm stehen blieb. Levi sah nur müde zu mir herauf.
„Was wollt ihr eigentlich von mir?" ,fragte er leise. Ich schrak auf.
„Ich..."
"Lenkt euch mit etwas anderem von euren Problemen ab. Ich habe schon genug Scheiße erlebt, ich brauche nicht auch noch eure."
Seine Worte stachen in mir. Ich schluckte schwerfällig, doch der Druck in meinem Hals wollte nicht verschwinden. Er saß dort fest, wie die Erkenntnis, wieder einmal nicht richtig gehandelt zu haben. Versagt zu haben oder einfach nur das zu sein, was mein Vater immer gesagt hatte: Ein Tagenichts.
Was auch immer Levi in diesem Moment gemeint hatte, warum auch immer er mir solch einen Vorwurf ins Gesicht geschmettert hatte, es war kaum noch von Bedeutung, war ich doch bereits starr durch meine eigenen Gedanken.
„Entschuldigt..." ,stotterte ich nur noch heraus, um mich bereits wegzudrehen. „Ihr habt recht... Ihr habt keinen Grund, meine Neugierde ertragen zu müssen... Kommt gut nach Hause."
Ohne ihn nochmals anzusehen, ging ich los. Egal wohin – ich lief einfach in die Richtung, in die es mich trieb. Irgendwann würde ich schon in dem Hotel ankommen, in welches ich gehörte: Hinter diese eine Tür, die Werner geschlossen hatte und die auch er wieder öffnen würden, um mir meine Grenzen aufzuzeigen. Vielleicht war genau das mein Schicksal, welches ich nun erkannte und endlich akzeptieren musste. Vielleicht war es einfach nicht fair gewesen, mich davon ablenken zu wollen – vor allem nicht ihm gegenüber, der dafür hergehalten hatte.
Vielleicht – das war alles, was ich noch denken konnte, als ich das Hotelzimmer betrat, um mich schnellstmöglich in meinem Bett zu verkriechen.
„Morgen wird alles wieder wie immer sein..." ,dachte ich dabei. „Ich werde mit Werner frühstücken, mit ihm flanieren und, wenn er es wünscht, den Tag mit ihm verbringen... So wie immer..." ,seufzte ich im Halbschlaf.
„Morgen wird so wie immer..."
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Spin Off - Grenzen vergessen Levi x Reader
RomanceWer sagt, dass das Schicksal immer gleich ablaufen muss? Wer meint zu wissen, wie sich ein Moment auswirken kann, während ein Andere das ganze Leben in sich verschluckt? Wer weiß schon, was das richtige Ende ist und was vielleicht nur ein Traum war...
