„Vier Äpfel bitte, aber ohne Druckstellen. Die schimmeln immer so schnell."
Es war bereits Mittag und der Marktplatz langsam ein wenig leerer geworden. Dennoch – der ein oder andere Kunde verirrte sich noch immer an unseren Stand und kaufte etwas von der Ware, die wir anboten.
„Das macht zwei Taler" ,meinte ich zu der älteren Dame, der ich das bestellte Obst reichte, welches sie lächelnd entgegennahm. Ohne mich wirklich anzuschauen, packte sie die Früchte zu den Flaschen in ihrem Korb, bevor sie mir die geforderten Münzen reichte und ging. Ich bedankte mich.
„Und haben sie noch einen schönen Tag" , fügte ich hinzu.
„-dN, geh ins Lager und hol noch einen Sack mit Rüben!" ,wies mich Horst an, als die Dame gegangen und die Taler in dem dafür vorgesehenen Kästchen gelandet waren. Ich nickte.
„Noch etwas?"
„Nein, aber beeil dich! Die Dinger laufn heute wie von selbst."
Augenblicklich drückte mir der Marktschreier seinen Schlüssel in die Hand, während er sich bereits einem weiteren Kunden zuwandte. Ich spurtete los.
Ja, ich musste es zugeben: Diese Arbeit war anstrengend und ich so etwas kaum mehr gewohnt. Die Sonne brannte nun bereits auf der Haut, die Kunden wollten schnell bedient werden und auch das Tragen der Säcke – ich holte nun zum dritten Mal Nachschub – strapazierte meinen Körper. Nichts der letzten zwei Jahre hatte mir so viel abverlangt und dennoch musste ich lächeln, als ich das Lager aufschloss, denn der Schmerz in meinen Muskeln sagte mir, dass ich noch gut genug für dieses Leben war.
Eilig schnappte ich mir einen großen Sack aus der Ecke und füllte ihn mit den weißen Rüben, die leicht süßlich dufteten, bis es mir genug erschien. Mit einem Stöhnen hob ich ihn an, sodass er über meiner Schulter auf meinem Rücken lag und trug ihn heraus. Lager schließen und auf zum Markt – das klang leichter, als es war.
„Ist das schwer..." ,seufzte ich, wobei ich die Gasse und damit den kühlenden Schatten verließ. Wie die letzten Tage war es auch heute unglaublich heiß. Ich hatte das Gefühl, die Luft bebte vor Hitze und auch der Asphalt schien bereits dahinzuschmelzen. Ein unangenehmer Duft hing gleichzeitig in der Stadt, dessen Bewohner der Sonne lieber auswichen, indem sie sich in ihre Häuser zurückzogen.
„Puh..."
Mit einem Ruck wechselte ich die Seite, über welcher der Sack auf meinem Rücken hing, während ich bemerkte, wie zwei junge Männer tobend über den Gehweg liefen.
„Aus dem Weg!" ,forderten sie dabei. Ich sah sie verdutzt an, erkannte, wie sie auf mich zu rannten und versuchte ein wenig zur Seite zu gehen.
„Vorsicht!" ,rief ich dabei aus, aber es war bereits zu spät. Die beiden Buben rammten mich mit voller Kraft.
Zunächst knallte es. Dann stach es in meinem Kopf, doch ich blickte nur zu dem Sack voller Rüben, welcher zur Seite flog. Wie ich fiel auch er zu Boden und verteilte das Gemüse dabei auf dem Bürgersteig.
„Hättet ihr nicht aufpassen können?"
Mein Herz raste. Hier und da schmerzte es, doch ich dachte nur daran, schnellstmöglich zum Marktstand zu kommen. Immerhin wollte ich Horst von mir überzeugen, um diese Anstellung zu behalten und Onyancopon für seine Hilfe zu bezahlen. Also griff ich kriechend nach dem halbvollen Beutel und ignorierte einfach das Pochen an meiner Stirn. Es war sicher nichts mehr, als ein kleiner Kratzer, der auch später behandelt werden konnte.
Ich sah mich um. Die paar Menschen, die nun noch unterwegs waren, schienen mir weder beim Aufstehen noch beim Aufsammeln meiner Ware helfen zu wollen. Sie alle gingen an mir vorbei, einige machten sogar einen Bogen um mich, wobei sie zur Straße oder in das Schaufenster vor mir sahen. Enttäuscht senkte ich meinen Blick, doch was hatte ich anderes erwartet? Schließlich war ich nun nichts mehr als eine gewöhnliche Hilfsarbeiterin und somit am unteren Ende dieser Gesellschaft angelangt. Ich musste mir somit selbst helfen.
Mit zusammengepressten Lippen begann ich eine Rübe nach der anderen aufzusammeln, nachdem ich sie kurz auf Schaden geprüft hatte. Ich schmollte dabei, griff zwischen die an mir vorbeilaufenden Menschen und seufzte hin und wieder, war meine Laune doch zum wiederholten Male auf dem Tiefstand gelandet.
„Was für ein Mist..." ,grummelte ich, bevor ich zusammenzuckend ein kleines, weißes Tuch vor mir entdeckte. Ganz plötzlich wurde es mir vor das Gesicht gehalten, als wollte man es mir förmlich aufzwingen. Doch ich sah nur auf.
„Eure Schläfe..."
Levi streckte sich ein wenig vor, sodass er fast von seinem Rollstuhl zu fallen schien. Seine Augen wirkten ernst, während er mich konzentriert anschaute. Es brachte meine Wangen zum Glühen, doch gleichzeitig erinnerte mich sein Anblick daran, wie unser letztes Treffen abgelaufen war, sodass es in meiner Brust schwer wurde.
„Danke..." ,flüsterte ich schon fast, als ich nach dem Tuch griff. Mit meiner Hand tastete ich meine Stirn ab, bis ich ein wenig Feuchtigkeit spürte, um daraufhin den Stoff an diese Stelle zu drücken. Ich blutete anscheint. „Was für ein Zufall, dass ihr hier wart" ,fügte ich nun abweisend hinzu. Warum musste gerade er mich hier so auffinden?
Sich zurücklehnend, beobachtete mich Levi kurz, bevor er antwortete, so als würde er kurz innehalten, um zu entscheiden, was er sagen wollte.
„Man hat euch die ganze Straße rauf schreien hören..." ,warf er ein. Er sah kurz zu meinem Sack in der Hand, sowie zu den paar Rüben, die immer noch auf dem Boden verteilt lagen, bevor er seinen Rollstuhl etwas zurechtdrehte, um einige davon aufzuheben. „Was macht ihr hier?" ,fragte er dabei, doch ich sah ihm nur zu: Wie er sich mit Mühe herunterbeugte, nur um mir zu helfen. Dieses Unterfangen wirkte nicht einfach, doch er tat es, als sei es selbstverständlich.
Angestrengt stand ich auf, bevor ich ihm meinen Beutel entgegenhielt.
„Ich arbeite, was sonst?"
„Ihr wirktet auf mich nicht wie eine Marktschreierin."
„Nein,... Aber irgendwo muss man ja neu anfangen" ,seufzte ich.
Mein Helfer packte die restlichen Rüben zu den anderen, die Hände danach bereits wieder an den Rädern seines Rollstuhles anliegend, so als mache er sich bereit, loszufahren. Er wartete und schwieg. Diese Stille zwischen uns – sie wirkte bedrückend, sodass meine Gedanken zu kreisen begangen.
"Und vielleicht ist es ja Schicksal" ,fügte ich noch hinzu, während sich mir die Erinnerung an meinen Traum von jenem Tag, als ich Werner am Steg zurückließ, aufdrängte. Doch Levi sah mich nur verwundert an, bis ihm ein leises Seufzen entglitt.
"Hätten wir auf Paradies an so einen Mist geglaubt, würden wir noch heute gegen diese verdammten Mauern starren und darauf warten, bis uns so ein scheiß Vieh in seinem Rachen schmeißt" ,meinte er spöttisch, doch sein Blick war plötzlich verändert. Tiefe Schatten legten sich um seine Augen ab, die nun fast schon müde wirkten. In meiner Brust wurde es schwer, hatte ich mir doch eine ganz andere Antwort gewünscht, um mich über die letzten Wochen hinwegzutrösten. Denn war es nicht so schön einfach, daran zu glauben, in einer festgesetzten Spirale der Ereignisse geklammert zu sein, um sich selbst vorzumachen, nichts an dem Leid dieser Welt - und wenn es nur das eigene war - ändern zu können?
Ich sah zu meiner Hand, an welcher nun seit mehreren Wochen der Ring fehlte, der mir jahrelang jeden Morgen dieses Schicksal vorgegaukelt hatte, und musste lächeln.
"Ihr habt Recht..." ,sagte ich dabei leise, während ich mich wieder ihm zuwandte.
Seine Augen weiteten sichkurz. Die Dunkelheit aus seinem Gesicht verschwindend, offenbarte sie mir dieEinsicht auf das, was er in seinem Leben wohl immer mit sich herumgetragenhatte:
Hoffnung.
Sie glänzte in dem Blau seiner Augen vor sich hin, selbst wenn eines von ihnenerblindet war, und ließ es in meiner Brust kribbeln. Mitzusammengepressten Lippen beobachtete ich es – vielleicht sogar genoss ich es –nur um mich darin zu verlieren. Keinen Gedanken mehr fassend, stand ich nun da,die Zeit vergessend, bis er mich mit seiner Frage zurückholte.
„Wohin müsst ihr?"
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Spin Off - Grenzen vergessen Levi x Reader
RomanceWer sagt, dass das Schicksal immer gleich ablaufen muss? Wer meint zu wissen, wie sich ein Moment auswirken kann, während ein Andere das ganze Leben in sich verschluckt? Wer weiß schon, was das richtige Ende ist und was vielleicht nur ein Traum war...
