Langsam gingen wir auf dem Steg entlang. Die Möwen sangen ihr Lied, während das Meer leise vor sich hin rauschte. Es war eine Melodie, die mich im Gegensatz zu den Ereignissen im Dinner beruhigte, denn es klang wie die Weiten dieser Welt. Diese Weiten, die in diesem Moment nach uns zu rufen schienen.
Immer wieder sah ich zu Levi, der konzentriert mit Hilfe seines Gehstockes einen Schritt nach dem anderen tat, ohne sich über die Schwierigkeiten unseres Spazierganges zu beklagen. Die Sonne ließ die Luft um ihn herum erleuchten, tauchte sie doch selbst seine Haut in einen zarten Orangeton, während sein schwarzes Haar das Licht förmlich verschluckte. Meine Hände ergriffen einander, als ich bemerkte, dass ich ihn wieder einmal anstarrte, um mir sein Sein in die Augen einzubrennen. So als wollte ich diesen Anblick nie mehr vergessen, tastete mein Blick seinen Körper ab. Ich errötete dabei, doch war es mir schon fast egal. Er wusste doch ohnehin bereits, was ich über ihn dachte, nachdem wir beide von Onyancopon in das Restaurant gelockt worden waren - daran gab es keinen Zweifel.
„Heute ist es hier besonders schön..." ,meinte ich, als wir an das Ende des Steges angelangt waren. Ich schaute der Sonne entgegen, die nun langsam ins Meer einzutauchen schien. Ihr Spiegelbild funkelte uns dabei vom Horizont aus entgegen.
„Ich war schon lange nicht mehr hier" ,seufzte Levi nun. Auch er blickte ins Licht. Seine Augen leicht zusammenkneifend, so als würde er versuchen, Paradies in der Ferne zu entdecken. Meine Schultern schienen sich plötzlich zusammenzuziehen, als ich daran dachte, dass wir diesem Land nun direkt gegenüberstanden. Hunderte Kilometer lag es von uns entfernt und doch hatte ich das Gefühl, sie würden ebenfalls zu uns herüberblicken - wartend bis der nächste Zug nötig wäre, um der Welt ein Angebot zu machen oder sie doch nur ein weiteres Mal herauszufordern. Ich schluckte schwerfällig.
Ein weiterer Krieg würde nur noch mehr Leid für die Eldia bedeuten, ob hier oder dort auf der Insel, die einst die Titanen hervorgebracht hatte. Diese Titanen, die mich damals in die Flucht geschlagen hatten. Meine Hände ballten sich zu Fäusten.
„Du denkst zu viel nach..." , meinte Levi leise, nachdem er sich zu mir gedreht hatte. Seine eine Hand auf dem Gelände des Steges ruhend, sah er mich konzentriert an. Als wollte er mich zum Reden auffordern, wartete er, bis ich es einfach tat. Und ich sagte es - ich beichtete es vielleicht sogar - dieses Erlebnis, welches mich seit damals nicht mehr losließ:
„Statt mich den Titanen zu stellen, bin ich am Tag der Walze mit meiner Kameradin geflohen. Wir haben die Schreie gehört. Die Hilferufe. Und doch sind wir einfach nur weitergefahren. Niemanden haben wir gerettet. Noch nicht mal die deines Volkes, die schon so lange hinter den Mauern wie Gefangene gelebt hatten... Noch nicht mal die Kinder..."
Ich lauschte meinem eigenen Stottern, wobei mein Blick am Boden festhing. Tief durchatmend, wartete ich kurz, um daraufhin hinzuzufügen: „Seit diesem Tag habe ich das Gefühl, ich bin zu nichts zu gebrauchen...Ich kann nur noch daran denken, versagt zu haben, und ich verabscheue das. Ich hasse es sogar... und mich... So sehr, dass es eine Zeit gab, in der mir alles egal war. Selbst die Hochzeit mit Werner... Komisch, oder?"
Ich musste schmunzeln. Egal, was Levi nun in diesem Moment von mir dachte, ihm dies alles zu sagen, tat mir auf eine unerklärliche Weise gut. Ich hob den Kopf ein wenig an, ließ die letzten Sonnenstrahlen dieses Tages mein Gesicht erwärmen, und lauschte ein weiteres Mal in die Ferne. So als würden sie wie ich auf Levis Antwort warten, waren auch die Möwen verstummt. So als würde die ganze Welt ihm lauschen wollen, schien selbst das Meer plötzlich zur Ruhe zu kommen. Doch Levi sagte kein Wort.
Nicht ein einziges Wort.
„Ich..."
Es war seine Hand, die mich unterbrach. Mir über den Kopf streichend, blickte er mich nahezu emotionslos an. Kein Entsetzen, keine Wut und auch kein Mitleid war in seinen Augen zu erkennen. Ich presste meinen Mund zusammen, als ich bemerkte, wie er es einfach hinnahm, mir immer noch durch das Haar wuschelnd, so als sei es seine Art, jemanden zu trösten.
„Dubist nicht die Einzige, die weggerannt ist, -dN-. Manchmal hat man keine andereWahl als andere hinter sich zu lassen", erklärte er.
„Das sagst du so einfach... Du hast doch selbst..." , faselte ich, bis er plötzlichseine Hand zurückzog.
„Ich habe mehr zurückgelassen, als du dir vorstellen kannst... Und wir habengetötet, selbst in unseren eigenen Reihen. Es geht nicht darum, das Richtige zutun. Es geht nur darum, es nicht zu bereuen."
Levi seufzte leise, bevor er sich an das Geländer lehnte. Den Kopf leicht inden Nacken fallen lassend, sah er zu den Möwen hinauf, die über uns ihreletzten Kreise zogen, bis sein Blick zu mir schweifte. Es kribbelte in meinemBauch, auch wenn mich seine Worte nicht zufriedenstellen konnten, hatte siemich von meinen Selbstzweifeln doch nicht befreien können. Aber was hatte icherwartet?
„Ich glaube, ich werde es immer bereuen..." flüsterte ich, während ich einenSchritt auf ihn zuging und damit den Abstand zwischen uns verringerte. MeinHerz schlug wie wild, als ich erkannte, dass er nicht wegsah, auch wenn ich denAusdruck seiner Augen nicht zu deuten vermochte. Fast schon unsicher rieb ichmeine Finger aneinander. Beinah ängstlich griff ich nach meinem Haar, um eineSträhne hinter mein Ohr zu klemmen.
„Levi...?" ,sagte ich leise, als die Nacht nun nach uns griff. Es war der Wind,der mich von hinten anstupste. Immer stärker, so als wollte er mir zeigen,wohin ich gehörte. Ich lächelte verlegen.
Ja, in diesem Moment verlangte es mir nach Trost. Nach diesem Gefühl, gehaltenzu werden, um sich fallen zu lassen oder gar sich selbst vergessen zu können. Dochaus irgendeinem Grund wagte ich es nicht, es mir einfach zu nehmen. Ichzögerte, dabei schien er doch nur darauf zu warten, dass ich nach ihm griff. Soals wüsste er, wonach mir war.
„Was?" , fragte er plötzlich. Seine Stimme war ruhig und doch brachte sie meineWangen zum Glühen. „Traust du dich nicht?"
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Spin Off - Grenzen vergessen Levi x Reader
Storie d'amoreWer sagt, dass das Schicksal immer gleich ablaufen muss? Wer meint zu wissen, wie sich ein Moment auswirken kann, während ein Andere das ganze Leben in sich verschluckt? Wer weiß schon, was das richtige Ende ist und was vielleicht nur ein Traum war...
