Entspannt schritt ich durch die Gassen der Stadt, verfolgt von den Schatten der Wolken, die immer wieder das Licht zu brechen versuchten. Es war bereits Nachmittag. Einige Arbeiter kamen mir entgegen. Sie stammten vom Hafen, der um diese Uhrzeit seinen Schichtwechsel durchführte. Jetzt, wenn die meisten Schiffe in See stachen, um die Stege für die Passagierschiffe freizuräumen, herrschte ein reges Treiben, ob nun hier inmitten der Straßen oder am oder auf dem Meer. Diese Stadt florierte.
Ich lächelte. Und ich tat es die ganze Zeit.
Weder die kühle Luft noch die genervten Blicke der Leute, konnten mir diese Laune nehmen, fühlte ich doch noch immer dieses Kribbeln in meinem Bauch, welches Levi dort hinterlassen hatte. Seinen Duft noch immer in meiner Nase. Seine Stimme noch immer in meinem Geist. Seine Berührungen in meiner Seele. Ich dachte nur an ihn, als ich in die Hauptstraße abbog und das Viertel der Eldia verließ, um daraufhin Richtung Marktplatz zu gehen.
Geblendet von der Sonne nahm ich kaum meine Umgebung war, versank ich viel lieber in diesen Gefühlen, die mich durchflossen. Ich ließ mich treiben. Fort. Immer weiter. Bis eine mir bekannte Stimme mich mit Gewalt zurückholte:
„Habe ich dich endlich gefunden, -dN" , rief sie. Ich zuckte zusammen, blickte dabei in diese grünen Augen, die mich ernst anstarrten. Diesen Ausdruck kannte ich seit meiner Kindheit.
„Wo bist du die ganze Zeit gewesen?" ,schimpfte sie nun weiter. Unaufhaltsam. Und doch merkte ich ein Stocken in ihrer Stimme.
„Lina?" ,kam es mir nur über die Lippen, wobei ich sie kurz musterte.
Wie immer war meine langjährige Freundin eine Augenweide. Ihr schwarzes Haar zu einem seitlichen Zopf gebunden. Der weiße Hut perfekt passend zu ihrem Leinenkleid, welches gemeinsam mit ihrem grauen Mantel Falten im Wind schlug. Nicht nur mein Blick war es, der an ihr hängen blieb, wenn mir auch gleichwohl ein paar leichte Falten auf ihrer Stirn auffielen. Wir waren eben beide keine Zwanzig mehr und selbst auf ihr - der Frau, die durch ihr Aussehen sicherlich ans Theater hätte gehen können - hatte die Zeit ihre Spuren hinterlassen.
„Was machst du denn hier?" ,platzte es mir nach kurzem Überlegen heraus. Lina holte tief Luft.
„Ich habe dich gesucht, -dN-. Wir machen uns Sorgen" ,erklärte sie, wobei sie ihren Hut abnahm und sich umsah. „Wollen wir einen Kaffee trinken? Hier auf der Straße ist das doch fast schon peinlich." Ihr Unterton wirkte genervt.
„Ach so... Ja, komm! Kennst du noch das alte Café Rolf? Das gibt es noch. Da könnten wir hin." Lina nickte. Sie lächelte sogar, als wir losgingen. Geschwind zeigte ich ihr den Weg, den sie längst vergessen hatte.
Der urige Laden an der Ecke wirkte wie aus einer vergangenen Zeit. Die Möbel fast schon veraltetet, so als hätten sie auf uns gewartet. Ich musste schmunzeln als wir am Tisch direkt am Eingang Platz nahmen. Es war genau diese Stelle gewesen, die wir einige Male genutzt hatten, um zwei Kommandanten Marleys bei ihrem gewohnten Frühstück zu beobachten oder gar zu belauschen. Viele Informationen hatten wir hier gesammelt. Viele Geheimnisse in Erfahrung gebracht, bis es uns genug schien und wir uns in unserer Wohnung ausgetauscht und Berichte verfassen hatten. Marleys Intrigen - sie waren ein Spiel mit dem Feuer gewesen. Unser Spiel. Doch es hätte auch anders ausgehen können. Für sie. Für mich. Für uns alle.
Ganz anders.
„Einen Milchkaffee bitte!" ,bestellte Lina bei dem Kellner, welcher recht zügig an unseren Tisch herantrat.
„Für mich ebenfalls."
Der Herr verbeugte sich kurz und verschwand daraufhin in einem kleinen Nebenraum, sodass Lina und ich uns nun ansahen. Sie seufzte laut. Ihre Hand in der Manteltasche verschwindend, holte sie ein kleines silbernes Kästchen hervor, welches sie gekonnt öffnete. Zögerlich sah sie dabei hinein, so als würde sie die Zigarillos darin zählen, bevor sie mir eine anbot.
„Willst du auch eine?" Sie hielt mir die Schatulle wie einen Schatz hin, welcher mich schon fast durch seinen Glanz blendete.
„Ja, gern."
Lina gab mir und sich Feuer, bevor sie sich auf ihre glühende Lösung konzentrierte. Wie für einen Moment aus dieser Welt herausgetreten, wirkte sie dabei plötzlich. Den Rauch tief in sich einziehend, seufzend, genießend. Ich sah es ihr an. Die letzten Wochen mussten nicht die einfachsten für sie gewesen sein, rauchte sie doch besonders in schwierigen Situationen immer auffällig intensiv. So wie jetzt, als sie endlich das Wort ergriff:
„Ich habe dich gesucht, -dN-. Drei Mal darfst du raten, wer mich schick", meckerte sie, bevor sie ein weiteres Mal an ihrer Zigarillo zog. Der Duft von Vanille eroberte langsam den gesamten Raum. „Und das derjenige nicht gerade erfreut ist, brauche ich wohl auch nicht zu sagen."
„Wer? Werner?" ,fragte ich nun nach. Auch Ich inhalierte den Qualm, ließ ihn in meiner Brust brennen, bis ich ihn genervt herauspustete, nur um zu bemerken, dass mir ein Glas Wein in dieser Situation lieber gewesen wäre.
„Der auch, -dN-. Aber der schickt mich nicht. Sondern dein Vater. Er will eine Erklärung. Eigentlich sogar deine Rückkehr, aber was weiß ich." Die Augen meiner Freundin starrten mich fragend an.
„Was meinst du...?"
„Warum bist du hier geblieben? Ich habe schon so oft darüber nachgedacht und ich verstehe es nicht. Du hast doch alles in der Heimat..." ,erzählte sie nun. Beinah verkündend betonte sie dabei ihre Worte, sodass es in mir zu beben begann. Erst mein Herz, dann mein gesamter Körper - so als wollte alles in mir schreien, doch ich schüttelte nur den Kopf.
„Du hast doch keine Ahnung..." stöhnte ich, kurz bevor uns der Kellner unterbrach.
„Die Damen, zwei Milchkaffee" ,rief er aus. Beide sahen wir auf und nickten ihm zu. Beide griffen wir bereits an das Porzellan, nur um die andere dabei zu beobachten, wie sie es einem gleichtat. Diese eine, mit der man vor Jahren jedes Schicksal geteilt hätte, und der man nun schon fast nicht mehr trauen wollte.
Fast schon wie nach einer Rechtfertigung suchend, blickte ich mich um, bis ich genervt bemerkte, wie sein Gesicht in meinen Gedanken zu erscheinen versuchte: Werner - er griff nach mir, auch wenn er meinen Vater und meine beste Freundin vorausgeschickt hatte. Dieser Typ ließ mich nicht los. Es schnürte mir den Hals zu.
„Nein, vielleicht nicht..." ,murmelte Lina nun und riss mich damit aus meinen Gedanken heraus. „Aber du doch genauso wenig... -dN-."
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Spin Off - Grenzen vergessen Levi x Reader
RomanceWer sagt, dass das Schicksal immer gleich ablaufen muss? Wer meint zu wissen, wie sich ein Moment auswirken kann, während ein Andere das ganze Leben in sich verschluckt? Wer weiß schon, was das richtige Ende ist und was vielleicht nur ein Traum war...
