Kapitel 24

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Die Tage sind bis gestern wie im Flug vergangen

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Die Tage sind bis gestern wie im Flug vergangen. Gestern war die Bestattung. Seitdem fühlten sich zehn Minuten wie eine ganze Stunde an. Wie viele Tage inzwischen vergangen waren, wusste ich nicht. Ich hatte nach dem Tag vier Tage frei bekommen. Es war nicht selbstverständlich, in meinem Beruf Sonderurlaub zu erhalten, schon gar nicht in dieser Menge. Doch mir wurde sogar angeboten, eine ganze Woche oder länger zu Hause zu bleiben, wenn ich es für nötig hielt.

Mein Handy war seit der Bestattung auf Flugmodus. Ich wollte mit niemandem reden. Vorübergehend hatte ich meine Akten an Selma übergeben, falls es ein Problem geben sollte. Meine Mandanten konnten mich im Notfall erreichen. Doch eigentlich hatte ich nur einen Mandanten, der mich beschäftigte, Alper.

Ich hatte die Decke über den Kopf gezogen. Die Jalousien waren unten. Ich hatte mich gehen lassen, als wäre ich in einem Loch gefangen, als hätte jemand ein Stück meines Leibs herausgerissen. Wenn der Tod in ein Haus eindrang, tötete er auch einen Teil der Überlebenden. Jemand, der zusah, wie eine geliebte Person vor den eigenen Augen auf einem Bett aus dem Abschiedsraum geschoben wurde, wusste am besten, was das bedeutete.

Ich fühlte mich allein. Ich konnte nicht für meine Familie da sein. Nicht einmal meinen jüngeren Bruder konnte ich beim Trauern unterstützen. Ich konnte nicht mal für mich selbst sorgen. Tränen liefen mir über die Wangen.

Ich hatte unzählige Erinnerungen an meinen Vater. Seine Nummer war noch in meinem Kontaktverzeichnis gespeichert, als könnte ich ihn jeden Moment anrufen. Wenn ich seine Stimme vermisste, sah ich mir Videos an, in denen er sprach. Die alten Nachrichten, die er mir geschrieben hatte, konnte ich nicht löschen.

Meine Mutter zwang mich jeden Morgen aufzustehen und zu frühstücken. Aber das, was wir taten, konnte man nicht wirklich Frühstück nennen. Der eine spielte mit der Gabel, der andere rührte mit dem Löffel in der Tasse, bis sich der Zucker längst aufgelöst hatte. Ich starrte auf den leeren Platz. Während ich den Tisch deckte, erwischte ich mich jedes Mal aufs Neue dabei, wie ich ein weiteres Besteck hinlegte – für ihn. Doch dann bemerkte ich es. Es war leer.

Es tat immer wieder weh, zu sehen, dass er von uns gegangen war.

Die einzige Person, die tatsächlich aß, war meine Mutter. Diese Frau hatte seit jenem Tag keine einzige Träne vor uns vergossen. Ich beneidete sie. Sie blieb für uns stark und versuchte uns so gut es ging beizustehen. Aber wie wohl ihre Nächte vergingen? Voller Tränen, Sorgen und Verzweiflung.

Sehnsucht nach einem Verstorbenen war eines der hilflosesten Gefühle der Welt. Noch vor einer Woche hätte ich das nicht verstehen können. Alles im Leben war irgendwie ersetzbar, außer ein Mensch, der fort war.

Erst nach dem Tod meines Vaters wurde mir wirklich klar, wie undankbar wir Menschen waren.

Ein ganz normales Sofa spielte eigentlich eine so wichtige Rolle in meinem Leben, doch ich hatte es nie bemerkt. Menschen, deren Vater gesund war, die ihn auf dem Sofa sitzen sahen, wie er lächelnd eine Fernbedienung in der Hand hielt. Sie waren im Grunde die glücklichsten Menschen der Welt. Ich bereute es, früher nie an seinem Fußende gesessen zu haben, als er noch lebte. Ich vermisste es, ihn auf die Wange zu küssen.

𝐒𝐞𝐞𝐥𝐞𝐧𝐬𝐜𝐡𝐦𝐞𝐫𝐳Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt