Intelligenz

4 1 0
                                        

Konfabulieren:

Ich hatte mal wieder eine nette Unterhaltung mit einer KI, als ich mit einer Internetsuche - mal wieder - nicht weiter gekommen bin. Einziger Kritikpunkt ist das, was Informatiker und Mathematikerinnen als 'Halluzinieren' bezeichnen. Ich finde den Ausdruck etwas unglücklich und würde eher den Begriff 'Konfabulieren' vorschlagen.

Ich bin genau einem Patienten begegnet, mit dem sich bei mir für immer 'Konfabulieren' verbindet. Es war ein Patient, der nach langem Alkohol-Missbrauch das so genannte Korsakow-Syndrom entwickelt hatte und dazu gehört 'Konfabulieren'. Das heißt, sein Hirn, dem ein großer Teil der Erinnerungen an eigene Erfahrungen und Beobachtungen verloren gegangen ist und das vieles nicht über mehr als ein paar Stunden behalten kann, erfindet schlicht im Gehen eine passende Geschichte, um sich seine Situation zu erklären.

Alle anderen konnten sehen, dass er keine Ahnung hat und sich an tausend Dinge, an die sie sich sicher erinnern, nicht erinnern kann, und darum einfach eine Geschichte erfindet, die ihm hilft, irgendwie zu funktionieren.

Dieses Phänomen, das ich mir allein anhand des theoretischen Unterrichts kaum vorstellen konnte, wurde plötzlich vor meinen Augen und Ohren lebendig. Die umfassenden Zerstörungen durch Alkohol, die sich im Korsakow-Syndrom sammeln, zeigen sich am deutlichsten im Symptom des 'Konfabulierens'. Das bedeutet aber auch, dass die Funktion des Geschichten-Erfindens eine sehr frühe und tief verankerte Funktion ist, die zu den letzten Funktionen gehört, die ausfallen.

Was mich die Krankheitslehre nicht lehrte, zeigten mir Beobachtungen und Erfahrungen, die durch diese Begegnung angeregt wurden: Wir alle konfabulieren, ein großer Anteil unserer täglichen Äußerungen ist von Elementen des 'Konfabulierens' durchsetzt und durchdrungen, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß.

Es ist, genau betrachtet, eine der Grundfunktionen des Nervensystems. Denn das Nervensystem wird ständig bombardiert mit unvollständigen und unstimmigen Daten. Es bemüht sich, daraus Konzepte und Erzählungen zu entwickeln, die ihm helfen, geeignete Handlungen abzuleiten. Das versuchte auch mein Patient. Seine Erinnerungen waren unvollständig. Also ergänzte sein System sie freizügig mit allem, was es finden konnte.

Alltag:

Das Nervensystem gewinnt Daten aus der Umwelt, versucht, sie zu interpretieren und darauf angemessen zu reagieren. Das passiert im Alltag ständig auf allen Ebenen und funktioniert erstaunlich gut. Wenn wir bedenken, dass jede noch so einfache Wahrnehmung oder Bewegung auf der automatischen, super schnellen Analyse von oft unvollständigen Daten beruht und dass jede geringfügige Abweichung in der Einschätzung der physikalischen Gegebenheiten zu Unfällen führen kann, dann ist die Bilanz dieses grundlegenden Systems erstaunlich gut.

Allerdings gibt es systemintern auch so etwas wie Selbstkorrekturen. Damit machte ich meine ersten Erfahrungen, als ich feststellte, dass ganz gewöhnliche Erwachsene ohne Einwirkung von Drogen im Stande sind, in einem Diktat ein unbekanntes Wort korrekt zu hören und dann beim Schreiben durch ein bekanntes zu ersetzen und fest davon überzeugt zu sein, dass das das gehörte Wort ist. Ich sage etwas mehr dazu im Kapitel 'Vernetzte, Selbstorganisierende Systeme'.

Selbstkorrekturen:

Selbstkorrekturen finden ständig statt. Sie sind für unser Nervensystem schlicht Alltag. Wenn wir zum Beispiel unseren Kopf schief halten, dann kommen die Bilder aus unserer Umwelt eigentlich schief bei uns an. Eine Kamera gibt solche Bilder konsequent schief wieder. Aber unser Nervensystem nimmt wahr, dass unser Kopf geneigt ist, weiß aus langer Erfahrung, dass die Welt da draußen nicht schief ist, zerlegt die gelieferten Bilder, gleicht sie mit anderen Daten aus Gegenwart und Vergangenheit, inklusive der anderen Sinne, ab und setzt sie - mit einiger Wahrscheinlichkeit - korrekt wieder zusammen. Das ist am Ende das, was wir bewusst sehen.

Die Fülle des Lebens Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt