Ich weiß nicht, ob ich diese Nacht überstehe. Vielleicht, vielleicht nicht.
Die Luft ist karastrophal. Sie beißt meine Schleimhäute. Das Fenster hilft nicht. Es ist immer so: Etwas hilft - für kurze Zeit. Dann ist Schluss. Dann wird es schlimmer statt besser. Die Atemmaske hilft - ein bisschen. Die Schleimhäute hören auf, total zu schreien. Aber das Atmen wird mühsam.
Ich würde dies Buch gerne zu Ende bringen. Es gibt soo viel zu erzählen. Ich fang gerade erst an. Doch ich weiß nicht, ob mir diese Chance geschenkt wird. Wenn mein Erzählen morgen oder in einigen Tagen abbricht, dann bin ich nicht mehr - oder ich kann nicht mehr.
Es ist nicht meine Entscheidung. Ich tue nichts, um irgend ein Ende herbei zu führen. Aber meine Kapazitäten sind so elend begrenzt. Ich kann jeden Tag nur aus einem kleinen Menü an Möglichkeiten wählen, was mein Nervensystem mir anbietet, was es für machbar hält. Und auch das, was gerade machbar ist, ist nicht in beliebigen Mengen verfügbar. Also wähle ich, was am besten geht und am meisten bringt.
Ich nehme bewusst seit vielen Jahren so gut wie nie Alkohol zu mir. Ich kann mir das gelegentlich in kleinen Mengen leisten. Aber es reizt mich nicht mehr. Es gibt gewöhnlich keinen Kaffee, keinen schwarzen oder grünen Tee und erst recht nichts von den anderen Substanzen, von denen andere begeistert sind. Mit Nikotin hab ich vor Ewigkeiten experimentiert - und es sein gelassen. Die einzigen Drogen, die nach wie vor vorkommen, sind Zucker - in kleinen Mengen - und Schokolade - in der besten organischen Qualität, die ich finden kann. Sonst nichts.
Auch Medikamente hab ich mir selten zugelegt und selten für kurze Zeit gebraucht. Dennoch: Mein Nervensystem sagt, es geht ihm nicht gut. Mein Kopf segelt am Rand eines Schmerzes, den ich lang nicht mehr erlebt habe. Meine angeschliffenen vitalen Zähne erzählen von möglichem Schmerz. Mein Körperstamm war zwischendurch ziemlich hoch geheizt. Und alles, was sonst hilft, schwierige Lagen zumindest einigermaßen aufzugleisen, greift kurz.
Ich habe mehr Flüssigkeit zu mir genommen als sonst. Der Körper hat sich abgekühlt. Zwischendurch gab es Bibbern und Zittern. Doch dann hat das Nervensystem den neuen Zielwert akzeptiert.
Die Situation ist besser, aber nicht gut. Ich steh und geh unsicher, halte mich auf dem Weg etwas fest, mach langsam. Und eine Zeit lang an diesem Abend konnte ich, so oft ich auch zur Toilette ging, mein Wasser nicht vollständig halten. Das ist ein bekanntes Phänomen. Es ist in den letzten Jahren immer dann aufgetreten, wenn es meinem Nervensystem auf eine ganz spezifische Art nicht gut geht. Wenn die Beeinträchtigung des Nervensystems aufhört, verschwindet auch das Phänomen.
Ich schreibe diese Sätze, weil ich nicht weiß, was wird. Ich möchte, dass diejenigen, die meine Geschichten mögen, wissen: Wenn ich plötzlich aufhöre zu schreiben, dann nicht aus einer Laune, sondern weil mein Nervensystem nicht mehr kann. Ich hoffe, dieser Fall tritt nicht ein und ich kann mit euch noch viele schöne Stunden verbringen und viele spannende Entdeckungen machen. Aber ich weiß einfach nicht, was kommt.
Im Moment bin ich müde. Aber ich kann nicht schlafen. Denn schlafen in einer solchen Situation ist tödlich. Das überlebe ich nicht. Also ordne ich, was ich kann und warte, was kommt.
Erneut:
Ich gehe inzwischen davon aus, dass ich sterben werde. Nicht sofort - auch wenn das nicht komplett auszuschließen ist.
Die Luft hat den Zustand katastrophal weit überschritten und mein Körper reagiert spontan mit brutalem Reizhusten, der erst wirklich aufhört, wenn die Luft etwas erträglicher wird. Auch Atemmaske und Hustenbonbons helfen nur bedingt. Körper und Nervensystem machen höflich darauf aufmerksam, dass diese Situation auf die Dauer nicht überlebbar ist.
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Die Fülle des Lebens
Non-FictionEigentlich wollte ich nur eine Mail schreiben. Doch die wurde zu lang und niemals abgeschickt. Ich wollte einem Bekannten, mit dem ich vor Monaten über Nachhaltigkeit und Entfremdung gesprochen hatte, berichten, welcher stetige Strom an Gedanken aus...
