"Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.", ist ein Spruch, der Luther zugeschrieben wurde. Er trat in der Zeit der Krankenpflege-Ausbildung in mein Leben und war dann Grundlage für ein Gespräch, das ich mit einer unheilbar kranken Krebs-Patientin führte, als sie noch ziemlich gut beisammen war.
Ich habe in der Erinnerung nicht den Eindruck, dass meine Argumente damals bei meinem Gegenüber ankamen. Denn ich hatte außer dem Spruch nichts anzubieten. Es gab in mir keine Sprache für das, was ich damals undeutlich und in Anfängen empfand.
Heute würde ich das so formulieren: Wir sind zum Leben hin geschaffen. Und das Leben fließt uns, wenn wir es nicht blockieren, bis zum letzten Atemzug zu, ganz, unvermindert. Die Fülle des Lebens begehrt Einlass - auch in der größten Not.
Luther?
Stammt der Spruch überhaupt von Martin Luther? Ich schau nach und sehe, er hat einen eigenen Wikipedia Artikel. Dort steht, dass er 1944 erstmals bei der bekennenden Kirche nachgewiesen ist und dann in der Nachkriegszeit Karriere gemacht hat. Ein Mensch, der alle überlieferten Texte von Luther durchsucht hat, sowohl direkte Schriften von Luther als auch mündliche Äußerungen, die von anderen aufgezeichnet wurden, hat das Zitat nirgends gefunden.
Die bekennende Kirche war der Teil der evangelischen Kirche, der sich in Opposition zum NS-System befand, mit entsprechender Verfolgung und etlichen Märtyrer, einer von ihnen Dietrich Bonhoeffer, während der Rest der Kirche sich offiziell der Ideologie der 'Deutschen Kirche' hingab, mit einem blonden, blauäugigen Jesus, der zusammen mit David als "Arier" angesehen wurde, und einer Bibel, die auf Neues Testament und Psalmen zusammen geschrumpft wurde.
Von dem blonden, blauäugigen Jesus hab ich als Kind zuerst von meiner Mutter gehört, als ich sie nach einem Bild in unserem Flur fragte. Später erzählte sie mir keine solchen Geschichten mehr. Denn meine Fragen wurden immer nerviger. Ich weiß nicht mehr genau, ob ich sie gefragt habe, wie sie dazu gekommen ist, dass Jesus kein Jude war. Ich erinnere mich nur, wie sie mir erklärte, dass David ein "Arier" gewesen sei und so auch sein Nachfahre Jesus. Sie hatte dafür eine Herleitung, die beweisen sollte, dass David ein "Arier" war, aber diese Herleitung hab ich vergessen.
Heute erscheint mir die ganze Argumentation merkwürdig, denn laut dem Zeugnis der Bibel stammt Jesus allein von seiner Mutter Miriam von Nazareth ab, die mit David nichts zu tun hatte, und nicht von Josef, der als Nachfahre Davids galt. Und selbst, wenn David ein "Arier" gewesen sein sollte und Josef an der Entstehung von Jesus beteiligt gewesen wäre, stünden zwischen David und Jesus so viele Generationen mit potenziell jüdischen Müttern, dass David genetisch kaum noch eine Rolle spielt.
Bilder:
Eine andere Spur fand sich nach dem Tod meiner Mutter auf dem Dachboden. Es war offensichtlich eine Bildersammlung von einem Großonkel, von dem ich nur den Namen, ein paar Bilder und ein paar mentale Miniaturen kannte. Er war einer von 2 kinderlosen amgeheirateten Onkels, die über 2 Generationen verteilt in ihrer Freizeit mit der Kamera herum liefen.
Auf einem Bild sieht man einen Mann vor einer Wand stehen, wo aus Bierdeckeln ein Hakenkreuz aufgetragen ist. Er salutiert, steht stramm, grüßt? Hier wird die Erinnerung ungenau.
In einem - unvollständigen - 4er Streifen mit Dias find ich den Bezug zwischen Jesus, Luther und Hitler. Die Leute haben Hitler für ihren Messias gehalten, der ihnen das tausendjährige Reich bringt, wo das Schicksal der Menschheit sich zum Guten wendet. Dass dies 'tausendjährige Reich' auf Totenschädeln aufgebaut ist, hat sie nicht interessiert.
Und mitten drin meine Mutter - als Kind, als Jugendliche. Sie war Jahrgang 23, also 9 bis 10 Jahre alt, als Hitler die Macht zugespielt wurde. Sie, die zuweilen wie eine Fremde aussah, wie eine Exotin mit ihren damals noch dicken braunen Haaren, ihren grün-braunen Augen und der zuweilen Milchkaffee oder Schokoladen braunen Haut, wenn ein gewisses, nicht allzu großes Maß an Sonne dazu kam. Sie erzählte mir begeistert von dem blonden, blauäugigen, "arischen" Jesus, der in anderer Version als Jesus im Garten Gethsemane in voller Breite über ihrem Ehebett hing. Diese Widersprüche im Denken und Verhalten meiner Mutter haben sich mir - ähnlich wie bei vielen anderen auch - nie vollständig erschlossen.
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Die Fülle des Lebens
Non-FictionEigentlich wollte ich nur eine Mail schreiben. Doch die wurde zu lang und niemals abgeschickt. Ich wollte einem Bekannten, mit dem ich vor Monaten über Nachhaltigkeit und Entfremdung gesprochen hatte, berichten, welcher stetige Strom an Gedanken aus...
