Lebewohl

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Als es an Bilbos Tür klopfte, wusste er, dass dies nicht Thorin sein konnte. Denn der Hobbit hatte ihm ja gesagt, er brauche nicht zu klopfen.

Seit ihrem Wiedersehen hatte Bilbo jeden Tag damit verbracht, an ihre Begegnung zu denken. An Thorins Worte, an seinen knappen Abschied und die Brosche, welche der Halbling von nun an immer an seiner Jacke trug. Jeden Tag hielt er Ausschau nach einem Brief oder einem Schatten, der durchs Auenland streifen könnte. Doch nie fand Bilbo etwas anderes vor als Luft und Leere.

Bereit, sich einen neuen Spruch auszudenken, der ihn vor seinen Nachbarn retten konnte, öffnete der Hobbit die Tür. Zu Bilbos Überraschung musste er aufschauen, um das Gesicht des Gastes erkennen zu können.

»Guten Tag«, erklang ihre feine, helle Stimme. Lange, braune Haare zierten ihre Schultern. Grün und strahlend wie Smaragde waren ihre Augen, das Kleid aus funkelnder Seide.

»Guten Tag. Kennen wir uns?« Aus einer weißen Blässe lächelte die Elbin.

»Ja, Bilbo Beutlin, wir kennen uns. Mein Name ist Kyria.« Die Kyria! Sie war Teil seiner Geschichte – Die Elbin aus Valinor.

Von Erkenntnis geplagt, bat der Hobbit die Elbin herein.

»Einen Tee?«, fragte er verzweifelt. Daraufhin schüttelte sie überraschenderweise mit dem Kopf.

»Ich bin hier, um dir etwas zu zeigen. Lass uns gehen.« Stumm folgte Bilbo der mysteriösen Elbin. Obgleich keine Erinnerung an die Geschichte bestand, war es ihm tatsächlich, als hätte er sie bereits in einem Traum gesehen. Einem langen, verschütteten Traum, ohne Hoffnung auf Rückkehr.

Kyria blickte nicht zurück. Sie wandelte auf schwachen Beinen. Wie schwach ihre Schritte waren, ließ sie sich allerdings nicht anmerken. Mit aller Mühe holte Bilbo sie ein und stammelte aufgeregt:

»Ich weiß, wer du bist! Du bist der Grund für den Wandel der Geschichte! Der Grund, warum Kili, Fili und«, beim Aussprechen seines Namens zögerte Bilbo, »Thorin am Leben sind! Dir verdanke ich alles!«

Kyrias Schritte verlangsamten sich. Aus gerührten Augen sah sie den, im Vergleich zu ihr, kleinen Hobbit an und lächelte.

»Dies, mein lieber Bilbo, ist der Grund, aus dem ich hier bin. Es ist an der Zeit, dass du die ganze Wahrheit erfährst.«

Die ganze Wahrheit? Da wurde dem einstigen Abenteurer doch mulmig zumute. Sie spazierten weit durch das Auenland, den Hügel hinunter, vorbei an den hohen Stoppelfeldern, bis zu dem Waldstück, in welchem Bilbo einst sein Taschentuch vergessen hatte. Doch Kyria schlug anders als sonst einen großen Bogen, der nach links statt nach rechts führte. Hier hatte der kleine Hobbit als Kind einst gespielt, so getan, als wäre er ein Held, der mit Elben reiste und gegen Orks kämpfte.

Die warme Frühlingsluft war erfüllt von Nostalgie und Aufregung, aber auch Schwere. Sie kamen an einer fremden Abzweigung an. Dann legte die Elbin beide Hände ineinander und senkte den Kopf.

»Es ist schön, dich wiederzusehen, Bilbo Beutlin. Nach einer solch langen Zeit.«

Unsicher verschränkte der Hobbit die Arme und trat langsam näher. Sie waren umringt von hohen Eichenbäumen mit breiten Baumstämmen. Mindestens fünfhundert Jahre standen sie hier bereits. Kyria begann zu erzählen:

»Ich erinnere mich noch ganz genau daran, wie wir uns zum ersten Mal begegnet sind. In Valinor. Nie hätte ich ahnen können, dass wir einst hier stehen würden.«

Kam es ihm nur so vor, oder schimmerten Kyrias Augen trüb? Erst jetzt bemerkte Bilbo, dass dunkelblaue Ringe unter ihren Augenrändern lagen.

»Du sagst, ich hätte das Schicksal verändert, doch dem ist nicht so. Ich hatte den Arkenstein, ich habe seine Kraft aktiviert; aber du hast die Welt verändert – du allein hast den anderen das Leben gerettet.«

A Second Chance | Bagginshield Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt