Kapitel 9 - Ein letztes Mal

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Meine Mutter parkt das Auto und schaltet den Motor aus. Schweigend sitzen wir im Auto. Ein Blick aus dem Fenster verrät mir, dass wir die einzigen auf dem Parkplatz sind. Die Anderen scheinen noch nicht da zu sein.

„Sollen wir schon vorgehen?" frage ich sie. Sie schweigt als Antwort. Es ist kalt draußen. Mir ist warm hier drinnen. Neben uns parken die beiden Autos von unseren Verwandten. Unsere engsten Verwandten. Wir steigen aus und umarmen jeden als Begrüßung. Mein Onkel drückt jedem von uns eine weiße Lilie in die Hand.

Gemeinsam gehen wir zu dem Gebäude, um den vorletzten Schritt zu beschreiten. Vor dem Eingang angekommen, lese ich auf einem Schild die Namen derer, von denen man sich heute verabschiedet. Ganz oben steht eine Dame, ganz unten ein Herr. In der Mitte lese ich ihren Namen.

Den Namen meiner Großmutter. Ich muss zugeben, dass er auf Deutsch geschrieben mir komisch und unwirklich vorkommt. Fast so, als wäre es nicht sie, von der wir jetzt Abschied nehmen. Mir wird wärmer. Mir wird unwohler, je mehr wir uns dem Eingang nähern. Im Foyer sagt meine Tante dem Bestatter, wer wir sind. Er scheint zu wissen, zu wem wir wollen. Er sagt uns, wo der Raum liegt und überlässt es uns, wann wir uns dorthin begeben.

Nach und nach gehen wir dem Raum näher.
Je näher wir dem Raum kommen, desto näher komme ich meiner Mutter und greife nach ihrer Hand. Sie sieht mich kurz an und drückt sie. Ich betrete fast als letzte den Raum und ich versuche nicht meinen Blick auf sie zu legen. Ich will sie nicht sehen. Ich bin nur hier, weil es meiner Mutter wichtig ist. Weil ich es mir nicht verzeihen könnte, wenn ich jetzt nicht hier sein würde.

Letztlich fällt mein Blick doch noch auf sie. Sie trägt weiß. Sieht ganz so aus, als wäre sie in einem ihrer Nachthemden. Dennoch wirkt es fremd an ihr. Aber sie sieht gut darin aus.

Es überrascht mich wie friedlich sie aussieht. Als sie verstorben war, sah sie so schmerzerfüllt aus. Doch jetzt wirkt sie ausgeruht. Ganz so, als würde sie gleich ihre Augen öffnen und uns alle anlächeln. Das Wissen trifft mich hart, dass sie hier nicht nur zum Schlafen liegt. Tränen laufen an meinen Wangen runter und ich drücke mich an meine Mutter.

Sie bewundert mich, dass ich weinen kann – denn sie kann es nicht. Es schmerzt mich, dass zu wissen. Ich drücke sie ganz fest an mich – um ihr so zu zeigen, dass ich mit ihr fühle, dass ich an ihrer Seite bin, dass sie nicht alleine ist, dass ich sie liebe. 

Das waren mit Abstand die schwierigsten 400 Wörter bisher - ich hoffe, dass Schreiben hilft beim Verarbeitungsprozess.

Ich danke der Oktoberfrau, die das Novembermädchen zu dem gemacht hat, was ich heute bin. 

Eure Saoirse

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