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22/09/25 neue Version

Ich war ein schwieriges Kind. Die Minute, als ich geboren wurde, habe ich geschrien und geweint. Meine Mutter meinte das mich nichts beruhigen konnte. Nicht mal die Stimme von ihr oder Vater. Sie waren so verzweifelt, da ich nur zur Ruhe kam, wenn ich vom ganzen Schreien ohnmächtig wurde und einschlief. Sie haben nach Wochen entdeckt, dass das einzige was mich beruhigte das Rauschen der Wellen war. So entschieden sie sich, dass mein Zimmer, das sein wurde, wo die größten Fenster sind und den schnellsten Zugang zum Meer habe, damit ich das sanfte Platschen der Wellen am Strand hören konnte. 

So stand ich neunzehn Jahre später wieder am Fenster und ließ meinen Blick stundenlang über das tiefblaue Wasser schweifen. Manchmal vergaß ich, die Augen kurz zu schließen, und das Brennen darin war die einzige Erinnerung daran, dass dass ich die Lider manchmal senken und mich aus meiner Erstarrung lösen musste. Zu nervös war ich.

Ich sah, wie die Sonne wie gestern im Horizont verschwand und nach Stunden das Land wieder erhellte. Das Meer kam in der Nacht zur Ruhe, doch mit dem ersten Licht des Tages wurde es erneut lebendig und sein Rauschen drang durch die Fenster. Es war das letzte Mal, dass ich in diesem Zimmer das Meer beobachten konnte.

Vielleicht war ich nicht die Einzige, die kein Auge zubekam und die ganze Nacht wach war. So sehr ich mich auch bemühte, die Nervosität wog schwerer als die Müdigkeit. Nervosität hätte ich mir gewünscht, doch was ich empfand, war stärker. Es war die Angst vor dem Unbekannten. Jahrelang war ich auf diesen Tag vorbereitet worden, doch trotz der Geschichten meiner Eltern und all der Bücher über das Ritual blieb in mir das Gefühl, als wäre ich noch immer nicht bereit.

Ich hasste Veränderungen. Schon immer. Ich fand Trost in dem, was mir vertraut war. Das waren meine Eltern, meine Geschwister Cosimo und Mariella und meine beste Freundin Liora. Es war mein Zimmer, mein Rückzugsort, an dem ich frei war, alles zu tun, wonach mir der Sinn stand. Mein Blick folgte den Wellen und landete schließlich auf dem unvollendeten Bild in der Ecke. Die zarten Linien ließen erahnen, dass es die vier Elemente darstellen sollte. Doch nur Erde und Luft waren zum Leben erweckt. Wasser und Feuer blieben Schatten, die noch darauf warteten, Gestalt anzunehmen. 

Ich hörte die sanfte Stimme meiner Mutter, die nach uns rief. Vor meinem inneren Auge sah ich sie bereits in der Küche stehen, wie sie zum letzten Mal unser Frühstück zubereitete – natürlich mit einem Lächeln im Gesicht, das ihre Sorge überdecken sollte.

Unser letztes gemeinsames Frühstück.

Schon gestern beim Abendessen lag eine bedrückte Stimmung über uns. Niemand wollte es offen zugeben. Cosimo versuchte mit ein paar lockeren Sprüchen die Schwere zu vertreiben, und obwohl niemandem wirklich zum Lachen zumute war, zwangen sich unsere Eltern bei einigen seiner Witze zu einem Lächeln. Mein Bruder wusste, dass ich nicht in der Stimmung dafür war, und ich hasste es, so zu tun, als wäre alles in Ordnung, wenn es das nicht war.

Mariella hingegen war wohl die Einzige, die sich wirklich auf den heutigen Tag freute. Ehrlich gesagt zählte sie die Tage, seit sie verstand, was die Zeremonie bedeutete. Schon als Kind hatte sie mit leuchtenden Augen zugehört, wenn unsere Eltern von ihrer eigenen Zeremonie sprachen. Seitdem träumte sie davon, endlich erwachsen zu werden und ihren Partner zu finden.

Seufzend setzte ich mich auf und warf einen letzten Blick aus dem Fenster. In Gedanken verabschiedete ich mich vom Wasser und den Wellen, als wären sie alte Freunde, die mich all die Jahre begleitet hatten.

Wir, die Wasserbändiger, auch Aqualionen genannt, lebten seit jeher am Meer. Dort, wo wir dem Wasser am nächsten waren, fühlten wir uns stärker denn je. So hatten es zumindest unsere Vorfahren entschieden, damals, in den Zeiten des Krieges.

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