Und bis wir den kurzen Weg in die Klinik gefahren waren, hatte ich gleich noch drei weitere Wehen; die Kleine legte ordentlich Tempo zu. Ich quälte mich aus dem Auto und warf Nele noch einen dankbaren Blick zu, bevor ich im Schneckentempo in Richtung Klinikgebäude watschelte. „Danke fürs Fahren", hörte ich Wincent noch sagen, bevor er bei mir ankam. Er öffnete die Tür vor mir, als schon wieder die nächste Wehe kam. „Fuck", fluchte ich und krallte mich in Wincents Arm. Er war völlig überfordert, dass sah ich in seinem Blick, aber darauf konnte ich gerade keine Rücksicht nehmen, ich war genug mit mir selbst beschäftigt. „Gehts wieder?", fragte Wincent fürsorglich, als sich mein Atem wieder beruhigt hatte. Ich nickte und ging dann die wenigen Meter zum Fahrstuhl. Wir schwiegen uns die ganze Zeit an, während wir in den vierten Stock fuhren, erst als die Tür aufging, sah ich Wincent an. Er war echt nervös. „Wir schaffen das schon", flüsterte ich und strich ihm durch die Haare. Ein schiefes Lächeln huschte über sein Gesicht. „Ich liebe dich.", sagte er und drückte mir einen Kuss auf die Lippen, den ich so gar nicht genießen konnte, weil schon wieder die nächste Wehe kam. Wenn die Hebamme mir jetzt noch sagt, dass das nur Übungswehen sind, schrei ich. Wincent klingelte an der Kreißsaaltür und nur wenige Momente später öffnete uns eine junge Hebamme die Tür. Unbewusst atmete ich auf- ich hatte schon Schiss an so eine alte, verbitterte, kurz-vor-der-Rente-stehende weise Frau zu geraten. Aber Merle war so ziemlich das Gegenteil davon. Sie war sicher nicht viel älter als ich, aber sie strahlte diese Ruhe aus, die mich sofort runter brachte. Ich war gut aufgehoben hier. Sie untersuchte mich und hängte mich anschließend an den Herztonschreiber. Wincent saß in der Ecke und beobachte das ganze Geschehen mit Argusaugen, dass mir bloß niemand etwas Unrechtes tat. „Drei Zentimeter, das ist doch super", säuselte Merle, „ich melde euch an und solange schauen wir mal, wie es dem Baby so geht. Was wird es denn?". Wincent beantwortete stolz Merles Frage, während ich bemüht war zu lächeln. „Drei Zentimeter? Ernsthaft?", brummelte ich, als wir wieder alleine waren. Wincent sah mich irritiert an. „Das ist doch super, hat Merle gesagt", meinte er und ich rollte nur mit den Augen. Er musste ja diese Schmerzen nicht aushalten. „Das heißt noch mindestens sieben Stunden", stöhnte ich. So eine Scheiße! Und schon wieder überkam mich die nächste Wehe. Erst jetzt rutschte Wincent auf seinem Stuhl zu mir ran und nahm meine Hand. „Wir schaffen das schon.", wiederholte er meine Worte von vorhin. Da ich wirklich noch am Anfang der Geburt stand, schickte uns Merle nochmal spazieren. Mittlerweile war es nach Mitternacht und das Haus still und dunkel. Irgendwie hatte es schon auch etwas Magisches, das musste ich zugeben. Unser erster Weg führte uns in die Cafeteria, Wincent brauchte eine Cola und ich irgendwas Süßes. Das hatte wir im Eifer des Gefechts glatt Zuhause vergessen. Ich stopfte mir drei Snickers in den Mund, dann starteten wir unsere Tour durchs Krankenhaus. Wir gingen jede erdenkliche Treppe auf und ab, ich musste irgendwas tun, aktiv sein, um diese Schmerzen irgendwie aushalten zu können. Wincent trottete mir hinterher und massierte mir den Rücken, wenn mal wieder eine Wehe kam. Ich weiß gar nicht, ob wir irgendwas miteinander gesprochen haben, aber ich glaube nicht. Ich wollte nicht reden und er wollte wohl nichts falsch machen. Aber er unterstützte mich trotzdem, wo er konnte, und ich war ihm so dankbar für all das. Als ich mal wieder über dem Treppengeländer hing, um die nächste Wehe zu veratmen, strich er mir sanft über den Kopf. „Du machst das so großartig,", flüsterte er und küsste mich auf den Kopf, „ich bin so stolz auf dich". Ich lächelte ihn an. „Auch wenn ich dich grad ein bisschen hierfür hasse, liebe ich dich", erwiderte ich und kuschelte mich an seine Brust. Ich brauchte für einen kurzen Moment seine Nähe und seine Stärke, um Kraft zu schöpfen. Wir waren mittlerweile zwei Stunden unterwegs und langsam aber sicher verließ mich meine Kraft. „Komm wir gehen zurück, Merle muss noch etwas anderes für uns haben.", meinte Wincent und nahm meine Hand. Er wusste, was ich brauchte, ohne dass ich etwas sagte. „Ihr ward lange weg, sehr gut", begrüßte uns Merle und zeigte uns unser Zimmer für die Nacht. Obwohl wir ja in einem Krankenhaus waren, sah das in diesem Raum nicht so danach aus. Der ganze Raum war in sanftes orangefarbenes Licht getaucht und es lief sowas wie Meditationsmusik- normalerweise war das ja null mein Fall, aber gerade konnte ich mir nichts Schöneres vorstellen. Die große Badewanne in der Ecke des Raumes ließ mein Herz höher schlagen. „Oh, darf ich bitte baden?", fragte ich Merle und sie nickte nur. Es dauerte ewig, bis die riesige Wanne gefüllt war, aber so lange tingelte ich in unserem Kreißsaal einfach auf und ab. Das warme Wasser war mein Lichtblick und als ich endlich drin saß, konnte ich mich sofort entspannen. „Das tut soooo gut.", flüsterte ich und schloss meine Augen und ließ mich tiefer ins Wasser sinken. Jede Wehe fühlte sich weniger schlimm an und ich schöpfte neue Kraft- so konnte ich das die verbleibenden Stunden locker durchhalten. Ich griff nach Wincents Hand, die auf dem Wannenrand lag und sofort schaute er mich an. Er kämpfte langsam mit der Müdigkeit, das sah ich sofort. „Mach doch kurz die Augen zu, ich komm klar.", lächelte ich ihn an. Er schüttelte sich. „Ne, Quatsch, alles gut, ich hol mir nur kurz nen Kaffee.", sagte er und quälte sich aus seinem Sessel. Ich griff wieder fester nach seiner Hand und sah ihn bittend an. „Setz dich wieder da hin und mach die Augen zu.", befahl ich ihm, „Ich mach das auch. Und ich wecke dich, versprochen!" Er würde die Kraft noch brauchen und gerade kam ich gut mit mir zurecht. Und mit Sicherheit fielen auch mir die Augen gelegentlich zu. „Okay.", murmelte er und ließ sich tief in den Sessel sinken. „Aber du sagst mir Bescheid.", wiederholte er meine Worte und sah mich eindringlich an. „Mach ich.", flüsterte ich und dann schloss er endlich seine Augen. Und ich meine wohl auch. Ich hörte nur, dass Merle ab und an zu uns reinschaute und mir Wasser hinstellte. Sie hörte die Herztöne unserer Kleinen ab, aber so wie die sich bewegte, war ich mir sicher, dass alles gut war. Ich hatte überhaupt kein Gefühl für Raum und Zeit mehr, so bei mir war ich. Mich störte nicht mal Wincents leises Schnarchen, was mich die letzten Nächte immer tierisch aufgeregt hatte. Irgendwann spürte ich wie ein Knacken in meinem Bauch und die Wehe, die danach kam, war anders als alle bisherigen. „Fuck", fluchte ich und klingelte nach Merle, bevor ich versuchte Wincent zu wecken.
DU LIEST GERADE
Zwischen Dir und Mir // Wincent Weiss Fanfiction
ФанфикшнEin Knall. Meine Welt begann sich zu drehen und ich hörte Shayenne meinen Namen schreien. Ich hielt mir die Hand an den Bauch und fiel langsam zu Boden. Danach stoppte meine Welt und alles war schwarz. STOP! Dies ist die Fortsetzung meines Buches "...
