KAPITEL 32

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Luc

In den Tagen nach Silvester war Liv nicht mehr dieselbe. Etwas –  jemand hatte ihr das Herz aus der Brust gerissen und sie vollkommen niedergeschlagen und traurig zurückgelassen. Und obwohl ich es hasste, sie so leiden zu sehen, und genau wusste, wer schuld an ihrem Leid war, konnte ich mich nicht aufraffen, um Ashley Thompson aufzusuchen und ihr in ihren verdammten Hintern zu treten für die Scheiße, die sie Liv mit ihrem plötzlichen Untertauchen angetan hatte. Doch der Grund für meine Unfähigkeit, für meine Freundin dazu sein, war ziemlich simpel und genau das, was jeder von mir erwartete: ich war ein egoistisches, mitleidsloses Arschloch, das es nicht schaffte, seine eigene Scheiße in den Griff zu bekommen. Es war auch der Grund dafür, warum ich mich in den Tagen nach Silvester immer mehr von Liv zurückzog, mich verschloss und meistens irgendwo in meinem beschissenen Kopf festhing, wenn Liv und ich uns doch trafen. Meine Laune war fast jeden Tag an meinem absoluten Tiefpunkt angelangt, sodass ich mich immer wieder fragte, wie Liv dieses Arschloch-Verhalten von mir aushielt. So oft ich konnte, verschanzte ich mich mit Newton oder Jackson im Fitnessstudio und schlug so lange auf einen Boxsack ein, bis meine Hände sich selbst durch die Boxhandschuhe wund und geschwollen anfühlten. Dabei redete ich nie ein Wort und blockte jeden Versuch von Newton, mit mir zu reden, ab. Denn seit mein Kopf realisiert hatte, dass der Termin, der mir seit Monaten Übelkeit bereitete, immer näher rückte, wollte ich nicht reden. Nicht mit Liv oder Phoebe und schon gar nicht mit Newton. Nur Dexter ließ mich in Ruhe, weil er genau wusste, was für eine Scheiße mir bevorstand. Und da war er der Einzige. Mein bester Freund war der Einzige, der wusste, dass mein Treffen mit Dads Geschäftspartner und bestem Freund Greyson Diaz bevorstand, um über meine verdammte Zukunft in Dads und Greysons Baufirma zu reden. Noch am selben Tag, an dem ich von diesem Termin erfahren hatte, hatte ich Dex davon erzählt.

Dieser Tag war nun fünf Monate her. Fünf Monate, in denen ich Liv von nichts erzählt hatte, obwohl sich die Gelegenheit dazu längst geboten hatte. Aber ich brachte es einfach nicht über mich, ihr von dieser Scheiße zu erzählen, weil es einfach ein lächerliches Problem war, im Gegensatz zu denen, die sie hatte. Ja, ich hasste mein Studium und tat all das nur, weil ich es Dad schuldig war, nachdem meine Dummheit ihn getötet hatte. Ja, ich hatte nie Bauingenieurwesen studieren wollen, sondern Tiermedizin, um wie Livs Dad eines Tages Tierarzt zu werden, weil ich die Arbeit mit den Tieren liebte, aber wie viele Menschen bekamen schon das, was sie wollten? So funktionierte das Leben nicht, schon gar nicht meins, also behielt ich es für mich. Seltsamerweise hatte Liv mich nie nach meinem Studium gefragt, seit wir wieder offiziell zusammen waren. Ich hatte keine Ahnung, ob sie es deswegen nicht getan hatte, weil sie damals, als sie auf Newtons Willkommensparty unabsichtlich in meinem Zimmer gelandet war, die Tiermedizinbücher in meinem Regal gesehen und sich so automatisch erschlossen hatte, dass ich Tiermedizin studierte. Vielleicht aber hatte Liv auch nie den richtigen Zeitpunkt dafür gesehen oder wusste längst von Chase, mit dem ich zu meinem Leidwesen einige gemeinsame Kurse hatte, dass ich nicht Tiermedizin studierte. Im Endeffekt war es mir auch egal, weil es mir die Konfrontation mit diesem Thema ersparte. Ich hasste mein Studium und war deswegen nicht gerade scharf auf tiefsinnige Gespräche zum Thema Studieren. Und Liv war nun einmal nicht der Typ für oberflächliche Gespräche, was ich immer besonders an ihr geliebt hatte. Doch in diesem Fall konnte ich gut auf eines ihrer tiefsinnigen Gespräche verzichten, was wieder einmal das egoistische Arschloch in mir hervorbrachte.

Deswegen erzählte ich ihr nichts von dem Termin mit Greyson und Liv fragte nicht nach, weil sie ausnahmsweise viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt war, nachdem Ashley untergetaucht war. So kam es, dass ich eine Woche nach Ende der Semesterferien und einen Tag vor Livs Geburtstag zusammen mit Dex, der nicht locker gelassen und mich schließlich begleitet hatte, vor dem riesigen Gebäude von Winston & Diaz Constructions stand und wie versteinert durch die gläserne Fensterfront starrte, durch die sich die weitläufige Eingangshalle sehen ließ. Unseren Nachnamen auf dem verdammten Gebäude zu lesen, brachte Erinnerungen in mir hervor, die ich am liebsten vergessen hätte. Als Kind hatte Dad mich und Phoebe oft mit hergenommen, manchmal auch Liv. Dann waren wir durch die großen Gänge gerannt und hatten verstecken gespielt, was uns oftmals Ärger eingebracht hatte, weil die Firma nun einmal kein verfluchter Kinderspielplatz war. Doch wenn Dad uns mit bösen Blick bedacht hatte, nachdem wir irgendeinen Mist angestellt hatten, war es Greyson gewesen, der uns jedes Mal verschwörerisch zugezwinkert hatte. Greyson kannte Phoebe und mich schon unser ganzes Leben lang, genauso wie Liv und ihren Bruder James. Ich erinnerte mich an Abende voller Geschichten aus der gemeinsamen Schulzeit von meinem Dad, Livs Dad Jonah und Greyson. Doch das war alles längst Vergangenheit, weil Dad tot war. Und nun stand ich vor diesem verdammten Gebäude und konnte kaum noch atmen, so schwer war der Stein, der auf meiner Brustkorb lag.

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