Kapitel 15 - Nie so stark

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Geschockt schaue ich hinter Harry her. So schnell wie er aus der Wohnung geht, beinahe rennt kann man gar nicht schauen. Nichts als ein Windzug bleibt da. Er ist weg. Sein Schatten, seine Silhouette ist nicht mehr zu sehen. Er entfernt sich von mir.

Stark zucke ich zusammen, als die Türe mit einem lauten Knall zufliegt. Ein unheimlicher Schmerz zieht sich auf einmal durch meinen Körper.

Er ist weg. Einfach weg.

Ist einfach gegangen. Hat mich verlassen. Lässt mich hier alleine zurück. Gebrochen. Verlassen. Alleine. Verletzt. Verzweifelt. Schwanger.

Ich will das er zurück kommt.
Ich will, dass er mir sagt, dass alles wieder gut wird.
Ich will von ihm hören, dass er mich liebt.
Ich will von ihm fest in den Arm genommen werden.
Ich will, dass er meine Tränen weg wischt.
Ich will, dass er mir beisteht und mir den Rücken stärkt.
Ich will wissen, ob er wirklich denkt, dass es leicht für mich ist unser Kind zu töten?
Ich will, dass er dabei ist und mir die Hand hält.
Ich will, dass er mich danach fest in den Arm nimmt.

Aber wann passiert einmal das, was man wirklich will? Wann geschieht einmal alles so, wie man sich das vorstellt?

Mein Herz zieht sich brutal zusammen, als ich wieder vor Augen habe wie enttäuscht und verletzt er mich angesehen hat. Seine Augen haben den Schmerz nur so ausgestrahlt. Es tut mir im Herzen weh, ihn so zu sehen. Er hat im Prinzip doppelt verloren. Mich und unser Kind. Ich wäre jeder Zeit bereit ihm zu verzeihen. Ich wäre glücklich, wenn er mich zurück will. Wenn er mich noch liebt. Unser Kind wird er nicht zurück bekommen, nicht kennenlernen. Genauso wenig wie ich.

Meine Lunge macht es mir unmöglich normal zu atmen. Meine Beine zittern und verlieren den halt. Ich klappe wie eine instabile Puppe einfach in mich zusammen. Äußerlich wie auch innerlich.

Verzweifelt kralle, wenn auch erfolglos meine Finger in den Parkettboden. Der Schmerz erfüllt meinen ganzen Körper. Es ist wie damals. Fast.
Damals hatte ich andere Verhaltensweisen wie ich damit umging. Damals war es einfacher um ehrlich zu sein.
Damals habe ich einfach eine Rasierklinge geholt.
Damals war der Schmerz in mir dann kurz vergessen.
Damals habe ich nicht großartig darüber nachgedacht. Ich habe es einfach gemacht.
Damals habe ich nicht auf andere geachtet. Mit war egal, ob ich jemanden damit enttäuscht oder nicht.

Jetzt ist alles anderst.
Jetzt bin ich nicht mehr süchtig danach. Ja süchtig. Es ist ja immerhin auch eine Sucht. So wie Drogen, Alkohol oder sonst etwas.
Jetzt bin ich darüber hinweg.
Jetzt kann ich nicht mehr einfach zur Klinge greifen.
Ich will nicht wieder damit anfangen.
Denn Jetzt weiss ich, wie schwer es ist damit aufzuhören.
Außerdem wäre Jetzt Harry noch mehr enttäuscht, wenn er es sieht.
Doch sieht er es überhaupt?

Schnell um den Gedanken aus meinem Kopf zu bekommen haue ich mit meiner Faust fest auf den Boden. Es schmerzt, aber lange nicht so stark wie in mir.

Meine Faust kollidiert immer wieder mit dem harten hölzernen Boden. Ich spüre den Schmerz an meiner Hand, an meinen Knöcheln aber es hilft nichts. Er ist zu schwach. Der Schmerz in mir ist zu stark. Immer und immer wieder boxe und haue ich stark, oder auch mal schwächer auf den Boden. Es schmerzt und langsam reißt meine Haut auf. Doch anstadt aufzuhören mache ich weiter. Blut läuft aus den kleinen Rissen an meinen Knöcheln und verteilt sich auf meiner Haut. Es läuft in dünnen Spuren zwischen meine Finger und tropft teilweise auch auf den Boden. Durch den erneuten Aufprall verschmiert es mehr auf meiner Haut, sowie auch auf dem Boden.

Ich brauche Schmerz, um mit dem innerlichen fertig zu werden. Um ihn zu überstehen. Er nimmt meinen ganzen Körper ein und das kann ich einfach nicht ertragen. Schon immer brauchte ich den anderen Schmerz und seit ich mich damals geritzt habe ist das noch stärker geworden. Ritzen war in einer Hinsicht die beste Lösung für mich. Man kontrolliert die Verletzung, im Gegensatz wie wenn ich einfach auf den Boden boxe. Aber ich will nicht wieder mit dem Ritzen anfangen. Zu viel Angst habe ich davor. Wenn ich wieder Anfange, glaube ich nicht, dass ich es diesmal wieder schaffe aufzuhören. Ich habe es geschafft aufzuhören mit Harrys Hilfe aber wie soll ich es ohne ihn schaffen? Jeder hat eine andere Art mit Schmerz fertig zu werden und das ist nunmal meine.

Das kann er doch nicht machen. Er kann mich nicht wirklich verlassen, nur weil ich für ein Kind noch nicht bereit bin. Wobei, ich denke auschlaggebend für ihn war, dass ich Schwanger bin und das Kind trotzdem nicht möchte. Ich glaube wäre ich nicht Schwanger, wäre alles einfacher. Dann hätten wir so ein Gespräch nicht geführt, dann wären wir jetzt nicht getrennt. Er kann mir nicht einfach so vor die Wahl stellen. Ich liebe Harry und ich dachte nie, wirklich nie, dass er mich verlässt.

Mir laufen die Tränen, ohne irgendeine Chance sie zu stoppen, die Wangen hinunter. Immer und immer laufen sie weiter. Sie werden nicht weniger und auch nicht mehr. Sie tropfen auf den Boden und vermischen sich mit dem roten Fleck meines Blutes.

Es tut so weh. Es fühlt sich an, als hätte ich nie einen stärkeren Schmerz empfunden. Nie war er so stark.

Nicht, als meine Eltern gestorben sind. Nicht, als ich ins Weisenhaus kam.
Nicht, als meine Oma mir für alles die Schuld gab.
Nicht, als ich immer wieder abwesend und gemeim zu Liam oder Vanessa war.
Nicht, als ich dauernd von Taylor und seinen 'Freunden' geschlagen oder beleidigt wurde.
Nicht, als ich durch den Familienabend mit Harrys Familie an meine Erinnert wurde.
Auch nicht, als Harry mich damals verlassen hat.

Nicht einmal das unnormale Ziehen in meinem Unterleib überdeckt annähernd den Schmerz in mir. Ich schreie aus Verzweiflung laut auf.

Denn dieses mal scheint es wirklich endgültig zu sein. Harry wird mir nie verzeihen, wenn ich sein, unser Kind abtreibe. Selbst wenn, was aber nicht passieren wird, aber wenn ich es behalte wird er nichts mehr mit mir zutun haben wollen. Ich hatte immer recht, wenn ich ihm sagte wie schrecklich ich bin. Jedes mal hat er es als Schwachsinn hingestellt aber weshalb haben wir uns getrennt? Genau, weil ich schrecklich bin und einen Fehler begangen habe. Einen Fehler, so viel ausmacht, der unser Leben verändert. Man könnte jetzt von der Tatsache reden, dass ich die Muscheln bei ihm probiert habe oder, dass ich nicht wusste, wann und warum die Pille die Wirkung verliert. Aber auch davon, dass ich es ihm verheimlichen wollte und mich ohne seine Meinung für die Abtreibung entschieden habe. Egal was genau man als den gravierenden Fehler sieht, irgendwie war doch alles einer.

Behalten, vor allem ohne Harry an meiner Seite werde ich es nicht. Ich schaffe es niemals ein Kind großzuziehen. Vielleicht mit Harrys Hilfe aber nicht ich alleine.

Ich weiss nicht wie lange ich hier sitze und den Schmerz verdrängen möchte. Ich möchte ihn rausreißen, abschneiden, vernichten. Ich will ihn einfach nicht spüren. Aber solangsam richte ich mich auf und gehe ins Schlafzimmer. Den Fleck meines Blutes auf dem Boden lasse ich einfach. Meine Hand schmerzt aber das ist mir egal. Um genau zu sein, ist es gut. Es lenkt mich minimal vom anderen Schmerz ab.

Ich lege mich auf Harrys Seite unseres Bettes und atme seinen Duft ein.

Immer wieder wache ich auf und wälze mich von der einen auf die andere Seite. An ruhig schlafen ist nichteinmal annähernd zu denken. Selbst im Traum hat mich die Situation von gestern verfolgt.

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